Resteküche, Bier aus Brot und Liebe zum Essen – Interview mit Katharina Schulenburg und Daniel Anthes über “Weil wir Essen lieben”

Ich komme aus einer kleinen Stadt mit einigen kleinen Dörfern im Umkreis. In unser Schulzentrum kamen viele Kinder der umliegenden Gemeinden – seit ein paar Wochen geht auch mein ältester Sohn in das Gymnasium dort. Noch immer hat es regional einen ganz guten Ruf und ich kann es immer besser nachvollziehen, wenn ich sehe, was aus meinen Mitschüler*innen geworden ist, was sie alles auf die Beine stellen und wie sie sich aus den leicht verqueren Abiturienten zu engagierten Menschen entwickelt haben. Einer dieser Menschen ist Daniel Anthes, der sich mit seiner Freundin Katharina Schulenburg gegen Lebensmittelverschwendung einsetzt. Unmengen an Nahrungsmitteln werden täglich unnötig entsorgt, weil sie ein Datum überschritten haben, ein Kunde sie zurückgebracht hat oder sie einfach nicht mehr perfekt aussehen. Mit ihrer „Resteküche“ zeigen Katharina und Daniel auf Veranstaltungen, welche tollen Gerichte sich aus „alten“ Lebensmitteln zaubern lassen. Heute erscheint ihr Buch Weil wir essen lieben, mit Rezepten und Tipps gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Ich durfte den beiden dazu einige Fragen stellen und ihr habt die Möglichkeit am Ende ein Buch zu gewinnen. Danke an den oekomVerlag dafür.

Katharina und Daniel lieben Essen (Foto: Schulenburg/Anthes)
Schreibtrieb: Am dritten September erscheint Euer Buch „Weil wir essen lieben“, in dem Ihr gegen Lebensmittelverschwendung ein Zeichen setzten wollt und mit 40 Rezepten und Tipps zur Verwertung von Resten Hilfestellung gibt. Was war der Punkt, an dem Euch bewusst wurde, dass Ihr gegen das massenhafte Wegschmeißen von Essensresten handeln wollt?

Katharina: Als wir das erste Mal selbst „Lebensmittelretten“ waren. Über die Online-Plattform Foodsharing hatten wir uns damals eines Abends bei einem Filialbäcker eingetragen, um nach Feierabend die übrig gebliebenen Backwaren abzuholen. Als unser Mittelklasse-Pkw dann mit Brot, Brötchen, Teilchen und Sandwiches randvoll war, waren wir natürlich erstmal richtig schockiert. Im gleichen Momentan haben wir uns aber direkt geschworen, dass wir gegen diese unnötige Verschwendung vorgehen möchten. Und so kam es, dass wir nun schon seit ungefähr fünf Jahren den Großteil unserer Freizeit aufwenden, um gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen.

Schreibtrieb: Oft sehen wir ja gar nicht, was hinter der Ladentheke alles weggeschmissen wird. Unser Bäcker bietet regelmäßig das Brot vom Vortag verbilligt an, um Verschwendung zu vermeiden. Ihr seid da schon einige Schritte weiter. Mit der „Resteküche“ seid Ihr schon länger unterwegs und verwertet gerettete Lebensmittel wieder. Welche Erfahrungen habt Ihr dabei gemacht? Glaubt Ihr, dass der Effekt solcher Events anhält oder gehen die Leute dann heim und machen weiter, wie bisher?

Katharina: Die Erfahrungen sind ausschließlich positiv. Und die Gründe dafür liegen ja auch irgendwie auf der Hand: Jeder mag einfach gutes Essen und findet es schade, wenn Sachen im Mülleimer landen. Auf unseren Events erfahren wir deshalb auch durch die Bank nur Lob und Danksagungen. Und hin und wieder melden sich auch Leute im Nachfeld bei uns und berichten davon, wie sehr wir sie inspirieren konnten und dass sie deshalb ihren eigenen Konsum überdenken. Man muss aber wohl ehrlicherweise sagen, dass das die Ausnahmen sind – für den Großteil wird ein einziges „nettes“ oder „cooles“ Event nicht ausreichen, um grundlegend zu ändern, wie sie oder er mit Lebensmitteln umgeht. Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier. Aber wir sehen uns ja auch nicht als Alltagsfliegen an, weshalb wir die Hoffnung dafür noch nicht aufgegeben haben.



