Lorelai allein unterm Baum (19.12) – Nr 19 von 24 Türchen

Heute hier das nächte Türchen des Blog-Adventskalenders von Mella und Susanne

Lorelai gähnte. Der Tag war lang gewesen. Zu lang. Und kurz. Viel zu kurz. Sie spürte, dass auch die Nacht sich nun dem Ende zu neigte und sie wusste, das Grauen begann, sobald sie aufgestanden waren. Es war einer der schlimmsten Tage im Jahr. Und er kam jeden Tag wieder. Lorelai wusste das. Sie erlebte es nicht zum ersten Mal. Schon vier dieser Tage hatte sie durchstehen müssen. Das wusste sie, weil die Frau es dem Jungen erklärt hatte.

„Es wird dein viertes Weihnachten sein“, hatte sie gesagt.
„Für Lorelai ist es schon das fünfte.“

Da hatte der Junge gestaunt, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass es eine Zeit vor ihm gab, dass es eine Frau vor ihm gab, einen Mann vor ihm und eine Lorelai vor ihm. Lorelei aber wusste es. Sie konnte sich daran erinnern, konnte sich auch die Zeit erinnern, als der Junge aufgetaucht war, klein, schreiend, süß riechend. Und an die Zeit, als er sie mit klebrigen, klatschenden Händen versucht hatte zu greifen und zu streicheln. So wie sie sich an die vier Tage des Grauens erinnern konnte, die sie bereits erlebt hatte. Einer war grässlicher als der andere, furchterregender, mit mehr Albtraumpotential. Und der fünfte stand kurz bevor. Es handelte sich nur noch um Augenblicke, um kostbare Momente der Ruhe, ehe es beginnen würde.

Lorelai gähnte und unterdrückte ein Maunzen. Bloß keinen aufwecken. Am wenigsten den Jungen, denn er würde alle wecken, endgültig wecken und dann gäbe es keinen Ausweg mehr. Sie hoffte nur, er würde schnell vergehen, der Tag des Grauens. Doch sie wusste, er würde lang sein, viel zu lang.
Sie glitt aus ihrem Korb und ging nach unten. Die Nervosität in ihren Schnurrhaaren stieg mit jedem Sonnenstrahl, der hinein fiel. Es war kein vorrübergehendes Kitzeln, sondern eine unangenehme, alles umfassende Erregung. Sie roch es förmlich. Sie roch es tatsächlich. Schon seit Tagen, seit Wochen.

Unschuldig hatte es angefangen, wie immer. Die Frau und der Mann kochten mehr Tee, der süßer roch, als der bittere Kaffee, den sie sonst immer tranken. Und sie kochten Saft heiß, dass sein intensives Aroma sich durch das ganze Haus ausbreitete. Manchmal war es kein Saft mehr, den sie erhitzten, sondern Gegorenes, Bitteres, dessen künstliche Süße Lorelai schlecht werden ließ. Das war der erste Schritt.
Dann fing die Frau an in der Küche Zutaten zusammen zu kneten. Tagelang stand sie dort, schaltete immer wieder die ohrenbetäubende Küchenmaschine an, fluchte leise, wenn etwas schief ging, roch zum Ablecken süß, wenn Lorelai an ihren Fingern schnupperte. Mehl und Zucker hafteten an ihren Kleidern, andere Gewürze, erfüllten die sonst so unschuldige Luft als Vorboten des Grauens. Und sie lachte darüber.

Wenn der Kühlschrank vollgestopft von Schüsseln mit unterschiedlichen Teigen war und Lorelai das Dröhnen der Küchenmaschine verdrängt hatte, fing sie an, den Teig auszurollen. Schicht um Schicht wälzte sie dünn, schnitt, stach aus, legte alles auf ein Blech. Der Junge half ihr. Sie sangen grelle Lieder, er quietschte und naschte und auch der Mann kam, aß den Teig roh, schleckte Schüsseln aus, probierte die ersten, die im Ofen gebacken wurden. Unausweichlich wurde dabei der Geruch. Jedem Zimmer blieb eine andere Nuance haften. Im Arbeitszimmer roch es nach Schokolade, denn die mit der braunen Füllung aß der Mann am liebsten. Im Wohnzimmer gab es eine bunte Mischung aus Zimt, Anis, Kardamom, Nüssen, Früchten, Honig und Zucker. Im Kinderzimmer roch es unaussprechlich süß und noch unter dem Bett des Junge erspähte Lorelai Krümel und süße Zuckerperlen. In der Küche roch es nach und nach etwas bittrer, nach Lebkuchen, denn die machte die Frau immer wieder, immer am meisten. Jeder hatte das Seine. Und Lorelai hatte nichts. Sie kroch in ihren Korb, wartete, hoffte, wusste, es war umsonst. Die Tage der Ruhe waren gezählt und es würde gipfeln, gipfeln in diesen Tag, wenn sie alle kamen, alle riefen, alles sich überschlug, in diesen Tag des Grauens, den sie Weihnachten nannten und immer wieder kaum erwarten konnten.

