Ach, Virginia – Michael Kumpfmüller kann Woolf nicht fassen

Ach, Virginia hatte ich bei Netgalley entdeckt und sofort angefragt. Im Hinterkopf hatte ich dabei, dass ich mit dem Nornennetz und der #HiddenPower Leserunde Orlando von Virginia Woolf lesen wollte. Auch Ein Zimmer für sich allein habe ich mir zugelegt und hatte gehofft, in Ach, Virginia noch mehr Zugang zu dieser großen Autorin zu finden.

Virginia und das Zimmer

In Ein Zimmer für sich allein arbeitet sich Virginia Woolf am Thema weiblicher Autorenschaft ab. Diese war (und ist) mit künstlichen Hürden versehen. Schon Woolf wusste, was ich mit #WirlesenFrauen zu bekämpfen versuche: Literatur von Frauen wird weniger wertig als die von Männern angesehen. Ihr wird Banalität und geringe literarische Dichte zugesprochen. Wenn Frauen Liebesgeschichten schreiben, werden sie zu kitschigen Ergüssen. Ihre Gesellschaftsromane sind allenfalls unterhaltsam, nicht aber gesellschaftlich. Doch Virginia Woolf wusste auch, dass Autorinnen bereit vor dieser Herabwürdigung Steine in den Weg gelegt bekommen. Gesellschaftliche Steine, die eine Frau in Haus, Hof und Kinderzimmer verweisen. Es brauche genug Geld, um in Ruhe gelassen zu werden, und ein Zimmer für sich allein, um konzentriert arbeiten zu können. Klingt logisch, aber auch heute noch werden Autorinnen zu „Hobby-Autoren“, die zwischen Kind und Teilzeitjob halt ein paar Zeilen schreiben stilisiert. Virginia, du Gallionsfigur der Autorinnenschaft, es hat sich wenig getan.

Virginia und der Fluss

Ich möchte mich hier gar nicht darüber auslassen, dass Ach, Virginia von einem Mann geschrieben wurde. Das ist halt so, kann ich wenig daran ändern. Natürlich können auch Männer Bücher über Virginia Woolf schreiben. Ich kann mich aber fragen, ob das sein muss. Muss ausgerechnet ein Mann einen Roman schreiben, der sich mit Tagebucheinträgen und dem Seelenleben, ja der psychischen Gesundheit beschäftigt? Virginia Woolf war so bedeutend, sie hat viele Texte hinterlassen, sie war queer und litt unter Depressionen. Gerne darf sich an Mann daran abarbeiten, auch wenn ich jemandem, der diesen Erfahrungen näher ist, einfach mehr Empathie in diesen Belangen zugestehe.

weißes Holz als Hintergrund, darauf ein hellblauer Schal, auf dem eine türkise Strickmütze liegt, darauf liegt ein kindle, der das Frontcover von "Ach, Virginia" zeigt (eine abstrakte Zeichnung). Darunter liegt eine Feder. Links daneben eine Karte mit einer Zeichnung von Virginia Woolf
Virginia bleibt eine Figur hinter Nebeln in Ach, Virginia

Vielleicht wäre der Punkt gar nicht so elementar, wenn der Roman weniger subjektiv aus Virginias Perspektive geschrieben wäre. Hier zeigt sich ein sehr situationsgebundener Stil, der nicht nur in die Figur Virginia hineinschaut, sondern sie zu enttarnen sucht. Ihre letzten Tage sollen rekonstruiert werden und dazu werden Gedanken und Vorstellungen, Träume und Erinnerungen genutzt. Was aber nicht gelingt, ist die Figur tatsächlich zu greifen. Der Autor verpasst es, sie als Mensch zu zeigen und formt stattdessen ein stilisiertes Bild der Depressiven. Todessehnsucht, innere Einsamkeit, stetige Selbstzweifel. Mehr und mehr habe ich beim Lesen den Eindruck gewonnen, die Unausweichlichkeit ihrer Entscheidung zu zeigen. Es ist ein geradliniger Weg in den Fluss.

Virginia Woolf und das Abziehbild

Diese Eindeutigkeit sticht sich mit der Vielfalt, die Virginia Woolf bedeutet. Sie, die mit Orlando eine genderqueere Figur geschaffen hat, die nicht nur durch Epochen, sondern auch durch Geschlechtergrenzen hinweg lebt, liebt und leidet, wird bei Kumpfmüller zur literarischen Diva, die den Zugang zum Leben verloren hat. Die Mauer um Virginia ist uneinnehmbar, sie lebt in Erinnerungen und Gedanken. Im Grunde ist sie bereits am Anfang von Ach, Virginia gegangen. Die begleitende Sprache wirkt. In Teilen zeigt sich Losgelöstheit Virginias vom Leben, doch mit dem realen Bezug im Hinterkopf, komm ich nicht umhin, die Künstlichkeit dabei zu enttarnen. Kumpfmüllers Virginia wird zu einem tragischen Abziehbild. Das wird Virginia Woolf nicht gerecht. 

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