Aufklärung, Sturm und Drang, Empfindsamkeit

In der Vorlesung zur Einführung in die Literaturwissenschaften dieses Semester wurde die Aufklärung zumindest sitzungsmäßig vom Sturm und Drang und der Empfindsamkeit getrennt. Epochenmäßig sind wir nach dem Barock hier spätestens bei unklaren Trennlinien angekommen. Viele Elemente teilen sich die drei Literaturepoche, die sich auch zeitlich überschneiden. Ob Gegenbewegung(en) oder Randform(en) ist dabei schlicht Interpretationssache.

Ein aufgeklärter Geist
Shakespeare war Aufklärer und wurde zwei Jahrhunderte früher geboren, als die Epoche ihren Weg nach Deutschland fand (Foto: MikeBird / pixabay.de)
Shakespeare war Aufklärer und wurde zwei Jahrhunderte früher geboren, als die Epoche ihren Weg nach Deutschland fand (Foto: MikeBird / pixabay.de)

Die Aufklärung ist ohne Kant nicht denkbar. Nicht etwa, weil er den Ausschlag geben hätte, sondern weil die Definition der Aufklärung geliefert hat, die ich noch aus meinem Deutsch LK auswendig weiß: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit …“ Aber was heißt das überhaupt? Die Aufklärung hat nicht in Deutschland ihren Ausgang genommen. In England beispielsweise war bereits Shakespeare Aufklärer, der im 16ten Jahrhundert geboren wurde.

Nach Deutschland kam die Aufklärung aber erst im 18ten Jahrhundert, als immer noch kleine Territorialstaaten das Land zersplitterten und der Absolutismus Standard war. Von Frankreich ist die Welle rüber geschwappt. Dort waren Rousseau und Voltaire wichtige Namen der Epoche. Zentrale Themen waren nicht nur die Kritik an der Ständegesellschaft und die Entdeckung des Individuums, sondern die Vernunft als Leitfigur. Sich seinen animalischen Trieben hinzugeben war schlicht undenkbar geworden. Auch Rousseaus „Zurück zur Natur“ war nicht etwa als Orientierung an natürlichen Trieben gedacht, sondern als Ruf zur Naturwissenschaft und als Versuch im Chaos der Natur einen vernünftigen Sinn zu finden.

Individuum und Kind

Beispielhaft hierfür ist die Entdeckung der Kindheit, die der französische Autor mit seinen Émile entscheidend mitgeprägt hat. Die Kindheit wird als Entwicklungsschritt anerkannt und als Grundlage für ein erfüllte, vernünftiges Wesen gesehen. Hier startet die Kindererziehung, wie wir sie heute kennen. Erste Kinderbücher, Erziehungsratgeber, kindliche Lehrliteratur treten auf. Das Kind muss geschult werden, um vernünftig werden zu können. Die Natur wird als Gegenentwurf zur Kultur gesehen. Ein Paradox, ist der Mensch als Kulturschaffender doch gleichzeitig Naturwesen. Auch wenn nun Frauen an einige Diskussionsrunden teilnehmen oder eigene Gründen, ist die Frau im Grunde außen vor. Sie wird als emotionales Naturwesen und nicht vernunftbegabt verstanden. Tatsächlich aber liegen auch die ersten Züge der Frauenbewegung hier, denn die mit den Theorien der Aufklärung vertrauten Frauen versuchten sich durchaus Gehör zu verschaffen – gingen aber meist unter.