Lorelai gähnte wieder. Sie hatte kaum geschlafen. Hatte sich Verstecke überlegt, vor neugierigen Fingern, die sie greifen wollten. „Lorelai, Lorelaichen“, würden sie rufen und sie greifen wollen. Sie hatte es unter dem Kinderbett versucht, Auge in Auge mit den bunten Zuckerperlen, doch die Frau hatte sie jedes Mal gefunden. Lorelai durfte nicht allein ins Kinderzimmer. Sie hatte es zwischen den Handtüchern versucht, deren Wachmittelgeruch das Dunst gewordene Grauen überdeckte, doch der Mann stieß sie immer wieder unsanft aus dem Regal. Lorelai durfte nicht auf die Handtücher. Sie hatte es im Vorratsregal versucht, hinter den Konserven und Saftkartons, über ihr die Taschentücher. Doch der Junge hatte sie gefunden und mit dem bestimmenden Tonfall eines Kindes, das die Erwachsenen nachahmt gerufen: „Lorelai, raus aus dem Regal.“ Ihr blieb kein Platz.

Nach dem Gebackenen war der Baum gekommen. Sie hatte es an den Menschen gerochen, als sie ihn angeschleift hatten und noch im Keller hatten stehen lassen. Das Haus blieb noch verschon von seinem trügerischen Duft nach Freiheit und Wald. Doch an den Jacken hatte sie es gerochen, an ihren Händen. Und in ihren Augen hatte sie es gesehen. Sie kannte das schon.

Vor zwei Tagen dann hatte der Mann ihn hinaufgebracht. Groß und grün stand er nun im Wohnzimmer. Seine Zweige hatten sich ausgebreitet, die Nadeln standen kräftig in die Höhe. Das war das Schlimmste an dieser ganzen Zeit. Der Baum. Er roch nach Wald und frischer Luft, nach Tieren und Harz, nach der Welt da draußen, die Lorelei nicht kannte. Es meldete sich in ihr. Die Neugierde, der Drang raus zu gehen, durch die Wälder zu streifen, in den Ästen zu spielen. Sie versteckte sich gerne unter den Zweigen, roch nichts mehr als den Baum, träumte von Freiheit, von einer anderen Welt, einer anderen Lorelai. Gedankenverloren knabberte sie manchmal an einer Nadel oder einem Zweig, doch wenn sie erwischt wurde, riefen sie: „Lorelai, nein!“

Sie roch ihn, durch die geschlossene Tür, und träumte davon, unter ihm zu liegen. Doch heute würde auch das ihr nichts nützen. Sie würden Päckchen darunter stellen. Flache, schmale, riesige, eckige, runde, weiche, zerbrechliche. Immer mehr würden dort stehen, bis es kein Fleckchen unter dem Baum mehr gab, an dem Lorelai Zuflucht finden konnte. Natürlich nur den einen Tag. Doch gerade an diesem Tag hatte sie die Zuflucht bitter nötig.

Sie hörte die ersten Stimmen aus dem Schlafzimmer. Ihre Zeit verging, verrauchte, wie auch die Vorboten des Grauenstages wieder verrauchen würden, bald, bald, der Baum und sein Geruch zuletzt. Die Stimmen wurden lauter und es würde losgehen, gleich würde es losgehen, gleich würde er beginnen. Lorelai sah sich in der grausamsten Sekunde des ganzen Tages gefangen. In der, wenn alles so dicht vor ihr lag, dass sie es sehen konnte, schmecken konnte, hören, konnte, und die erlösende Nacht so weit entfernt lag. Die Zeit wurde träge. Wie immer, wenn sie allein war. Wie immer, wenn sie wartete, auf frisches Wasser, frisches Futter, ein frisches Klo. Träge und träger und noch träger. Sie gähnte und ihre Schnurrhaare zitterten.

Die Frau stand jetzt auf. Sie würde in die Küche gehen und anfangen. Den toten Vogel würde sie in warmes Wasser legen, damit er auftaute, und sein Duft Lorelai unweigerlich anlocken würde. Doch sie bekam nichts davon. Die Frau würde Gemüse schneiden, Obst schälen, Wasser aufstellen. Putzen würde sie auch, so dass sich alle Gerüche der entstehenden Speisen mit dem scharfen Putzmittelgestank vermengen würde. Duschen würden sie alle, noch mehr Gerüche, die Lorelai in der Mischung die Tränen in die Augen trieben. Und immer wieder war die Frau in der Küche. Kartoffeln kochen, Salat waschen, Soße anrühren, abdünsten, abraten, vorkochen. Den toten Vogel einölen, einreiben, würzen, noch mehr einreiben, bis er kaum noch nach Vogel roch, sondern nach anderen Gewürzen, etwas scharf, etwas süß. Er kam in den Ofen, musste lange dort bleiben. Und während Lorelai tatenlos dem Treiben zusehen musste, würde sie immer hektischer werden. Der Mann würde weiter aufräumen, der Junge aufgeregt durch die Gegend schnattern. Das Telefon klingelte, es wurde geschrien, geredet, geweint, gelacht. Alles auf einmal.

