Kurz und knackig: Autorinnen und ihre Kurzgeschichten

Ein Stapel Bücher, oben liegt Laurie Pennys "Babys machen und andere Geschichten", daneben ein Untersetzer mit #WirlesenFrauen

Kurzgeschichten sind eine Textsorte, die nur wenigen im Alltag begegnet. Sie eigenen sich für Zugpendler:innen oder Leute, die vor dem Schlafen noch schnell in ein Buch schauen wollen und dabei eine in sich geschlossene Geschichte suchen. Wir finden sie in Zeitschriften und Zeitungen, mittlerweile auch online und immer wieder in Anthologien.

Auch Autorinnen können “kurz”

Vor allem Schüler:innen und Student:innen treffen während ihrer Schul- bzw. Studienzeit auf so einige Kurzgeschichten und dabei fällt immer wieder auf: Die Autoren dominieren hier noch mehr als sonst. Warum ist das so? Können Autorinnen etwa nicht „kurz“ schreiben? Sind sie zu ausschweifend? Das ist natürlich Quatsch. Ich selbst schreibe regelmäßig Kurzgeschichten, ihr könnt sie beispielsweise bei Nikas Erben finden, einem Zusammenschluss von Autorinnen und Autoren. Und auch andere Autorinnen schreiben Kurzgeschichten, darum ist auch eine der aktuellen Aufgaben bei #WirlesenFrauen die Kurzgeschichte einer Autorin zu lesen.

Herzgezeiten liegt auf einem Holztisch, daneben eine Tasse Kaffee, darum Seifenblasen in Herzform
Kurzgeschichten finden sich in vielen thematisch sortierten Anthologien, wie hier bei Herzgezeiten von Nikas Erben

Dass sie so selten den Weg ins Klassenzimmer oder den Seminarraum finden, liegt auch am fehlenden Material, dass Lehrkräfte aber unbedingt brauchen. Auch der Überblick fehlt und wer unter permanentem Vorbereitungsdruck steht, greift gerne und schnell auf Altbewährtes zurück. Das ist einfacher und ich weiß, wie wichtig es ist, dass Vorbereitung einfach funktionieren kann und auch Lehrkräfte haben ihren Feierabend redlich verdient. Wer aber kaum mit Kurzgeschichten in Berührung kommt, lernt das Genre weder kennen noch lieben. Darum sind die Kurzgeschichten, die ich euch hier vorstelle, auch fürs zwanglose Lesen bestens geeignet.

Ihr kennt sie alle

Zurück zu den Autorinnen von Kurzgeschichten. Heute will ich euch zeigen, dass ihr schon lange einige von ihnen kennt. Diese sind so bekannt, dass es durchaus Material zu ihnen gibt, auf das auch Lehrkräfte zurückgreifen können, dennoch werde sie immer wieder übergangen. Ich beschränke mich heute auf Autorinnen der Gegenwartsliteratur. Dabei ist zu beachten, dass in der Literaturwissenschaft „Gegenwart“ ein sehr dehnbarer Begriff ist und alles ab 1945 meint. Das darf durchaus kritisch gesehen werden und vielleicht werde ich mich ein anderes Mal damit befassen, warum es hier dringend einen neuen Begriff braucht. Ich fokussiere heute bei den deutschsprachigen Autorinnen vor allem die „frühe Gegenwart“, also Autorinnen der Nachkriegszeit, die aber teilweise bis in 21. Jahrhundert geschrieben haben.

Werfen wir zuerst einen wirklich kurzen Blick auf internationale Literatur. Wenn wir uns auf bekannte Autorinnen beschränken, sind das vor allem englischsprachige. Agatha Christie ist da zu nennen, die kriminalistische Kurzgeschichten geschrieben hat. Spannend ist hier auch der historische Hintergrund und die Perspektive, die sich dadurch ergibt. Krimifans kommen ganz auf ihre Kosten. Die Protagonist:innen bei Christie eint, dass sie selbst nie ganz dazu gehören. Hercule Poirot etwa ist als Belgier in England ein Außenseiter. Miss Marple besticht als Detektivin, die in einer männerdominierten Welt neue Perspektiven erschließt. In der Schule eignen sich kurze Krimis auch wunderbar, um wiederkehrende Themen wie Berichte, Personenbeschreibungen und Nacherzählungen anzugehen. Auch zu Weihnachten gibt es eine zauberhafte Geschichtensammlung.