Und literarisch?
Goethe und Schiller: Aufklärer, Stürmer und Dränger, Empfindsame (Foto: cocoparisienne / pixabay.de)
Goethe und Schiller: Aufklärer, Stürmer und Dränger, Empfindsame (Foto: cocoparisienne / pixabay.de)

Die Gattung der Aufklärung war das Drama. Durch anschauliche Beispiele sollten die Zuschauer regelrecht geschult werden. Lessing forderte, dass die Stücke Mitleid erzeugen sollten, um das Publikum zu einem besseren Verhalten anzuregen. Das bürgerliche Trauerspiel schaffte diese Grundlage, weil es durch einen Bruch mit den drei Ordnungen (Zeit, Ort, Handlung) und einer etwas offeneren Form mit der Ständeklausel brach und bürgerliche Figuren zeigte, die schwere Schicksalsschläge erleiden mussten und sich mit Vernunft befreien sollten. Als Paradebeispiel gilt seine Emilia Galotti, die, um ihre Tugend zu bewahren, den Tod durch die Hand ihres Vaters fordert. Die hohe Aufklärung schon wieder in Frage gestellt. Aber auch eine klare Kritik an Adel, Kirche und blindem Gehorsam gegenüber den Eltern.

Auch die Fabel ist eine klassische Gattung der Aufklärung, die mit ihrer „Moral“ eindeutig belehrende Funktion hat. Gleiches gilt für den Entwicklungsroman. Am Beispiel eines Helden soll der Leser erkennen, welcher Weg der vernünftige ist.

Randform oder Gegenbewegung

Ebenfalls im 18ten Jahrhundert treten Sturm und Drang sowie die Empfindsamkeit auf. Manchmal werden beide als Gegenbewegungen aufgezeigt, dann wieder als Randbewegung. Tatsächlich ist die Abgrenzung unscharf, wie so oft in der Literatur. Es gibt Werke, die in alle drei Epochen passen.

Stürmt und drängt
Und immer wieder der Tod als Ausweg (Foto: alles / pixabay.de)
Und immer wieder der Tod als Ausweg (Foto: alles / pixabay.de)

Der Sturm und Drang ist eine relativ kurze Erscheinung, die auf wenige, junge Autoren beschränkt war. Von 1765 bis 1785 lässt er sich grob eingrenzen. Friedrich Schiller schrieb seine Räuber erst 1781, als die Epoche im Grunde bereits vorbei war. Die Epoche ist nach einem Drama von Friedrich Maximilian Klinger benannt, das erste Drama des Sturm und Drang ist aber der Götz von Goethe. Im Grunde wollte der Sturm und Drang viele, was die Aufklärung auch forderte. Eine Abkehr vom Absolutismus, eine Förderung des Individuums, eine Säkularisierung des christlichen Glaubens.

Statt allein mit vernünftigen Reden sahen sich die Stürmer und Dränger aber mit Taten besser bedient. Zumindest in ihren Werken. Voller Energie und Kraft sind ihre Figuren, die keinen Platz in der Gesellschaft zu haben scheinen und deshalb scheitern müssen. Viel Tragik steckt darin, das Empfinden, nie ankommen zu können, das die Jugend auch heute noch beschäftigt. In seinem Prometheus klagt Goethes lyrisches Ich Vater, Staat und Kirche an, dass sie sich auf Kosten der Menschen bereichern und keinen Raum für Entfaltung lassen. Selbst aktiv zu werden ist die einzige Lösung. Aktiv bis zum bitteren Ende – ironischer Weise wie Emilia Galotti, die ihre vernünftige Tugend bis in den Tod bewahren muss.

Empfindsamkeit bis zur Empfindelei

In den Tod führt seine Weltanschauung auch Goethes Werther (1774). Der erste Briefroman, der erste Roman überhaupt, der derart über die Grenzen der Länder hinaus berühmt wurde, machte den jungen Autor über Nacht zum Weltstar, der er heute noch ist. Werther ist alles. Aufklärer, Stürmer und Dränge, Empfindsam bis zum Gehtnichtmehr. Seine Verklärung der Lotte, in der er sich gespiegelt sieht, führt ihn in die höchsten Lüfte und lässt ihn hart landen, als diese einen anderen heiratet und Werthers Fehleinschätzung offensichtlich wird. Er führt vernünftige Gespräche mit Albert, Lottes Verlobten, etwa über Selbstmord, gleichzeitig passt er weder ins Bürgertum, noch wird er vom Adel anerkannt. Die große Bedeutung der Geselligkeit, Motiv der Empfindsamkeit (1740-1790), die vernünftige Emotionen zeigen und herausbilden wollte, zeigt sich mehrfach im Roman. Gleichzeitig wird alles bereits ins Unkenntliche verzerrt.

