Mit der Katze und den Wörtern

Ich bin gern allein zu Haus. Die Ruhe, die nur von mir durchbrochen wird. Alles scheint wie in Dornröschens Märchenschloss. Dort steht die alte Kaffeetasse mit einem letzten Schluck, bereits erkaltet, hier steht der Joghurtbecher mit dem Löffel. Daneben ein angefangenes Puzzle. Eine Jacke, achtlos über den Stuhl geworfen. Ein paar Weinmücken fliegen über den Trauben, die ich erst gekauft habe. Drosophila, die besten Freunde eines Biologen. Die einfachste Genetik ist an ihnen zu zeigen, die sich schneller vermehren als die Karnickel. Besser man sagt heute, die treiben es wie die Drosophila.

Magie in den Augen (Foto: Obermann)

Die Katze leistet mir Gesellschaft, ruhig auf ihren Pfoten, erst die letzte, vorne rechts, klackert auf dem Laminat. Sie kann eine Kralle dort nicht einziehen. Tapp, Tapp, Klack, Tapp, Tapp, Klack. Sie rennt neben mir, überholt mich, bleibt so plötzlich stehen, dass ich ausweichen muss, um nicht auf sie zu treten. Dennoch ihr vorwurfsvoller Blick. „Miau“, sagt sie. „Miau“, antworte ich. So geht das eine ganze Weile, in allen Varianten. „Miao, Mauu, Miau, Mio, Mrau, Mou, Mah. Wir können das stundenlang. Ich imitiere sie, sie imitiert mich. Ein seltsames Gespräch, bei dem wir doch beide nicht wissen, was der andere sagt. Es endet im Schnurren und ihrem weichen Fell, das um das eine oder andere Bein herum streift. „Miau“, sage ich und beende unser Gespräch.

Ich bin gern allein. Dann kann ich schreiben. Ich kann nicht schreiben, wenn jemand dabei ist, der mir über die Schulter schaut. Ich hasse das. Es scheint in der Familie zu liegen. Schon meine Mutter fuhr mich dann und wann an, wenn ich über ihre Schulter spitzle. Auch mein Bruder kann es nicht leiden. Vererbt? Anerzogen? Ich muss die Tasten klappern hören, brauche die Ruhe, selbst die Straße wird mir zu viel. Jede Unterbrechung wird zu Qual. Allein das Kind geht vor, weil es ein Kind ist. Es versteht das Tippen nicht, nicht die Worte. Er aber, seine Anwesenheit macht es mir unmöglich zu schreiben. Dabei liest er es fast nie. Ist doch überrascht, wenn er es tut. Und stets im Hadern. Ich hadre an mir. An jedem Wort. Doch wenn ich allein bin, mit mir und den Wörtern, fällt es ganz leicht. Sie kommen von selbst. Wie bei Anni Matthes, der im Schlaf ein Lied einfiel. Mir fallen die Worte im Stillen ein. Beim Geschirrspülen, beim Sport, beim Meditieren, beim Teetrinken. Ich liebe Tee. Und ich bin gern allein, für eine Zeit, mit der Katze und den Wörtern.

©Eva-Maria Obermann

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