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Schreibtrieb: Vielleicht hilft es auch schon, einfach den Gedanken anzuregen, um langfristig dann doch zu einer Änderung zu kommen. Neue Ideen und Umsetzungen gibt es immer wieder. Relativ jung ist das Bier aus alten Brotresten, das Ihr gemeinsam mit zwei Mikrobrauereien entwickelt habt. Die Neugierde darauf ist ja sehr groß, die erste Charge ist bereits verkauft und es muss nachgebraut werden. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?

Daniel: Ich hatte schon länger die Idee, aus altem Brot Bier zu brauen, da ich eben auch von den ausländischen Initiativen weiß, die das schon längst erfolgreich machen. Nur irgendwie in Deutschland, dem Land des Brotes und des Bieres (!), hat sich irgendwie bislang keiner an die Idee gewagt. Ich meine: Biertrinken und dabei die Welt besser machen – gibt’s was Cooleres? Dann habe ich mir eines Tages gedacht: Na gut, wenn’s sonst keiner macht, dann mach ich es halt! Ich schrieb ein paar lokale Brauereien an und nur wenige Tage später hatte ich schon das erste positive Feedback. Der Rest ist Bierbraugeschichte (lacht).

Schreibtrieb: Manchmal muss man eben den Stier einfach bei den Hörnern packen und den Versuch wagen. Und Bier aus Brot ist da weder abwegig, noch ein Kuriosum. Allzu oft werden wir aber auf falsche Ideale getrimmt, auch bei Lebensmitteln. Mindeshaltbarkeitsdaten und die Vorstellung von perfekten Früchten, die uns in der Werbung vorgegaukelt wird – warum glaubt Ihr werfen wir Deutschen so sorglos Essen weg?

Daniel: Aufgrund der Immerverfügbarkeit von Lebensmitteln das ganze Jahr über zu knallhart günstigen Preisen haben wir irgendwie die Beziehung dazu verloren. Doch was bedeutet es eigentlich, wenn wir Erdbeeren oder Tomaten im Februar in der Auslage erblicken können? Viele wissen gar nicht mehr, wie das, was jeden Tag auf ihren Tellern und schließlich in den Mägen landet, eigentlich dort hingekommen ist. Und diese Distanz führt letztlich dazu, dass wir extrem verschwenderisch mit unseren Lebensmitteln umgehen.  Lebensmittelverschwendung ist eine Herausforderung, über die wir offen sprechen müssen – und zwar alle: vom Bauern über den Händler bis hin zum Konsumenten. Das Problem ist viel zu gewaltig, als dass man es ignorieren könnte.

Schreibtrieb: Und dennoch gibt es viele Menschen, die naiv weitermachen wie bisher. Dabei kann es manchmal ganz einfach sein. Neben der Verwertung von Resten ist auch Kompostierung eine wichtige Methode, mit Müll umzugehen. Dennoch werfen viele Leute biologische Abfälle von Obst und Gemüse in den Hausmüll und greifen sorgenfrei zu mehrfach verpackten Lebensmitteln. Glaubt Ihr, diese Probleme hängen zusammen und können auch gemeinsam angegangen werden?

