Das schwarze Loch um die Abtreibung

Ich habe mich gestern maßlos über die Äußerung von Jens Spahn in Bezug auf Abtreibung geärgert. Überhaupt ärgere ich mich schon seit Wochen über die ganze Debatte und frage, wie weit wir noch in der Zeit zurückreisen müssen, bevor es endlich wieder vorwärts geht. Beim gründlichen Nachdenken habe ich mich dann noch viel mehr geärgert. Weil Abtreibung auch in meinem literarischen Zuhause ein Tabu bleibt. Sie taucht in Psychogrammen und Thrillern auf, in großen Dramen, wo die Frau sich in letzter Sekunde dagegen entscheidet. In den seltensten Fällen wird sie durchgezogen. Bücher zum unerfüllten Kinderwunsch mit Fortpflanzung nach Tagesform oder Verliebt, Verlobt, Verplant dagegen gibt es zu Hauf. Und nicht nur im Bereich Literatur.

filmische Abtreibung?

Auch in Filmen und Serien ist Abtreibung ein seltener Handlungsstrang. In Greys Anatomy treibt Christina ihr Kind ab, ohne es ihrem Ehemann zu sagen. Die Ehe zerbricht. Wenn ich mich recht erinnere (kann ich gerade nicht verifizieren) ist es im Film Carolina von 2007, wo die Schwangere von ihren Eltern zur Klinik gebracht wird und von der Mutter des zukünftigen Vaters wieder herausgezerrt. Und dann ist da natürlich Dirty Dancing, in dem die verpfuschte Abtreibung Baby erst ermöglicht mit Jonny zu tanzen. Im großartigen Film Dogma ist die letzte Nachfahrin Jesus unfruchtbar und Ärztin in einer Abtreibungsklinik. Um am Ende durch göttliche Gewalt natürlich schwanger zu werden. Dann gehen mir die Beispiele schon aus.

Verbreitet ist dagegen die Wut der Mutter, wenn ihrem Kind etwas passiert. Diese Mutterrache gipfelt für mich in Kill Bill. Der Protagonistin geht es von Anfang an um Rache – aber nicht etwa für den Mord am Bräutigam und dessen Familie, nein, der Braut geht es um das totgeglaubte Baby, dass sie am Ende als Tochter in die Arme schließt. Wo Frauen also ihr Kind – sogar ihr Ungeborenes – beschützen, ist alles gut, da nehmen wir Mordserien in Kauf. Sie will ja nur ihr Kind. Selbst im Ritter Trenk Film meines Jüngsten lässt sich die Drachenmama sofort beruhigen, als sie ihr Baby wiederhat. Mütterklischees lassen sich eben nicht früh genug aufbauen. Frauen und Babys, Frauen und Schwangerschaft, das gehört doch einfach zusammen.

Ja, ich komme gerade etwas in Rage. Ich bin dreifache, bald vierfache Mutter. Meiner persönlichen Meinung nach sollte jeder, der heterosexuellen Geschlechtsverkehr hat, damit rechnen auch schwanger werden zu können. Kondome können reißen, die Pille kann versagen, manche Frauen werden für unfruchtbar erklärt und bekommen dann doch Kinder. Aber das gilt für beide Sexpartner, nicht nur für den mit dem Uterus. Und was danach passiert ist noch eine ganz andere Frage.

Wir müssen endlich akzeptieren, dass eine Frau nicht per se auch Mutter ist!
Ein paar Zahlen

Wenn wir an Abtreibung denken, denken wir dank vieler amerikanischer Filme und Serien an junge Mädchen, die beim ersten Mal nicht aufgepasst haben, die vielleicht viele Sexualpartner hatten oder mitten im Studium stecken. Aber Abtreibung ist kein Jugendphänomen. Neben der medizinisch indizierten, weil das Leben der Mutter auf dem Spiel steht oder das Kind schwer krank ist, gibt es noch ganz andere Gründe. Destatis meldete am 12.06.2017 26 600 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. Davon waren 72% zwischen 18 und 34, 17% zwischen 35 und 39, 8 % älter als 40. Nur 3 % waren jünger als 18. Und jetzt wird es spannend: 39 % hatten noch keine Lebendgeburt vor dem Schwangerschaftsabbruch. Nur 4 % waren medizinisch indiziert.

