Was wird aus #WirlesenFrauen?

Ich hatte eine etwas schlaflose Nacht. #WirlesenFrauen ist ein Herzensthema für mich. Viele, die den # nutzen, wissen nichts von meiner Challenge, oder dass ich ihn geschaffen habe. Das ist okay. Denn es ging dabei nie um mich, sondern um Aufmerksamkeit für Autorinnen, um ein “Wir” eben. Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dass sie benachteiligt werden, habe ich mehrmals gezeigt. Magda Birkmann, Nicole Seifert und Berit Glanz zeigen es beispielsweise auch. Es gibt #frauenlesen, länger als #WirlesenFrauen , es gibt den #Frauenschuber, die #HiddenPowers des Nornennetzes. Weil diese Aufmerksamkeit wichtig ist. Seit ich #WirlesenFrauen gestartet habe, höre ich, dass Bücher nach Autor:innengeschlecht lesen, nur falsch sein kann. Es ginge ja um Inhalt, um Qualität, um Geschmack. Das stimmt alles. Aber es würde behaupten, nur dya cis Männer, die den Buchmarkt anführen, würden gute Bücher schreiben. Und das ist einfach falsch.

Wir lesen Frauen Runde drei Logo

Nun kam gestern der Wunsch auf, #WirlesenFrauen durch etwas inklusiveres zu ersetzen. In der Diskussion ging es nur um den #, vielleicht war den Menschen, die darüber geredet haben, nicht bewusst, dass eine Leseaktion dahintersteht, die vom ersten Tag an darauf achtet, dass sie nicht nur weiße dya cis Autorinnen fördert. Vielleicht ja doch. Denn dass dabei immer noch nichtbinäre Autor:innen, trans Männer, agender oder inter Personen außen vorgelassen werden stimmt. Und es stimmt auch, was mir gestern mehrmals als Unterstützung gesagt wurde: ich muss das nicht alles schaffen.

Ich muss und kann vielleicht auch gar nicht alle marginalisierten Gruppen einschließen. Denn wo fange ich an, wo höre ich auf? #WirlesenFrauen sollte von Anfang an Sichtbarkeit schaffen für die, die vom deutschen Literaturbetrieb ausgeklammert werden. Das sind nicht nur FLINTA, das sind auch BI_PoCs, das sind Autor:innen, die nicht auf Englisch oder Deutsch schreiben, das sind auch Autor:innen aus anderen Lebensrealitäten als der christlich westlichen. Ich habe es weit gehalten und trotzdem manche ausgeklammert. Es gibt viele Baustellen im intersektionalen Feminismus und jede davon ist wichtig.

Ich kann das nicht – alleine

#WirlesenFrauen wird von großen Accounts mittlerweile benutzt. Reclam oder SWR gebrauchen den # immer mal wieder, feministische Lesegruppen haben ihn gefunden, manche, die nur für sich entschieden haben, mehr Autorinnen zu lesen. Ich habe mit der Challenge und mit dem # nicht versagt, sondern geschafft, was ich wollte. Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit, Leser:innen, die sich mit der weißen dya cis Dominanz beschäftigen.  Und jetzt? Wie geht es weiter? Ignoriere ich den Ruf nach mehr, weil ich keine Retterin sein kann? Ich bin keine Heilige, ich kann all die schrecklichen Diskriminierungen, unter denen ich zum Teil auch leide, nicht aus der Welt schaffen. Ich würde, wenn ich könnte. Sofort! Ich setzte mich ein, mache kleine Schritte, sensibilisier mich und andere. I do my very best und manchmal ist das nicht genug.

Am Anfang war #WirlesenFrauen nur für mich. Ich habe euch eingeladen, ich habe gefragt, ob noch jemand mit mir mehr Bücher von Autorinnen lesen will, und euch immer wieder erklärt, warum mir das wichtig ist. Warum mir intersektionaler Feminismus wichtig ist, warum ich für Feminismus oder Schlägerei schreibe, warum ich mich nicht entmutigen lassen will, wenn sich Auftraggeber:innen für Beiträge zu Diversität plötzlich nicht mehr melden. Mir ging es Ende 2020 und Anfang des Jahres nicht gut, ich war in einem depressiven Loch und ich arbeite mich immer noch heraus, auch deswegen ging mir die Diskussion so nahe. Ich weiß, niemand wollte mir etwas wegnehmen oder meine Arbeit unsichtbar machen. Es gibt hier keine Schuld, die irgendwen träfe. Doch ich hatte Angst davor.

Wir gemeinsam

Ich habe immer noch Angst. Dass ich es nicht schaffe, #WirlesenFrauen intersektionaler zu machen. Dass meine Idee abgelehnt wird. Darum biete ich sie euch an und entscheide nicht allein. Im Moment, ganz ehrlich, brauche ich diese Challenge, ich brauche die Gemeinschaft und die Arbeit daran. Dass ich auf Instagram die vielen Bilder teile, dass ich stolz bin, wenn große Verlage oder Accounts meinen # nutzen. Ich brauche euch, denn nur so wird aus meiner Challenge eine gemeinschaftliche Aktion, darum bitte ich euch, mit mir zu entscheiden, abzustimmen, mir Argumente zu liefern. Wir machen das gemeinsam, so wie wir gemeinsam für mehr Aufmerksamkeit pochen!