Die Vielfalt der Kurzgeschichten

Ganz anders da die Kurzgeschichten der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Munro, zu der es beispielsweise bei eDidact Arbeitsblätter gibt. Ich habe selbst den Band Der Traum meiner Mutter mit Begeisterung gelesen. Ihre Erzählungen sind oft subtil emotional, einzelne Motive tragen die ganze Geschichte und die Bildsprache ist sehr einfühlsam. Auch gesellschaftliche Strukturen und Identitätskrisen sind wiederkehrende Themen. Sie sind nicht so leicht wie Christies Krimis, aber keinesfalls schwere Lektüre, sondern mit zeitlosen Themen und persönlichen Erzählungen mehr auf die Figuren als auf die Handlungen ausgerichtet.

Außerdem mit auf den Weg geben möchte ich euch den wundervollen Kurzgeschichtenband Babys machen der Feministin Laurie Penny. Wie könnte es anders sein, lassen sich anhand ihrer Geschichten, die meist in die Richtung Sci-Fi gehen, großartig Diskriminierungen nachvollziehen und die bildlichen Übertragungen können großen Spaß machen, ohne dass der ernste Kern der Geschichten verloren geht. Der Blick für gesellschaftliche Strukturen trifft hier auf hoch kreative Ideen, die schlicht faszinieren. Absolute Leseempfehlung für die Kurzgeschichten dieser drei großartigen Autorinnen.

Ich werde mich ein anderes Mal mit Kurzgeschichten von Autorinnen beschäftigen, die weder Deutsch noch Englisch schreiben, weil sie hier untergehen würden und wesentlich mehr Sichtbarkeit verdient haben.

Ein Stapel Bücher, oben liegt Laurie Pennys "Babys machen und andere Geschichten", daneben ein Untersetzer mit #WirlesenFrauen
Kurzgeschichten sind vielfältig und tiefgründig

frühe Gegenwartsliteratur

Stattdessen kommen wir nach dieser Mini-Auswahl an Autorinnen aus dem englischsprachigen Bereich zu den deutschen Autorinnen. Wo soll ich da nur anfangen? Ich versuche es, wie oben, chronologisch und kann auch dabei heute nur einen winzigen Bruchteil an Autorinnen aufgreifen.

Ingeborg Bachmanns Erzählungen reichen über die Nachkriegszeit hinweg und sind durchweg etwas ganz Besonderes. Sie eignen sich großartig, um Metaphern und Symboliken aufzuzeigen, sind aber auch sehr dicht und reich an Interpretationsmöglichkeiten. Etwas längere Erzählungen wie Das dreißigste Jahr bringen dann auch noch eine Art Coming of Age / Adoleszenzgeschichte mit, die Jugendliche ansprechen kann. Unter Mördern und Irren dagegen eignet sich sehr gut, wenn man historisch das Dritte Reich und die Nachkriegszeit mit einbeziehen will und einmal keine Lust auf Anders oder Grass hat.

Eine Identitätskrise tritt in Probleme, Probleme aus der Kurzgeschichtensammlung Simultan auf, in der auch die Leser:innen die Protagonistin nur nach und nach begreifen und immer wieder von dieser Meisterin der Prokrastination verwirrt zurück gelassen werden. Geschichte, die fordern, aber auch so gekonnt existenzielle Themen aufgreifen, dass ich immer wieder staune.

Als Zeitgenossinnen sind Christa Reinig, Ilse Aichinger und Marie Luise Kaschnitz zu nennen, deren Kurzgeschichten ebenfalls lesenswert sind. Kaschnitz, die auch Gedichte und Essays geschrieben hat, hat beide Weltkriege erlebt und das Dritte Reich in sogenannter innerer Emigration überstanden. Das hat sie insofern belastet, dass sie es als eine Art Mitläuferschaft, um selbst zu überleben, enttarnt hat. Nach dem Krieg wurde sie mit der Kurzgeschichte Das dicke Kind bekannt. Die Identitätskrise der Protagonistin zeigt sich hier in der Begegnung mit einem dicken Mädchen, dass sie selbst hasst, wobei die Interpretation die Nähe der Figuren deutlich macht, bis dahin, dass die Protagonistin selbst als das Mädchen zu erkennen ist. Die innere Zerrissenheit und Ablehnung des Selbst sind hier sehr anschaulich gezeigt.