Das heißt also, die Idee der jugendlichen Schwangeren, die „ein Problem beseitigen muss“, ist idiotisch. 3%, verschwindend gering. Und außerdem hatte der überwiegende Teil der Abtreibenden bereits mindestens ein lebendes Kind zur Welt gebracht. Wenn man sich bei Beratungsstellen ein bisschen erkundigt gibt es da natürlich die Frauen in Ausbildung und Studium, die wissen, sie wären alleinerziehend und dann eventuell ohne Abschluss. Aber es gibt auch die Familienmütter, die bereits zwei Kinder haben und nicht wissen, wie sie finanziell oder organisatorisch ein drittes durchbringen sollen. Es gibt frisch getrennte, die wissen, mit dem Expartner kein Kind versorgen zu können. Da hört man von Frauen, denen gesagt wird „Wenn du das Kind bekommst, verlasse ich dich“, solche, die um Arbeitsplatz, Ehe, finanzielle Grundsicherung bangen. Abtreibung ist kein Luxusproblem.

Heuchelei und Tatenlosigkeit

Und hier werde ich richtig sauer. Denn es ist verdammt einfach von einem männlichen CDUler sich hinzustellen und Abtreibung als böse zu proklamieren. Auch ungeborenes Leben ist Leben und so. Und auf der anderen Seite rein gar nichts zu tun, um dieses Leben zu ermöglichen. Hartz IV ist ein Witz, die Kinderzuschläge lächerlich. Wer will von knapp 500 Euro eine Wohnung, Essen, Kleidung, Nebenkosten, etc. für eine mehrköpfige Familie bezahlen? Und nein, da reicht auch kein Kindergeld. Es helfen keine dutzend Anträge, die man bei Schulausflügen stellen kann und dass benutzte Schulbücher leihbar sind. Wenn ich meinem Kind kein frisches Obst kaufen kann, keinen Joghurt für den Kindergarten, weil das Geld für die Heizung drauf gehen muss, wenn es in zu kleinen Kleider rumläuft, weil ich Zahnpasta und Duschgel kaufen muss, wenn es ausgelacht und gemobbt wird, den mitleidigen Blick schon im Kindergartenalter als vertraut kennt. Dann reicht das nicht!

Keine Hilfe zu sehen – eine heuchlerische Angelegenheit
Das Ganze sehen

Das ist aber erst der Anfang. Denn wenn feststeht, dass ungeborenes Leben, von dem noch nicht einmal bekannt ist, ob es überlebensfähig ist, wichtiger ist, als das Leben der Mutter, müssten wir noch viel weiter gehen. Wie können wir dann Tote wichtiger stellen als Lebende und Organspende weiterhin freiwillig halten? Wie können wir Blut- und Knochenmarksspenden, die bereits existierendes, atmendes Leben retten können nicht verpflichtend einführen? Frauen dazu zu verpflichten diese Kinder auszutragen ist eine Farce, die ganz klar sagt, Frauen sind weniger wert. Weniger als jemand, der sich entscheidet, nicht Blut oder Knochenmark oder nach seinem Ableben seine Organe zu spenden. Und sie sind weniger wert, als das Kind in ihnen.

Dieser letzte Punkt verfolgt und Mütter übrigens auch, wenn wir das Kind bekommen. Denn unsere Karriere, unsere Gesundheit, unser ganzes Leben „müssen“ wir, wenn es nach der Gesellschaft geht nach unserem Nachwuchs richten. Und nach dem Vater, denn er ist als Mann fein raus. (An der Stelle: Ja, ich überdramatisiere. Ich kenne den Druck, der auf Männern lastet, ich persönlich leide an einer chronischen Krankheit und darf überhaupt kein Blut oder Knochenmark spenden, selbst wenn ich in der Entscheidung zwischen Tod und Psoriasis jedes Mals die Schuppenflechte wählen würde, aber wenn es schon ums Prinzip geht, dann auch richtig).

