Was ist schon normal – Holly Bourne

Dieses Buch konnte einfach nicht an mir vorbei gehen. Feminismus als Jugendbuch, hochgelobt, ein Hype, der entsteht. Und dann so ein Titel: Was ist schon normal. Ich war einfach zu neugierig auf die Spinster Girls. Nina Frey hat den 416 Seiten langen ersten Teil der Trilogie von Holly Bourne für dtv übersetzt.

 



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Evie will einfach nur normal sein. Normal zur Schule gehen, sich normal mit Freunden treffen, normal mit Jungs ausgehen. Niemand soll von ihrem Klinikaufenthalt oder ihrer Therapie erfahren, von ihren Zwangsstörungen und Ängsten. Doch ihre beste Freundin hängt nur noch an den Lippen ihres Freundes und ihr erstes Date geht spektakulär in die Hose. Gut, dass sie Lottie und Amber trifft. Mit den beiden kann sie nicht nur über Jungs reden, sondern auch über die Ungerechtigkeiten, mit denen junge Frauen konfrontiert werden. Sie gründen des Spinster Club und sprechen über Feminismus. Ihre Krankheit aber muss ein Geheimnis bleiben.

Vollgepackt bis obenhin

Ein Buch, dass sehr viel will und darum auch sehr dicht ist. Da wäre Evies Erkrankung, die Stigmata, die damit verbunden sind und die sie sich teilweise selbst auferlegt. Evies größte Angst besteht darin, allein zu sein, fallen gelassen zu werden. Sie spürt permanent Druck – wobei sie sich den größten selbst macht. Soweit, so normal. Die Erkrankung, psychischen Probleme und der Umgang mit solchen Krankheiten in der Gesellschaft nehmen einen weiten Raum ein und hätten alleine schon ein ganzes Buch füllen können. Sehr gelungen finde ich, wie Evie dabei schwankt. Sie ist nicht etwa die eigentlich überlegene Heldin, die ja alles besser versteht, sondern erfährt auch, wie schnell man selbst in eine Täterrolle abrutschen kann.

Die relativ harmlosen Verstrickungen mit Evie und den diversen Jungs, die sie interessieren sind dabei eingebettet. Sie verstärken Evies Glaube an eine Normalität und setzten sie gleichzeitig weiter unter Druck. Das klassische Teenagerdrama wird unter dem Schatten der psychologischen Erkrankung zum Seiltanz. Hierzu kommen die Streitereien mit den Eltern, die kleine Schwester, die ihr eigenes Päckchen zu tragen hat. Wohlgemerkt ist das Beiwerk, ein Rahmen sozusagen, der nicht nur den Teil zu Zwangsstörrungen mit dem des Feminismus verknüpft, sondern die einzelnen Stationen der Geschichten festlegt.

Feminismus?

Feministisch ist diese Handlung erst mal nicht. Im Gegenteil. Oberflächlich betrachtet geht es um Evie und die Jungs. Schmacht, Schmerz, Teenagerherz. Dabei zeigen sich die Kritikpunkte bereits früh und werden dann von den drei Freundinnen aufgegriffen. Die in ihrer Selbstaufgabe den Freund glücklich machen wollende beste Freundin etwa, aber auch Lottie, die schnell und freizügig Beziehungsschritte überspringt und direkt im Bett landet. Aber auch Amber, die von Beziehungen so gar nichts wissen will passt in dieses Bild. Feminismus schließt weder Liebe noch Verlieben noch Beziehungen aus. Die drei Mädchen haben das längst begriffen. Was aber soll der Spinster Club?

Der Spinster Club zeigt Alltagssexismus, nicht nur unter Jugendlichen. In erster Linie geht es im Buch um das Anpassen von Mädchen an die Vorstellungen ihrer männlichen Umwelt und das Verhalten von Jungs ihnen gegenüber. Weil auch das sich noch immer um Jungs dreht, entscheiden die Mädchen bei ihren Treffen bestimmte Themen herauszusuchen, die ohne Männer funktionieren. Feminismus ohne Feindbild Mann? Tatsächlich! Denn die patriarchale Gesellschaft ist vielleicht an vielen Zuständen Schuld, dennoch lässt sich super über Feminismus reden, ohne Männer zu erwähnen. Ich gestehe aber, dass ich es trotzdem leicht zwiegespalten aufnahm, dass die Mädchen zwar die ganze Zeit von Emanzipation reden und dann doch im ersten Moment klassischen Stereotypen verfallen, wenn es um Jungs geht.

Normal? Was ist denn das? 
Viele Wege führen zum Schluss

Teilweise kamen mir die Gespräche über die feministischen Themen dann wie Vorträge vor, die in die Handlung gelegt wurden. Das fand ich sehr schade, denn in der Handlung selbst hat mir die Umsetzung dann oft gefehlt. Glücklicherweise nicht in den entscheidenden Szenen. Und so zeigt sich auch, dass die Beschäftigung mit Feminismus Evie und ihre Freundinnen in den jeweiligen Situationen zum Umdenken und Reflektieren bringt. Diese Entwicklung ist im ersten Band noch etwas schwach – auch weil der Strang um Evies Erkrankung viel Raum einnimmt. Hier bin ich auf die Folgebände sehr gespannt. Großartig aber fand ich, dass Psychologie und Feminismus am Ende noch zusammengeführt werden. Das rundet nicht nur den Roman, sondern auch die beiden großen Themen ab, die bis dahin parallel laufen mussten.

Was ist schon normal ist ein sehr wichtiges Buch, dessen klassische Young Adult Rahmenhandlung ein leichtes Einsteigen und Lesen möglich macht, dass aber mit psychischen Erkrankungen auf der einen und Feminismus auf der anderen Seite zwei große Themenkomplexe zusammenführen will. Ein anspruchsvolles Vorhaben, das mit dem runde Ende tatsächlich gelingt. Ein Buch, das ich mir für den Deutschunterricht in der Oberstufe wünschen würde, weil es an Dichte nicht mangeln lässt und gleichzeitig wichtige aktuelle gesellschaftliche Themen vermittelt. Kein perfektes Buch, aber ein sehr, sehr gutes.

 

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Ich mochte dieses Buch sehr gern und habe gerade mit dem zweiten Band begonnen (auf Englisch).
LG
Sonja