Wie geht es mit #Wirlesen... weiter
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Wir lesen mehr als …

Mein Angebot ist, aus #WirlesenFrauen, #Wirlesenmehr zu machen. Ein Wortspiel, so wie auch „Wir lesen Frauen“ ein Wortspiel war. Wir lesen mehr als dya cis Männer. Das ist die Regel. Es geht dabei nicht nur um FLINTAs, um Frauen, lesbische, inter, nichtbinäre, trans oder agender Autor:innen, sondern weiterhin auch um mehr als nur Weiße, mehr als nur deutschsprachige oder englischsprachige. Die Aufgaben für 2021 bleiben, der Fokus weitet sich, und es bleibt euch überlassen, ob ihr weiterhin nur Autorinnen lest oder zB. auch trans Männer und nichtbinäre Autor:innen lest. Alles ist möglich, außer dya cis Männer. Es gibt so viele Challenges, bei denen sie einbezogen werden, nicht in diese.

Wir lesen mehr Logo

Das ist mein Angebot für die Challenge und das hindert niemanden daran schwule BI_PoC dya cis Autoren zu lesen. Tut es! Sie sind da, lest sie. Schafft eigene Aktionen, wenn ihr sie braucht. Es gab schon Diversity Challenges, es gibt Frauenzählen, den Femtober von Nico, feministische Buchclubs, … Startet Aktionen, schafft Aufmerksamkeit, macht mehr! Ich bin gerne dabei, wenn ich kann. Und jede:r kann #WirlesenFrauen weiterhin nutzen, wenn das Buch einer Autorin gelesen wurde, ich habe den # nie geschützt, weil das meiner Intention, Aufmerksamkeit zu schaffen, entgegen wirken würde. Ich selbst werde ihn weiterhin nutzen, wenn ich das Buch einer Autorin gelesen habe, so oder so.

Mit #Wirlesenmehr biete ich eine Erweiterung, einen breiteren Blick. Doch, wenn ihr genau hinschaut, seht ihr, dass diese Erweiterung erschreckend klein ist. Die Auswahl wird vor allem in der Theorie größer, denn Bücher von offen trans Autoren, von inter, nichtbinären oder agender Autor:innen, bei denen dieser Umstand bekannt ist, gibt es viel zu wenige. Ich nehme keiner Autorin etwas weg, wenn ich diese Erweiterung wähle. Genauso nehme ich mir nichts weg und euch nichts. Ich schenke uns vielmehr eine neue Überlegung, einen neuen Blick, ein neues Verständnis von #ichlesemehr.

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6. Februar 2021 11:38

FLINTA hätte den Vorteil, dass auch Leute, die zwar keine Frauen sind, aber sich noch nicht geoutet haben, nicht mehr misgendert werden, wenn ihre Bücher im Rahmen der Aktion gelesen werden. Das würde auf alle Fälle sehr helfen.
Ich glaube, damit würdest du sehr vielen Leuten, die derzeit für die Außenwelt als Frau gelten, aber eigentlich nie eine waren, etwas Gutes tun <3

6. Februar 2021 15:25

Ich wurde gestern gefragt, was ich von der Diskussion halte und muss gestehen, dass das alles an mir vorbeiging, zu inaktiv bin ich aktuell auf Twitter. Ich kann mich nur auf deinen Beitrag beziehen und sagen: ich hoffe der Ton im Austausch, der Diskussion war auf Augenhöhe. Denn alles darunter hast du nicht verdient! Du stehst für Diversität, für Feminismus und machst dies durch die unterschiedlichen Aufgabenstellungen deiner Aktion, deines Leseprojektes, mehr als deutlich! Ich möchte niemanden übergehen oder verletzten, ich verstehe den Wunsch nach Inklusion vieler oder aller, aber es ist ein Hashtag. Wer sich mit dem Dahinter befasst,… Weiterlesen »

Reply to  Eva-Maria_Obermann
7. Februar 2021 13:00

Ich war mir unsicher, auch wenn du sehr (selbst)reflektiert deinen Beitrag verfasst hast, so weiß ich ja auch um den Ton der sich entwickeln kann – gut, dass es in deinem Fall nicht so war! Die Person, die mich darauf aufmerksam machte, klang so, als ob es nicht gänzlich auf Augenhöhe stattfand. Und das es mehr Menschen zukünftig einbeziehen soll, finde ich wundervoll <3 Hoffe das kam aus den Worten hervor, ohne jemanden zu verletzen. #WirLesenVielfältig fällt mir noch spontan ein, aber mit “Vielfalt” auch sehr schön, sagt mir eher zu als “mehr”, ich finde das Wort, für das was… Weiterlesen »

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