Kurzgeschichten haben es in sich

Aichingers Mutter war Jüdin, doch auch Aichinger hat den Zweiten Weltkrieg in Österreich überleben, anders als ihre Familie. Sie war bei Treffen der Gruppe 47, wo sie auch ihre Erzählung Der Gefesselte vortrug. Dort wird der Protagonist ausgeraubt und gefesselt, doch er kann sich auch später nicht von diesen Fesseln lösen. Sie werden zu seiner Kleidung und damit Teil seiner Identität. Er lernt, sie zu nutzen und tritt damit auf. Neben anderen großartigen Erzählungen Aichingers zeigt dieser Identitätskonflikt und die Umformung der Fesseln zur quasi selbstgewählten Kleidung ein erstaunliches Gespür für psychologische Zusammenhänge und die Übertragung dieser in bewegende Bilder. Schöne Kurzgeschichten von ihr sind außerdem Das Fenster-Theater oder die Spiegelgeschichte, die beide in der gleichen Sammlung wie Der Gefesselte zu finden sind. Während erstere zeigt, wie unsere subjektiv unsere Wahrnehmung und Weltsicht ist, erzählt zweite die Lebensgeschichte einer Frau in umgekehrter Reihenfolge.

Als lesbische Autorin ist Christa Reinig auch unter meiner Auswahl hervorzuheben. Sie war 19 als der Zweite Weltkrieg endete und lebte danach in der DDR. Ihre ersten Kurzgeschichten erscheinen um 1950 und befassen sich vor allem mit feministischen Perspektiven, mit einem weiblichen Leben ohne Männer, später aber werden auch Männer Protagonisten. Auch lesbische Figuren schafft Reinig und erzeugt damit die so elementare Sichtbarkeit für Homosexuelle. Gerade die Hinwendung zum Feminismus ihrer Zeit macht Reinig zur Außenseiterin im Literaturbetrieb, was sich bis heute fortsetzt. Sie ist im heutigen Beitrag die Autorin, zu der es am wenigsten Material gibt, aber gerade für einen Blick auf die Entwicklung des Feminismus und eine queere Perspektive interessant. Die meisten ihrer Werke bekommt ihr nur antiquarisch, die Erzählung Glück und Glas hab ich aber auf Geniallokal entdeckt.

Kurzgeschichten? Bitte mehr!

Zuletzt möchte ich auf eine Autorin eingehen, deren Werk für mich in der deutschen Gegenwartsliteratur zu den bedeutendsten gehört. Christa Wolf hat nicht nur großartige Frauenfiguren geschaffen, die neue Perspektiven und Lebensentwürfe mit historischen Figuren zusammengebracht haben, sondern auch beeindruckende Kurzgeschichten geschaffen. Im Sammelband Mit anderem Blick geht es viel um Erinnerungen und Entwicklungen, aber auch um neue Wege. Weil einige ihrer durchweg lesenswerten Erzählungen länger sind und als Kurzgeschichten im Unterricht wenig taugen, möchte ich noch auf Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert eingehen. Dieses Tagebuchprojekt hat Wolf mehrmals durchgeführt und jeweils über Jahre hinweg den gleichen Tag festgehalten.  Die Texte sind persönlich und weniger handlungsorientiert, lassen aber nichts von Wolfs literarischem Können vermissen und beschäftigen sich immer wieder auch mit gesellschaftlichen, politischen und in diesem Sinne auch historischen Themen.

Damit kommen wir für heute zum Ende. Ihr seht, da gibt es noch allerlei Lücken und Perspektiven, die noch fehlen. Darum wird dies auch nur der erste Beitrag einer Reihe sein, die sich mit Autorinnen beschäftigen wird, deren Werk bereits da ist. Sie haben geschrieben und publiziert, faszinierende Geschichten geschaffen, berührende Gedichte und spannende Figuren. Falls ihr Wünsche für Beiträge zu dieser Reihe habt, schreibt sie mir. Wer mich auf Steady unterstütz hat dort die Möglichkeit weitere Informationen zu bekommen, eventuell kann ich dort auch Materialien gestalten und zur Verfügung stellen. Steady ist für mich noch recht neu und ich will das ab dem neuen Jahr mehr einbeziehen. Euch wird hier aber nichts verloren gehen, versprochen!

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