Queenie – Candice Carty-Williams und das Problem mit den Männern

Das Hardcover zeigt einen Frauenkopf mit hochgesteckten Braids und Kreolen

Bei Blumenbar vom Aufbau Verlag ist dieses Jahr Queenie von Candice Carty-Williams erschienen, übersetzt von Henriette Zeltner-Shane. Als „schwarze Bridget Jones“ beworben, war ich nicht sicher, was mich mit Queenie erwarten würde. Erhofft hatte ich mir eine moderne Geschichte mit einer neuen Perspektive. Als Debütroman der jungen Autorin passt der Roman für die vierte Aufgabe von #WirlesenFrauen.

Das Hardcover zeigt einen Frauenkopf mit hochgesteckten Braids und Kreolen
Queenie von Candice Carty-Williams

Queenie stürzt ab

Queenies Leben zerbricht mit beeindruckender Geschwindigkeit und Fatalität, als ihr langjähriger Lebensgefährte eine Beziehungspause will. Sie prokrastiniert in der Redaktion, in der sie arbeitet, lässt sich auf eine Dating App und toxische Sex-Beziehungen ein. Ihr selbstzerstörerischer Weg ist dabei konsequent und gerade durch ihre Fähigkeit, die Augen davor zu verschließen, glaubwürdig. In dem Chaos, das aus ihrem Leben geworden ist, versucht sie sich verzweifelt an dem festzuhalten, was ihr wirklich wichtig ist. Ihren Freundinnen, Black Lives Matters, ihrer Familie. Doch auch hier bricht die Fassade der Stabilität immer wieder ein.

Die Perspektive von Queenie war mir gleichzeitig sehr vertraut und extrem fremd. Die Angst vor dem nächsten Schritt und den Konsequenzen der Realität kenne ich nur zu gut, auch das Wegsehen vor dem eigenen Fehlverhalten, in dem doch der Kern des Problems liegt, ist mir vertraut. Queenie lebt das Leben einer jungen Frau, mit all den Verunsicherungen unserer Gesellschaft und dem Glauben, dass ein Mann an ihrer Seite alles wieder ins Lot bringen kann. Doch Queenies Großeltern stammen aus Jamaika, Queenie ist schwarz und erlebt nicht nur Diskriminierungen, sondern interessiert sich auch für die #BLM-Proteste. Manchmal prallen diese Welten aufeinander, etwa wenn es um psychische Gesundheit geht.

realistisch toxisch

Den Roman zu lesen ist nicht immer leicht. Queenie verstrickt sich immer wieder in den Schnüren, die sie selbst gespannt hat und ist geradezu besessen von der Vorstellung, wieder in die scheinbar heile Welt vor ihrer Beziehungspause eintauchen zu können. Auf weiten Strecken des Buches geht es um Queenie und Männer, mit denen sie Sex hat. Vieles daran ist toxisch, was im Roman noch angesprochen wird. Jedes Mal, wenn ich gedacht habe, jetzt müsste sie aber mal zu sich kommen, ist sie noch weiter hinabgestürzt. Bis tatsächlich alles, was sie hatte, verloren scheint. Job, Freunde, Wohnung. Dieser Fokus ist so problematisch, wie er realistisch ist, aber der Roman lässt ihn nicht stehen, sondern arbeitet damit.

Ich rechne es dem Roman hoch an, dass er Queenies Absturz bis zum Ende durchzieht und danach keine rosa Wölkchen malt, sondern den schwierigen Weg aufzeigt, den sie gehen muss, um zu sich zu finden. Faszinierend war für dabei die Problematik von seelischer Gesundheit in der Schwarzen Community. Doch auch andere Einblicke fand ich sehr interessant und konnte dadurch meine Perspektive erweitern. So schafft es der Roman ein feministischer zu sein, ein anti-rassistischer, ein Selbstfindungsroman und einer über Freundschaften. Dass dabei die Psychologisierung der Figuren sehr detailliert ist und auch die Nebenfiguren nicht nur in Bezug zu Queenie gezeichnet sind, ist erfrischend. Jede:r Person im Roman hat gute wie schlechte Seiten und auch dadurch wirkt Queenie sehr stimmig.

Hört diese Stimme!

Kritikwürdig finde ich vor allem Kleinigkeiten. Dass der wortkarge Großvater genau dann seine Mauer durchbricht und als weiße Bezugsperson fungiert, als Queenie es nötig hat, beispielsweise. Hin und her gerissen bin ich in Bezug zu Queenies Stelle in der Redaktion, die ihre #BLM-Themen immer wieder niederschmettert, und dennoch als positiv stehen bleibt. Es ist die Härte der Kompromisse, die von allen getragen werden müssen, die wieder authentisch ist, aber mich als Leserin auch unzufrieden zurückgelassen hat.

Vielleicht ist gerade das die Stärke des Romans. Dass er Probleme aufzeigt, sowohl was Rassismus, als auch Sexismus betrifft, und Entwicklungen. Für mich ist Queenie gerade deswegen eine starke Stimme, die voller Kraft und Schmerz einen Blickwinkel ermöglicht. Eine Stimme, die gehört werden soll.

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