Faule Kompromisse

Ich lasse das Argument, dass die Kinder dann ja immer noch zur Adoption frei gegeben werden könnten, übrigens nicht zu. Denn nach 40 Wochen Schwangerschaft und einer Geburt gibt es kein „einfach mal zur Adoption frei geben“. Auch hier kennen wir aus Serien, Filmen und Büchern genug Beispiele, wie sich die Frauen im Krankenhausbett umentscheiden und welcher Schmerz es ist, das Kind abzugeben, das man gerade geboren hat, selbst wenn die Frau weiß, dass es richtig ist. Habt ihr Juno gesehen? Ein minderjähriges Mädchen wird schwanger und heult im Entbindungsbett, weil sie ihr Kind abgibt und weiß, dass es das richtige ist. Sie heul Rotz und Wasser und ich glaube ihr diese Empfindungen. Als Buch empfehle ich hier Das Haus der Glücklichen Mütter, das Leihmutterschaft realistisch und mit allen Schattenseiten erzählt. 

Die Geburt ist eine extreme Situation, die Hormone kochen über, die Angst, das Falsche zu tun ist permanent da. Und für eine Frau, die im Studium steckt oder sich ihre Karriere aufbaut ist der Ausfall durch Mutterschutz genauso wenig tragbar, wie der emotionale Druck, wenn dann alle Leute fragen, wo denn jetzt das Kind ist. Wie soll eine Mutter ihren Kindern erklären, dass das Geschwisterchen wegen Geld bei einer anderen Familie aufwächst? Das ist einfach oft keine Option, zumal Kinder in Pflegefamilien und Pflegeeinrichtungen oft auch kein gesegnetes Leben. Adoption aber ist auch nicht so einfach. Kurz: Schöne Idee, miese Umsetzung.

Frauen müssen Mütter sein

Unsere Gesellschaft ist nicht dafür gemacht, dass Frauen ihre Kinder nicht wollen. Ob postnatale Depression (dazu empfehle ich Nur die Liebe fehlt) oder #regretting motherhood – Frauen, die keine Mütter sein Wollen sind unserer Welt suspekt. Frauen, die keine Mütter sein können, genauso. Die aktuelle Debatte, die sich lediglich um die Möglichkeit der Information über Abtreibung handelt, zeigt das wieder. Niemand hat glückliche Frauen in Werbefilmen verlang, die strahlend die Abtreibungsklinik verlassen. Auch diese Entscheidung ist eine, die weit reicht und psychisch belastet. Doch anstatt aufzuklären und zu informieren schweigt unsere Gesellschaft dazu lieber, tritt auf die metaphorisch am Boden liegenden Frauen noch einmal feste ein. Wie du willst dein Kind nicht? Welche Möglichkeiten du hast, verraten wir dir nicht, du sollst es verdammt noch mal bekommen.

Kleinhalten durch Informationsstopp

Ich weiß noch, dass wir in der Schule gelernt haben, welche Möglichkeiten es zum Schwangerschaftsabbruch es gibt. Welche einfacher sind, welche mit großen Problematiken verbunden. In Philosophie an der Uni habe ich dazu einmal eine Hausarbeit geschrieben, deren Ergebnis eine Abtreibungskritik ist. Für mich wäre das nie ein Weg und ich freue mich, dass es Organisationen wie ProFamilia und 1000Plus gibt, die Frauen helfen, ihr Kind zu bekommen, wenn es wirklich nur an Geld oder ähnlichen Problemen scheitern sollte. Doch es ist egal, ob eine Frau ihr Kind aus medizinischen Gründe nicht bekommen kann, es nicht finanziert bekommt, weil in den nächsten dreieinhalb Jahren die GroKo Familien und vor allem Kinder wieder hintenanstellen wird, oder diese Frau eben kein Kind bekommen will – unter gar keinen Umständen.

