Realistisch, phantastisch, wunderbar

Letzte Woche, Mittwoch, habe ich meine Studenten ein bisschen aus der Wohlfühlzone geholt. Ja, gemeint für die erste Sitzung, aber ich wollte sie zum Nachdenken bringen. Thema war die Unterscheidung zwischen realistischer, phantastischer und wunderbarer Literatur. Und nein, das ist gar nicht so einfach.

Was ist was?

Die realistische Literatur umfasst alles, was wir aus unserer Wirklichkeit kennen. Historische Bezugspunkte können dafür entscheidend sein, aber auch Naturgesetze, Normen, Verhaltensweisen. Gegenwartsliteratur ist realistisch. Unterleuten genauso wie Schneepoet. Selbst wenn uns Strukturen dabei nicht selbst bekannt sind, finden wir sie in der Realität. Hier die Als-ob-Wirklichkeit des fiktionalen Textes anzunehmen, ist relativ leicht. Das gilt im Übrigen auch für viele Romanzen, Krimis und ähnliches. Die Als-ob-Wirklichkeit (Fachbegriff^^) bedeutet, es wird im Buch eine Wirklichkeit suggeriert, die der Leser im Komplex des literarischen Werkes annimmt.

Phantastische Literatur im literaturwissenschaftlichen Sinne ist keine Fantasy. Ich höre euch aufschreien, sehe die Falten auf eurer Stirn. Genau. Fantasy ist keine phantastische Literatur. Denn dazu gehören Texte, die mehrere Deutungsebenen haben und darum realistisch gelesen werden können, aber auch wunderbar. Der Zweifel ist es, was den Reiz ausmacht. Die Leser müssen mitdenken, sich überlegen, was gemeint ist, schwanken. Ihnen obliegt die Deutungshoheit.

Und ihr ahnt es jetzt bestimmt: Wunderbare Literatur ist das, was wir eigentlich als Fantasy verstehen. Magische Welten, in denen alles möglich ist. Sprechende Tiere, Zauberei, Götter, Formwandler, lebende Tote. Da, wo wir zwar Metaphern finden, aber keine zweite Deutungsebene. Wo Wunder aus der realistischen Sicht heraus passieren – das ist das Wunderbare.

Jede Literatur erschafft eine Als-ob-Wirklichkeit, die realistisch, phantastsisch oder wunderbar sein kann (Foto: thommas68 / pixabay.de)
Logisch?

Nun gab es natürlich bereits in der Vorlesung Beispiele. Während E.T.A. Hoffmanns Sandmann oder auch Nussknacker und Mausekönig phantastische Literatur ist (ich schmeiße mal noch Poes Geschichten in den Topf, Die Unglückseeligen oder auch Die Schneekönigin) hat der Dozent bei der Wunderbaren Literatur den Herr der Ringe aufgezählt. Und Harry Potter. Eigentlich logisch oder? Und genau an der Logik habe ich angesetzt. (Um Himmels Willen – wenn euer Professor ein Beispiel bringt und es nicht öffentlich diskutiert wird, stellt es bei der Klausur erst mal nicht in Frage. Aber denkt darüber nach und meldet euch doch, damit es öffentlich diskutiert werden kann, oder gebt die Begründung in der Klausur gleich mit)

Abge-grenzt

Zum ersten ist aus meiner Sicht die Unterscheidung zwischen realistisch-phantastisch-wunderbar weniger scharf zu trennen, wie das vielleicht der Dozent, aber auch der erste Blick auf die Kategorien annehmen lassen. Denn Wirklichkeit ist konstruiert. Meine Wirklichkeit ist nicht gleich eurer. Meist sind sogar relativ große Schwankungen dazwischen, sonst wären wir immer einer Meinung. Ich bin jetzt 30 und mir ist bisher erst eine Person begegnet, deren Wirklichkeit mit meiner annähernd deckungsgleich ist. Meist sind die Nuancen zwischen unseren Konstrukten minimal. Aber es gibt beispielsweise auch Menschen, die glauben, die Bibel wäre ein realistischer Text (gibt es in allen Religionen), Magie gäbe es wirklich, genauso wie Vampire oder Geister. Nun könnte man realistisch im literarischen Sinne als solche Literatur aufgreifen, deren Als-ob-Wirklichkeit sich an der gesellschaftlichen anerkannten Wirklichkeit (mit gesellschaftlich anerkannten Nuancen) orientiert.

Naaa guuut. Ich schmecke den Einheitsbrei und wende mich schnell ab. Phantastisch und wunderbar. Der zweite große Punkt. Ich glaube, in sehr vielen urban Fantasy Geschichten kann man eine zweite Deutungsebene erkennen. Dass Marie bei Nussknacker und Mausekönig nicht als Prinzessin in ein Zauberland reist, sondern im Fieberwahn stirbt, oder Alice nie im Wunderland war, sondern nur geträumt hat – solche Deutungen sind bekannt. Es ist die „erwachsene“ Sicht auf Kindergeschichten. Nun behaupte ich, das geht auch mit anderen. Und mit meiner Erklärung habe ich ein paar Studenten ganz schön verwirrt.