Werthers empfindsame Naturbeschreibungen spiegeln seinen Seelenzustand wieder, er sucht nach Natürliche und finden die aufgesetzte Freundlichkeit des Adels, der ihn eiskalt fallen lässt. Und mittendrin steht Lotte, die für Werther alles in Perfektion erfüllt, ohne dass er sie tatsächlich sehen könnte. So eine Überhöhung des Individuums bis zur nackten Selbstverliebtheit, eine Empfindelei, die an Kitsch grenzt und die Gefühlsschwankungen, die Werther heute eine Borderline-Diagnose einbringen würden. Ein Nerv der Zeit wurde getroffen. Und wieder der Tod als Ausweg. Dass Goethe Werther die Emilia auf den Tisch legt soll dem Protagonisten nicht etwa Tugenden zuschreiben. Genauso plausibel ist die Selbstkritik des Werkes. Der Tod als Ausweg ist Selbstflucht. Dass Goethe in ihm wirklich eine Option sah, ist schwer zu glauben, immerhin hat er seine gescheiterte Liebe zu Charlotte Buff, die Vorlage für Lotte, verarbeitet und sich nicht den Kopf weggeblasen.

Kommentare

  1. Wortlichter

    Hach, wo ich deine Artikel lese, freue ich mich noch mehr, dass du bei der Frauen Challenge mitmachen willst. Es ist toll, dass du einen erweiterten Blick auf das Ganze mitbringen wirst, durch dein Hintergrundwissen. Früher war der Sturm und Drang meine absolute Lieblingsepoche, ich habe dieses kraftvolle Drängen geliebt. Heute bin ich eher beim Expressionismus beheimatet. Aber Gefühle und Ausdruck spielen bei mir bis heute eine große Rolle. Und ich lese auch immer noch gerne den Sturm und Drang. Die Aufklärung sehe ich sehr kritisch. Natürlich hatte sie viele gute Seiten, aber wie man damals mit den Frauen umging, hat für mich wenig mit Verstand zu tun. Immerhin wurden Frauen oft sogar als unmündig angesehen.
    Ich besuche auch gerade eine Vorlesung zur Literaturgeschichte und es gibt sooo viele tolle Sachen zu entdecken, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.
    Den Werther habe ich jetzt im Rahmen der Vorlesung gelesen, Schiller hatte ich schon früher gelesen und ich habe mir nun die Räuber nochmal vorgenommen. Mit den Räubern und Willhelm Tell verbinde ich persönlich sehr viel. Im Grunde war das der Wendepunkt, an dem mich Literatur wirklich das erste Mal tief berührt und geprägt hat und meine Liebe zur Literatur gefestigt wurde.

    Liebe Grüße, Anja

    • Liebe Anja,

      ich finde es auch ganz praktisch durch das Tutorium noch einmal durch die Epochen zu wandern. Sie beeinflussen uns doch immer wieder stark. Da ich so auf Fantasy stehe und auch selbst gerne fantastisches Schreibe, kann ich einen romantischen Einfluss auf mich nicht von der Hand weisen. Aber auch das Gefühl, nirgends dazu zu gehören, wie es die Stürmer und Dränger so sehr gezeigt haben, kenne ich gut. Immer wieder wenn ich mit mit Literaturgeschichte befasse merke ich, dass ich auch für mich nicht einfach klar trennen kann. So viel gehört zusammen und so viele Epochen sehe ich in zeitgenössischen Werken wieder.
      Umso mehr freue ich mich auf die Challenge! Die Frau wurde ja so lange vernachlässigt und findet auch in der Literaturwissenschaft eher in der Moderne Raum. Ein bisschen was an Grundlagenliteratur habe ich schon hier, Simon de Bouvoire etc.
      Lg
      Eva

Ich freu mich über eure Meinungen