Sie muss das verfluchte Recht haben, sich zu informieren und zwar nicht nur bei den Pflichtgesprächen in den Beratungsstellen, sondern auch vorab und hinterher wieder. Mädchen müssen vor dem ersten Sex in der Lage sein, zu wissen, was auf sie zukommen könnte, wenn sie diesen Weg wählen. Und die all so wortreichen Männer müssen ebenso in der Lage sein, nachzulesen und zu sehen, was Frauen bei Abtreibungen eigentlich auf sich nehmen, statt vom hohen Ross herab zu reden. Diese Information zu verweigern hält Frauen klein, verpflichtet sie indirekt Mutter zu werden und impliziert, dass sie gar nicht das Recht hat, sich zu informieren. Und das ist eine bodenlose, sexistische und diskriminierende Frechheit!

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Cathy
Gast

Ein starker und wichtiger Artikel!

Michael Kleu
Gast

Zu Deiner Auflistung filmischer Abtreibungen möchte ich noch auf das rumänische Filmdrama “4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage” hinweisen, das 2007 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat.

Sehr zu empfehlen!

Tiphaine
Gast

Eva, das unterschreibe ich voll und ganz! Frechtheit, dass ein Mann, der in seinem ganzen Leben nicht EIN Kind austragen wird, sich dummdreist berufen fühlt, Frauen das Recht auf Information zu genau diesem Thema vorzuenthalten.
Dieses Recht auf Information zuvor populistisch zur Gefahr „auf Werbung reinzufallen“ umzudeuten, ist dann die gesteigerte Frechheit von Frechheit.
Was für ein unangenehmer Krawallbruder, dieser Herr Jens Spahn.

Ivy Lang
Gast
Ich musste beim Lesen dieses Artikels mehrmals tief durchatmen. Jens Spahn macht mir wirklich Angst, mit dem, was er so von sich gibt. Und gleichzeitig macht es mich so wütend, dass ich am liebsten schreien würde. Weil seine Aussagen und die aktuelle Debatte zum Thema Abtreibung so unglaublich dämlich sind. Ich habe eine chronische Krankheit, die für mein ungeborenes Kind ein erhebliches Risiko darstellen kann und lange Zeit hielt mich diese Tatsache von einem Kinderwunsch fern und ich habe lange Jahre für den Fall einer ungeplanten Schwangerschaft definitiv eine Abtreibung aus medizinischen Gründen in Erwägung gezogen. Mittlerweile bin ich Mutter… Read more »
Buecherpanda
Gast
Liebe Eva-Maria, Ja, ja und ja. Alles was du sagst ist so absolut richtig. Es kann doch nicht sein, dass ein Mann entscheidet, was eine Frau wissen darf und was nicht. Das erinnert mich stark an Zeiten, in denen Frauen nicht mal lesen und schreiben können durften. Wenn der Mann das nicht möchte, hat die Frau gehörig zu sein. Wie traurig, dass wir nicht schon längst über diese Zeiten hinweg sind in unserer ach so aufgeklärten ersten Welt. Muss ich denn „Frau“ sein und darf kein „Mensch“ sein? Ich bin gerade 26 Jahre jung und auch wenn ich nicht bestreite,… Read more »
Janna | KeJas-BlogBuch
Gast
AMEN! Danke dir für diesen wundervoll ausgearbeiteten Beitrag! Ich unterschreibe das genau SO! Natürlich darf Abtreibung oder die Pille danach kein Verhütungsmittel ersetzen, natürlich sollte im Vorfeld dafür Sorge getragen werden das man verhütet, wenn man kein Kind möchte. Aber das war`s auch schon – alles andere ist jeder Frau selbst überlassen! Und es gibt so viele unzählige Beweggründe sich für eine Abtreibung zu entscheiden und eben diese fällt keiner frau leicht! Punkt! Auch das Frauen nicht als Ganzes gesehen werden wenn sie keine Kinder haben – ich springe da auf deinen Wutzug auf! Diese Entscheidung hat nur die Frau… Read more »
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