Die Unterscheidung ist manchmal gar nicht so leicht und kommt auf den Blickwinkel an
Twilight

Ich mag die Reihe nicht – das gebe ich offen zu. Bella ist eine furchtbare, konturlose Protagonistin, die sich nur nach Edward orientiert. Aber das lass ich jetzt mal (fast) beiseite. Denn ich behaupte, Twilight kann man wunderbar mit einer zweiten Deutungsebene versehen. Bella verlässt ihr gewohntes Umfeld und kommt auf eine nebelige Insel mit keinem Kontakt nach außen (Gegenwelt). Der Nebel kann für eine Depression stehen. Dort sind viele Regeln scheinbar anders. Von der Außenseiterin wird sie zum beliebten Märchen. Die Jungs verlieben sich in sie. Und sie sucht sich einen Vampir aus.

Die Depressionen führen zu Wahnvorstellungen, die in der Imagination eines Liebhabers enden. Er besucht sie vermehrt nachts und wenn sie alleine sind (seine Familie zählt hier nicht, denn die würden dann ja zu der Wahnvorstellung gehören). Wie psychosomatisch das ist, zeigt sich, wenn Bellas körperlich auf seine Abwesenheit reagiert. Ihr dürft gerne protestieren, denn das ist nur ein Ansatz, der zeigen soll, wie eine zweite Deutungsebene plausibel aufgezeigt werden kann. Das bedeutet nicht, dass ihr das Buch auch so deuten müsst. Zwei (oder mehr) Deutungsebenen bedeutet immer auch mehr Blickwinkel beim Lesen sind möglich.

Harry Potter

Und damit habe ich auch meine Studis aus der Bahn geworfen. Ich liebe die Buchreihe. Mittlerweile hinterfrage ich die Strukturen anders und sehe mehr, als noch vor zehn Jahren (oder noch mehr), als ich die Bücher das erste Mal gelesen habe. Aber ich liebe sie immer noch. Sobald mein Brief aus Hogwarts kommt, bin ich hier weg. Bloggen darüber dürfte ich eh nicht, da macht das Ministerium für Zauberei nicht mit. (an alle Potterheads – wir können Harry Potter auch gerne unter die realistische Literatur einordnen, da habe ich kein Problem mit). Der Dozent der Vorlesung hatte Harry Potter unter wunderbarer Literatur eingeordnet. Ich würde das nicht. (Bitte nicht hauen) Ich finde, Harry Potter lässt sich wunderbar lesen, aber eben auch phantastisch. Kurzer Blick auf den Protagonisten.

Auch Lieblingsbücher kann man mit verschiedenen Blickwinkeln betrachten und immer noch lieben
Verkehrte Welt

Ein Waisenkind, das von seinen Verwandten bei denen es lebt, schlecht behandelt wird. Er wohnt unter einer Treppe, wird gemobbt, die Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Dass so ein Kind psychologisch gesehen unauffällig bleibt ist eigentlich sehr seltsam. Und jetzt bin ich furchtbar gemein. Ich verändere den Blickwinkel. Das Buch ist aus personaler Sicht geschrieben. Wir sehen die Dursleys also durchaus durch Harry gefärbt, auch wenn er nicht der Erzähler ist. Denn der Erzähler ist parteiisch. Was wenn der Umzug Harrys in das größere Zimmer verhindern sollte, dass Harry auf die neue Schule geht, eine Schule für verhaltensauffällige Jugendliche (so ähnlich bezeichnet Onkel Vernon die Schule einmal). Und dann machen sie einen spontanen Familienurlaub.

Wenn wir kurz annehmen, dass Hogwarts keine magische Schule ist, sondern eine für Jugendliche mit psychischen Problemen, könnte es ein Versuch gewesen sein, Harry davor zu retten. (Ja, AHHHHHHHH, ich weiß). Dudleys Abschied am Schluss wird dann zur schamgefüllten Entschuldigung, weil er mit Schuld hat, das Verhalten von Onkel und Tante gegenüber dem unkontrollierbaren Jungen wird nicht besser, aber irgendwie verständlicher. Über mehrere Bücher hinweg driftet der Junge in einer Parallelwelt, die er mit Kindern, denen es genauso geht, gestaltet. Alles Verrückte.

