Tage des Aufbruchs – Nach Südamerika mit Karin Seemayer

Tage des Aufbruchs von Karin Seemayer zeigt eine Frau von hinten vor einer hügeligen Landschaft

In meinen Sommerurlaub hatte mich Tage des Aufbruchs von Karin Seemayer begleitet. Der Tinte & Feder Verlag, ein Amazon Imprint, hatte mir dazu ein wunderschönes Buchpaket mit Kalebasse und Mate zukommen lassen. Danke an der Stelle für mein Rezensionsexemplar. Der historische Roman führt ins Brasilien des Jahres 1839 und erzählt die Geschichte von Ana Maria de Jesus Ribeiro da Silva. Elementar ist dabei die Liebesgeschichte zwischen Ana und Giuseppe Garibaldi, so dass Tage des Aufbruchs für Aufgabe 7 von #WirlesenFrauen.

Tage des Aufbruchs von Karin Seemayer zeigt eine Frau von hinten vor einer hügeligen Landschaft
Karin Seemayer führt in Tage des Aufbruchs nach Brasilien

eine Liebesgeschichte!?

Ana wird einmal Anita Garibaldi sein, darum macht das Buch von Anfang an kein Geheimnis. Der Roman setzt kurz vor dem ersten Zusammentreffen von Ana und Giuseppe Garibaldi ein. Schnell wird klar, wie unglücklich Ana in ihrem Leben ist. Von ihrem gewalttätigen Ehemann verlassen wird sie als „die Kinderlose“ gemieden, man unterstellt ihr Liebschaften und grenzt sie aus. Zunächst verweigert sie sich den sehr direkten Anmachen Garibaldis, doch bald schon sind die beiden unzertrennlich. Ana begleitet ihren Geliebten in den Revolutionskampf, wird selbst zur Kämpferin und Unterstützerin.

Der Roman zeichnet Anita Garibaldi als aktive und selbstbewusste junge Frau, die ihrem Herzen folgt. Dazwischen aber wird deutlich, wie wichtig Giuseppe als ihr Ausrichtungspunkt ist und wie dominant er in ihrem Leben ist. Schon der erste Satz, den er an sie richtet, erklärt, dass sie ihm gehören muss. Der Gedanke der Frau als Besitz ist hier sehr stark. Auch dass er ihre Ablehnung nicht akzeptiert, ist mir sauer aufgestoßen. Das ist keine Liebe, sondern eine deutliche Ignoranz gegenüber Anas Wünschen. Auch wenn das Zitat des ersten Gesprächs ein historisches ist, hätte Seemayer hier nicht auf den Zug aufspringen müssen, sondern durchaus literarisch einen Weg von dem Besitzdenken zu einer gleichberechtigten Beziehung gehen können.

reproduzierte Rassismen

Auch in anderen Momenten schimmert durch, wie traditionell die Geschichte gelenkt ist. Trotz ihrer Aktivität wird Ana immer wieder in Rollen gedrängt. Die der Geliebten, die nichts zu sagen hat. Die der Mutter, die zurückbleibt und wartet. Sie finden oft Wege aus diesen normierten Lebensentwürfen hinaus, aber nicht immer. Und immer wieder stellt sie ihre eigenen Ansprüche für Giuseppe zurück, ohne dass er das gleiche machen würde. Natürlich gibt es bei historischen Romanen immer ein vorgegebenes Raster, aber gerade bei einer so ausdrucksstarken Figur und Kämpferin hätte die Karin Seemayer hier mehr rausholen können.

Während der schöne Stil wunderbar durch den Roman trägt und Tage des Aufbruchs eine Form gibt, blieb ich vor allem an Kleinigkeiten hängen. Der immer wieder aufflammende Rassismus gegenüber Ana beispielsweise hat mit Sicherheit kein Sensitivity Reading zur Prüfung erfahren. Sonst wäre das N-Wort und andere Beschreibungen nicht gedruckt worden. Das ist leider ein Punkt, der nicht mit historischer Korrektheit aus der Welt zu schaffen ist, wie es vielleicht beim Kritikpunkt der männlichen Dominanz wäre (und auch da würde ich widersprechen), denn der Roman wurde in der Gegenwart geschrieben und sollte sich der diskriminierenden Sprache bewusst sein. Gerade hier aber fehlt es an Bewusstsein, was schade ist. Die intensive Recherche, die feinen Details, die vor allem das südamerikanische Leben und die politischen Zustände betreffen, sind so regelrecht nihiliert, weil die Fehler an anderer Stelle zu groß sind.

Tage des Aufbruchs könnte ein großartiger Roman über eine bewundernswerte historische Frau sein, romantisiert aber nicht nur ihr Leben und ihre Beziehung zu sehr, sondern stellt Ana dabei auch immer wieder hinter Giuseppe. Der gelungenen Recherche und dem Einbezug von örtlichen wie historischen Details steht dabei eine Sprache gegenüber, die Rassismen aufzeigen will, sie dabei aber aktiv reproduziert. Schade, dass die spannende Geschichte darunter leidet.

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