Katharina: Diese Probleme hängen für uns insofern zusammen, als dass die Lösungen offensichtlich sind und jeder einzelne mit ein wenig Mühe viel verändern kann. Die Kompostierung zuhause ist natürlich nicht für jeden einfach möglich, da nicht jeder einen Garten hat. Hier gibt es aber auch Indoor-Lösungen wie z.B. ein Bokashi-Eimer. Ansonsten gibt es in den meisten Gemeinden auch Biomülltonnen. So entstehen weniger klimaschädliche Gase auf den Deponien und die Reste bzw. Küchenabfälle können kompostiert oder sogar zur Biogas-Gewinnung genutzt werden. Bei doppelt oder dreifach verpackten Lebensmitteln wird schon etwas schwieriger. Mit ein bisschen Recherche findet man aber Läden, die Gemüse und Obst auch ohne Umverpackung anbieten. In jeder größeren Stadt gibt es ja mittlerweile auch einen “Unverpacktladen”, wo man auch Trockenware oder Kosmetikartikel ohne Verpackung einkaufen kann.

Schreibtrieb: Und in Kleinstädten und Dörfern gibt es oft noch kleine Märkte mit Ständen oder Einzelhändler, bei denen das auch funktioniert. Lange wurde uns vorgemacht, je mehr desto besser und etwas wegwerfen zu können, bedeutet auch den Wohlstand zu haben, sich Neues kaufen zu können. Minimalismus, Zero Waste, Upcycling usw. sind Gegenbewegungen, die sich aus diesen kapitalistischen Ansichten entwickelt haben und ihnen doch gegenüberstehen. Warum glaubt ihr, kommen wir jetzt auf die Ideen, die noch nicht mal so extrem neu sind. Ich bin in einem Allereinerziehendenhaushalt aufgewachsen und Resteverwertung war immer ein wichtiges Thema für uns. Schon meine Oma bringt überall ihre eigenen Tüten mit, damit keine neuen benutzt werden müssen. Ist das vielleicht eher eine Art Renaissance statt einer modernen Entwicklung?

Daniel: Beides. Natürlich ist es einerseits eine gewisse Renaissance, da die Resteverwertung ja noch vor einigen Jahrzehnten völlig normal war. Und das ist ja auch absolut logisch, da in Zeiten des Mangels Lebensmittel immer wertvoller waren und dementsprechend wertgeschätzt wurden. Unsere Omas können da ein Lied von singen, denn da wurde mitunter das Kaffeepulver noch mit Zucker und Semmelbröseln gestreckt und die Butter mit weißem Essig wieder haltbarer gemacht. Dass wir nun im 21. Jahrhundert, zu Zeiten der Immerverfügbarkeit von Lebensmitteln, mit einem Resteküche-Buch daherkommen, fühlt sich deshalb auch ein bisschen komisch an. Aber es ist eben auch ein postmodernes Phänomen, das aus der gefühlt immer komplexeren, da globalisierten und digital vernetzten Welt hervorgeht: Wir erleben zurzeit erstarkte Sehnsüchte und Bedürfnisse nach Authentizität, Natürlichkeit und „dem Echten“ – und deshalb setzen wir uns auch wieder intensiver mit Lebensmitteln auseinander, reduzieren unseren Hausstand oder verwerten vermeintliche Abfälle als neue Rohstoffe.

Schreibtrieb: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade in Familien mit Kindern schwer abgeschätzt werden kann, wieviel Essen auch wirklich auf dem Teller landet. Mal ist der Topf restlos leer, beim nächsten Mal ist er noch halb voll. Lassen sich Reste überhaupt komplett vermeiden?

Katharina: Naja, Reste im Topf sind ja per se erstmal gar kein Problem – im Gegenteil: Man kann sie direkt portionieren und am nächsten Tag mit ins Büro nehmen. Alternativ einfach einfrieren und beim nächsten Mal, wenn große Koch-Unlust herrscht, einfach verwenden. Das ist letztlich wieder so ein schönes Beispiel, wo eine kleine Änderung der Gewohnheiten sowohl gut für die Umwelt, als auch für den eigenen Geldbeutel ist.

Weil wir Essen lieben – und das tun wir doch alle
Schreibtrieb: Außerdem ist es eine wichtige Erfahrung, nicht immer das zu bekommen, auf was man gerade Lust hat, sondern eben erst das leer zu essen, das noch fertig im Kühlfach wartet. Oder man teilt die Reste und gibt sei weiter. Gerade in Dörfern oder Kleinstädten ist es aber mit Foodsharing nicht weit her. Welche Möglichkeiten gibt es dort, mit übrigen Lebensmitteln umzugehen, die man selbst nicht verwerten kann?