Ebenen sehen

Auch das sollte nur ein Einblick sein, wie viel möglich ist, wenn man sich Büchern so deutungsoffen nähert. Ich lese Harry Potter selbst nicht so. Aber ich akzeptiere, dass diese zweite Deutungsebene da ist. Und manchmal finde ich das Denkspiel, das daraus entsteht, sehr unterhaltsam. Auch hier kann man natürlich wunderbar und phantastisch per Mehrheitsentscheidung voneinander trennen. Das was mehrheitlich keine Zweifel lässt und diesen Zweifel auch nicht als Prinzip verwendet (wie beispielsweise Poes und Hoffmanns Werke) ist wunderbar. Aber gerade in der Literaturwissenschaft finde ich es wichtig, Deutungsebenen neben der allgemeinen Leseart zuzulassen. Kennt ihr gute, aktuelle Bücher, die der phantastischen Literatur nach dieser Beschreibung zugeordnet werden können? Mir fallen spontan noch ein

Sommernachtsfunkeln – Beatrix Gurian
Die Unglückseligen – Thea Dorn
Die Rückkehr der Jungfrau Maria – Bjarni Bjarnason
Kleine Schwester – Barbara Gowdy

Kommentare

  1. Super spannend, was du da aufführst.
    Ich denke bei Harry Potter bleibe ich dabei, es als wunderbare Literatur zu sehen.
    Twilight dagegen tut es ja fast schon gut, es auf eine zweite Deutungsebene zu heben. 😀

  2. Hallo!
    Ich bin gerade ganz sprachlos, so toll finde ich deinen Beitrag! Es ist verblüffend, wie gut die Theorie mit Harry Potter funktioniert. Da verändert sich die gesamte Geschichte ja vollkommen! Wahnsinn. Darüber muss ich jetzt erst einmal nachdenken (auch wenn ich diese Sicht vermutlich auch nicht annehmen werde, aber im Kopf ist sie nun einmal angekommen – danke! 😀 ) Jetzt würde ich natürlich gern noch mehr darüber hören, noch mehr Bücher auseinandergenommen bekommen.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

  3. Spannender Artikel! Ich hatte selbst gerade ein Seminar zu aktueller phantastischer Literatur (Beerholms Vorstellung, Die Arbeit der Nacht, Sand und Alle Tage im Vergleich), aber natürlich macht es mehr Spaß, den Blickwinkel an so beliebten Büchern wie Harry Potter oder Twilight zu brechen. Besonders bei Twilight fand ich die Argumentation spannend, die von Harry Potter fand ich fast schon zu einfach. Interessant wäre ja nun, diese Bücher unter diesem Blickwinkel noch einmal zu lesen und dabei nach besonderen Triggern oder Signalen Ausschau zu halten 🙂
    VG Jennifer
    #LitNetzwerk

    • Hey Jennifer,

      Definitiv. Mir fallen beim Reflektieren nach dem Lesen immer mal wieder Stellen ein, die dabei interessant sind. Und so eine Analyse wäre dann klar ein tiefer Einblick mit literaturwissenschaftlichem Nutzen. Eventuell gibt es dazu sogar bereits Artikel. Da müsste ich mal schauen.

      • An welchen Beispielen habt ihr denn phantastische Literatur besprochen? Wenn ihr eine Vorlesung und ein Seminar dazu hatten, hattet ihr ja viel mehr Zeit, wirklich verschiedene Bücher in den Blick zu nehmen. 🙂 So ein Modul hätte ich auch gerne mal!

        • Tatsächlich war es nur Teil der Einführung und als Beispiel wurden ETA Hoffmanns Sandmann und auch Storms Schimmelreiter genannt. Als ich noch selbst studiert habe, hatte ich aber mal ein Seminar mit dem Titel „phantastische Gegenwelten der Kinder- und Jugendliteratur“, in dem ich beispielsweise „Twighlight“ lesen musste. Da haben wir den grundlegenden Faktor der Gegenwelt, statt einer in sich geschlossenen wunderbaren Welt genau betrachtet. Leider werden Seminare zu Kinder- und Jugendliteratur nur selten angeboten, weil das Fachgebiet relativ wenig Ansehen genießt. Da kommt die Überheblichkeit der „hohen“ Literatur und ihrer Betrachter hervor. Es gibt aber ein paar gute Sekundärbücher, die ich empfehlen könnte 😉

  4. Ehrlich gesagt, bin ich sogar eher überrascht davon, dass die meisten Leser diese weiteren Deutungsebenen nicht herauslesen. Besonders bei Harry Potter drängen sich doch weitere Bedeutungsebenen, spätestens wenn die Dementoren ins Spiel kommen, regelrecht auf. Ich bin verblüfft.

    • Naja, wenn man das Buch erst mal als reine Unterhaltungsliteratur liest, übersieht man das, weil der Leser ja dazu geneigt ist, die Als-Ob-Wirklichkeit innerhalb des Buches als wirklich anzuerkennen. Die weiteren Deutungsebenen sorgen ja dafür, auch die zu hinterfragen und eine neue Position einzunehmen. Schon bei Nussknacker und Mausekönig ist die Lesart, dass Marie krank ist und stirbt total offensichtlich und wird trotzdem gerne verdrängt. Das ist bei Harry Potter nicht anders.

  5. Michael

    Ich behaupte mal kühn, ohne diese zweite (psychologische) Bedeutungsebene wären die Twilight-Serie und auch Harry Potter nicht die Bestseller geworden. Wiewohl Rowliing und Meyer diiese sicher nicht als Interpretatonsmöglchket für Leser und Leserinnen, die keine Fantasy mögen ;-), angelegt haben. aber sie spricht eben den Leser an, hilft ihm beim Verständnis.

Ich freu mich über eure Meinungen