Deutschland Schwarz Weiss – Noah Sow

Eine Rezension zu Deutschland Schwarz Weiss von Noah Sow zu schreiben, fühlt sich gleichzeitig stümperhaft und extrem wichtig an. Ich habe die sechste Auflage, erschienen 2009, und ich fürchte aktuell könnte man gut und gerne zweit weitere Kapitel mit dem alltäglichen Rassismus ergänzen. Insgesamt hat das Buch 320 Seiten und ist bei Goldmann erschienen. An dieser Stelle will ich Mareike danken, die eine kleine Leserunde ins Leben gerufen hat, durch die ich dieses Buch häppchenweise gelesen habe.

 



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Häppchenweise war schwer nötig, denn bereits das erste Kapitel ist schwer zu verdauen. Vom ersten Wort an öffnet Deutschland Schwarz Weiss die Augen – im wahrsten Sinne des Wortes. Oftmals habe ich mich gefragt, wie blind ich eigentlich durch die Welt gehe. Nicht nur die historischen Hintergründe, die im zweiten Kapitel meine Sicht nochmal komplett auf den Kopf gestellt haben, auch die Berichte aus der Gegenwart musste ich erst einmal verdauen. Warum lesen wir solche Bücher nicht in der Schule? Rassismus ist eben nicht nur ein Thema für den Geschichtsunterricht (LEIDER), sondern passt genauso gut in Ethik, Sozialkunde, die sogenannte Werteerziehung, die mein Sohn in der Grundschule hatte oder den gesellschaftlichen Hintergrund, den unser Deutschlehrer bei jeder Arbeit wissen wollte.

Oh Schreck, ich bin weiß

Die erste Lektion des Buches ist quasi, dass auch der weiße Leser sich selbst als solchen begreift. Egal, wie sehr ich mit gegen Diskriminierungen einsetze. Ich bin weiß. Punkt. Ich gehöre zu den Weißen. Die Erkenntnis, zu einer Gruppe gezählt zu werden, zu der ich vielleicht gar nicht gehören will, beschäftigt mich, noch immer. Dass meine Sprache (und hey, ich liebe meine Sprache) rassistisch geprägt ist, muss ich erst einmal verdauen. Dann erst kann ich umdenken, sensible sein und sensibilisieren.

Und dabei sind noch nicht mal auffällige Beispiele gemeint wie „der schwarze Mann“, oder „Schokobaby“, sondern Feinheiten, die in meinem Kopf bisher auch anders funktioniert haben. Etwa die Konnotation von Schwarz = Nacht = Unheimlich. Regelrecht erschreckend war aber das entstehende Bewusstsein, wie viel Rassismus doch mein Umfeld in sich trägt. Etwa, wenn meine Kritik am Nikolaus im Struwwelpeter nicht verstanden wird oder sofort in den angreifenden Verteidigungsmodus (jetzt übertreib mal nicht) übergegangen wird, wenn ich darum bitte, die neuen Nachbarn nicht einfach als „die Türken“ zu bezeichnen. Oder andere, die von sich nach dem Urlaub sagen, sie seien „braun, wie ein N…“. Erschreckend ist nicht nur, wie oft ich solche Äußerungen jetzt wahrnehme (vielleicht war ich nicht nur blind, sondern auch taub), sondern auch mit welcher Vehemenz die Menschen dann sich selbst als „nicht rassistisch“ verteidigen. Ich habe schon alle Klassiker gehört, von „du hörst auch nur, was du hören willst“ bis zu „YX ist das auch und hat nichts dagegen, wenn ich das sage“. Es fühlt sich an, wie ein Kampf gegen Windmühlen.

Häppchen mit Gewicht: Deutschland Schwarz Weiss
Rassismus begegnen

Bis ich zum Thema Rassismus in den Medien kam, war ich längst nicht mehr überrascht. Einige der genannten Beispiele waren mir selbst schon früher aufgefallen. Hier fühlte ich mich regelrecht bestätigt. Eher die Details haben mich hier doch verwundert. Sowohl die Dekonstruktion bei den drei Fragezeichen als auch bei der Alien-Reihe hat mich doch sehr zum Nachdenken gebracht. Auch die implizierten Übertragungen bei Begriffen und Zuschreibungen. Jüngst durfte ich einer Journalistin nicht nur erklären, was PoC bedeutet, sondern auch, dass sie bitte bei meinem neuen Buch nicht von einer „farbigen Protagonistin“ schreiben soll.

Sehr interessant fand ich den Punkt „Stichwort Augenhöhe“. Denn nur, weil ich als Weiße jetzt etwas über Rassismus gehört habe, bin ich keinesfalls in der Lage oder Position mich schützen vor alle Schwarzen der Welt zu stellen und eine Art Täter-Opfer-Held Verbindung zu suggerieren. Gleichzeitig ist es wichtig, in den effektiven rassistischen Übergriffen (seien sie verbal oder physisch), Stellung zu beziehen. Diese Gradwanderung macht mir persönlich am meisten Kopfzerbrechen.

Grandios finde ich, dass Deutschland Schwarz Weiss nicht nur fundiert argumentiert und kein Blatt vor den Mund nimmt. Mit persönlichen Beispielen und offenen Belegen, einer Prise Sarkasmus, Hilfestellungen und Schonungslosigkeit weckt das Buch auf, öffnet Augen und Ohren, zwingt zum Nachdenken. Rassismus ist nichts, über das wir hinweg wären. Er ist nichts, der uns nichts angeht. Er darf nicht gesellschaftsfähig sein (ist es aber oft) oder gar gelehrt werden (wird er aber oft).

Ich werde Deutschland Schwarz Weiß mit Sicherheit noch oft in die Hand nehmen. Es wird auf die Lektürelisten meiner Kinder wandern und hoffentlich kann ich auch den ein oder anderen meiner Freunde und Verwandte für dieses Buch begeistern. Nein, es ist nicht leicht zu lesen, aber darum umso wichtiger.

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Liebe Eva,

nun endlich schaffe ich es, auch mal wieder hier vorbeizuschauen!

Dieses Buch ist so wichtig und deine Rezension ist so toll geworden! Wir müssen uns einfach viel, viel mehr mit dem Thema Rassismus auseinandersetzten und Reflektieren. Heute noch mehr als je zuvor, wenn ich so aus meinem Fenter schaue und auf der Straße höre, was viele Leute sich trauen zu sagen! 😦

Dieses Buch habe ich vor Kurzem gekauft und möchte es auch ganz bald lesen. Ich freue mich schon drauf und habe gleichzeitig etwas Angst davor.

GlG, monerl