Katharina: Foodsharing selbst lebt ja vom Engagement jedes Einzelnen, daher könnte man direkt mit dem Aufbau eines solchen Netzwerks im Heimatort anfangen. Alternativ gibt es mittlerweile diverse andere Online-Plattformen, bspw. Facebook oder Nebenan.de, die Möglichkeit bieten, Lebensmittel in seinem unmittelbaren Umfeld weiterzuverteilen. Oder man könnte auch – ganz analog – einfach mal den Nachbarn zwei Portionen von dem zu viel gekochten Curry oder dem zu viel gebackenen Schokokuchen vorbeibringen.

Schreibtrieb: Welche drei einfachen Tipps würdet Ihr den Menschen mit auf den Weg geben, um Lebensmittelverschwendung einzudämmen?

Daniel: Nur drei? Es gibt so viele! Aber die Top 3 wären wohl: Zu allererst richtig lagern, und damit meinen wir im und außerhalb des Kühlschranks. Das heißt zum einen die Kältezonen bedenken, denn im Kühlschrank gibt es einen idealen Platz für unterschiedliche Lebensmitteln. Außerdem darf man nicht vergessen, was man wie zusammen lagert – bspw. Äpfel und Tomaten sollten getrennt von anderen Obst- und Gemüsesorten aufbewahrt werden, da sie Obst- und Gemüsenachbarn in ihrer direkten Umgebung schneller reifen (und somit auch verderben) lassen. Der zweite Tipp wäre saisonal und regional einkaufen – damit kann man nicht nur aktiv etwas gegen den Klimawandel tun, sondern saisonale Produkte aus der Region halten sich auch länger und laufen weniger Gefahr, beim Transport beschädigt und damit aussortiert zu werden. Und dann wäre da noch der Klassiker: Mindestens haltbar ist länger als man denkt. Denn das MHD ist nicht mit dem Verfallsdatum bzw. Wegwerfdatum zu verwechseln! Es gibt lediglich den Zeitpunkt an, bis zu dem die Herstellerfirma bei richtiger Lagerung die spezifischen Eigenschaften ungeöffneter Lebensmittel wie bspw. Geschmack, Geruch und Nährstoffgehalt garantiert. Nicht umsonst steht da ja auch „mindestens haltbar bis“ und nicht „tödlich ab“.

Schreibtrieb: Am Ende gibt es bei mir immer ein paar Assoziationsfragen, damit wir Euch besser kennenlernen. Einfach aus dem Bauch heraus beantworten.

Eis oder Kuchen:
Daniel: Kuchen
Katharina: Beides.

Duschen oder Baden:
Beide: Duschen

Lesen oder Fernsehen:
Beide: Ganz ehrlich? Netflix.

Berge oder Meer:
Beide: Meer

Heiß oder Kalt:
Daniel: Heiß, gemäßigt.
Katharina: Lauwarm.

Gewinnspiel

Dank des oekomVerlags durfte ich das Buch nicht nur vorab lesen, sondern kann euch heute auch ein Exemplar im Gewinnspiel verlosen. Voller leckerere, vegetarischer Gerichte, die nicht nur mit Resten einfach zubereitet werden können und mit einer Menge Infos zu Lebensmittelverschwendung und Möglichkeiten, dem entgegen zu wirken ist Weil wir Essen lieben für jeden eine Bereicherung – in der Küche, wie beim Einkauf. Verratet mir in den Kommentaren euer liebstes “Reste-Gericht” oder euren Tipp, um der Lebensmittelverschwendung entgegen zu treten und sichert euch bis zum 17.09.2018, 23:59 die Möglichkeit, das Buch zu gewinnen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, Teilnahme ab 18, alle Angaben ohne Gewähr.

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