Und der Platz unter dem Baum würde immer weniger werden. Die Frau würde die ersten Geschenke darunter legen, ehe sie mit dem Jungen zur Messe gehen würde, mit Weihrauchgeruch und frischem Wind im Haar zurückkehren würde. Und mit den ersten Gästen.
Die Urgroßmutter, die etwas muffig roch, nach altem Parfüm und fremden Zimmern. Bis dahin hatte der Mann noch mehr Geschenke darunter gelegt. Die von der Urgroßmutter kamen jetzt dazu. Dann kam der Onkel mit neuen Geschenken, die Großmütter, die Großväter, jeder mit einem riesigen Korb voller Päckchen. Und der Platz würde eng sein. Kein Raum mehr für Lorelai. Das durfte sie nicht anstoßen, da es sonst umfiel. Und dort durfte sie sich nicht darauf legen, obwohl es herrlich weich war. Und es gab keinen Ausweg.
Die Hände griffen nach ihr. „Lorelai, komm Miez, Miez, Miez“, wie lächerlich das klang. „Komm Lorelaichen“. Dutzende Stimmen, dutzende fremde Gerüche. Sie wusste nicht mehr wohin, wer wer war. Sie lief von Mensch zu Mensch, suchte die ihren, traf immer wieder auf greifende Hände und wollte nur weg. Ihr Körper zitterte, das Herz versetzte ihren Magen in Vibrationen und ihr wurde schlecht.

Die Tür wurde oben geöffnet und die Frau kam heraus.
„Guten Morgen, Lorelai, heute ist Weihnachten“, sagte sie lächelnd und strich sanft über Lorelais angespannten Körper. Und das Grauen begann

©Eva-Maria Obermann

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Weil der heutige Beitrag auch Teil der 24 Türchen von Mella und Susanne ist, hier die Gewinnspielfrage zur Aktion:

Das wievielte Weihnachten ist es für Lorelai?

Eine Übersicht aller bisher veröffentlichten Türchen und gestellten Fragen findet ihr auf Vagabund bei Susanne. Es lohnt sich mitzumachen, denn es sind einige sehr schöne Preise zusammengekommen.

Partner und Gewinne:

Um einen der Preise zu gewinnen, müsst ihr die Antworten der in den 24 Türchen gestellten Fragen sammeln und an Susanne (annabelle.krause@web.de) schickenJe nachdem wieviele richtigen Antworten dabei sind könnt ihr bis zu drei Lose bekommen und eure Gewinnchancen erhöhen. Schon für 15 richtige Antworten gibt es ein los, bei 20 gibt es 2 Losen und wer alle Fragen richtig beantwortet kann 3 Lose bekommen.

Eine Übersicht aller Beiträge und der dazu gestellten Fragen findet ihr bei Susanne selbst.

Morgen wird das nächste Türchen bei Mareike geöffnet.

Kommentare

  1. Der NetzBlogger

    Reiner Wahnsinn.
    Jetzt bin ich gespannt, wie das Grauen aussieht. Bitte mehr von der Geschichte.
    Klasse Idee.
    Ich wünsche dir eine gesegnete Weihnachtszeit im Kreis Deiner Lieben ohne „grausame“ Gedanken. 🙂
    LG Timm

  2. Der NetzBlogger

    Mal nebenbei: Du musst diesen kommentar nicht veröffentlichen.
    Doch diese kommentarfunktion ist einfach schrecklich.
    Ich habe keine Lust, mich extra für eines der Dienste anzumelden, nur damit bei Dir kommentieren kann.

    Sorry, aber ich habe 12x versucht, den vorherigen kommentar abzuschicken. Bitte verzeihe mir diese Worte.
    Noch schöne Weihnachtstage wünscht dir
    Timm

  3. Wow, schöne Geschichte.
    Wir lassen unsere Tiere während der Zeit in Ruhe. Sie dürfen ins sichere Schlafzimmer oder ins Kinderzimmer. Oder dabei sein, ganz wie sie wollen.
    Schlimmer finde ich Silvester. Der Hund hat Angst und der Kater wäre gerne draußen. Doch das ist die einzige Nacht im Jahr, wo wir ihn nicht raus lassen.
    LG Mella

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  5. Iris

    Eine schöne Weihnachtsgeschichte hast du da geschrieben. Sie hat mich auf eine Idee für meinen Job gebracht, die ich eventuell übermorgen, an meinem letzten Arbeitstag in diesem Jahr, als Spiel umsetzen werde. Keine Angst, ich habe nicht vor, bei dir zu klauen. Wünsche dir schöne Weihnachten!
    LG Iris

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  8. Das ist wirklich eine tolle Geschichte…aus der Sicht von Lorelai wirklich das reinste Grauen….hoffe, dass meine Katze Tammy das nicht so empfindet 😉 Zumindest darf sie in gewohnter Manier auf ihren Plätzen sich verziehen 😉

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