Mit anderen Augen – Fabian Sixtus Körner entdeckt das Mehr

Mit anderen Augen habe ich bereits 2018 gelesen, als ich noch mit dem Rabenkind schwanger war. Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass die Schwangerschaft nicht problemlos war. Ich hatte Hyperemesis und musste permanent Medikamente einnehmen. Natürlich habe ich mich auch gefragt, ob das meinem Kind schaden kann. Zusätzlich waren da die üblichen Möglichkeiten, dass mein Kind nicht normgesund auf die Welt kommt. Darum hat mich Mit anderen Augen sofort angesprochen, als ich es bei Netgalley entdeckt habe.

Ein Kindle-Reader in einer bunten Hülle liegt auf einem Holztisch, dazwischen ein gewobener Schal. Rechts oben liegen violette Steine.
“Mit anderen Augen” übersieht leider Vieles

Fabian Sixtus Körner erzählt in Mit anderen Augen, erschienen bei Ullstein, von seiner Tochter, die mit Trisomie 21 auf die Welt gekommen ist. Das Down Syndrom blieb während der Schwangerschaft unentdeckt. Erst nach der frühen Geburt, erfahren Mutter und Vater, dass ihre Tochter behindert ist. Die Angst bei beiden ist groß, aber nach und nach lernen sie ihre Tochter kennen und erfahren, was ihre Welt alles zu bieten hat.

neuer Blickwinkel, mit anderen Augen

Solche Erfahrungsberichte sind immer ein bisschen schwierig. Sie zeigen nur einen begrenzten Teil des Ganzen und sind ganz klar subjektiv. Ich hätte es interessant gefunden, auch die Erfahrungen der Mutter zu lesen und nicht nur auf die Beobachtungen des Vaters beschränkt zu sein. Der sieht zwar die Versagensängste seiner Frau, kommt ihnen aber nicht so Recht auf die Schliche. Zu kurz ist für mich dieser Teil, der mit gesellschaftlichen Vorstellungen und dem tradierten Verständnis, dass die Mutter für die Gesundheit der Kinder verantwortlich ist, zu tun an. In Deutschland sind wir hier durch das nationalsozialistische Erbe besonders geprägt. Immerhin wurden im dritten Reich Menschen mit Behinderungen zwangssterilisiert oder umgebracht, Mütter, die ein angeblich krankes Kind hatten, wurden ausgegrenzt und diskriminiert. Dieser Gedanke mag nicht mehr offen ausgesprochen werden. Aufgearbeitet ist der erdrückende Einfluss der NS-Zeit auf die Mutterrolle keineswegs und auch Fabian Sixtus Körner spannt den Bogen nicht.

Immerhin geht es in Mit anderen Augen auch um die Annäherung zwischen Eltern und Kind heute. Und auch der Vater ringt mit der Angst, dass seiner Tochter Wege versperrt werden. Diese Sorge wird eindrücklich gezeigt und ist sehr wichtig. Hier geht es um Chancen und Möglichkeiten, aber auch um Vorstellungen, die uns mitgegeben werden, dass unsere Kinder unserem Weg folgen oder ihn fortsetzen. Für den Autor und seine Frau bedeutet die Diagnose aber auch, dass dieser Weg für ihr Kind um einiges steiniger ist. Dass die beiden sich entscheiden, selbst keine Steine dazu zu legen, sondern ihrer Tochter einfach andere Wege zu zeigen, ist das lehrreiche an Mit anderen Augen.

Privilegien zu sehen

Als Kleinfamilie unter besonderen Umständen bereisen sie die Welt. Wo andere Eltern sich über erste Worte freuen, begeistern sich dies über die Erkenntnis, dass ihr Kind hören kann. Als Mutter war mir auch diese Rückbesinnung auf das vermeintlich Kleine wichtig. Gleichzeitig erfahren die Eltern gerade in ihren Reisen und der Loslösung von der Gesellschaft Freiheiten für sich, ihre Tochter und das gemeinsame Leben. Diese Erweiterungen beim Blick auf das Down Syndrom hat mir generell sehr gut gefallen, zeigt es doch, dass sich Vieles in Bezug auf diese Erkrankung nur in unserem Kopf abspielt. Daneben wird aber auch die reale Problematik nicht klein geredet. Das Baby muss operiert werden, Krankheiten bedeuten zusätzliche Gefahren und die kleinen Schritte werden die entscheidenden.

Mit anderen Augen ist ein authentischer Einblick in die Vaterschaft mit einem behinderten Kind, aber auch einer, der auf Privilegien beruht. Nicht alle haben die Möglichkeiten, die Fabian Sixtus Körner hat. Auch dieser Faktor kommt im Buch zu kurz. Allerdings will der Erfahrungsbericht auch gar nicht mehr sein als das. Ein subjektiver Bericht, der sich nicht mit andere vergleichen lässt, sondern für sich steht.

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