Stellt die unliebsamen Fragen! Caroline Grafe im Interview

Als Text- und Literaturvermittlerin kennt Caroline Grafe sich nicht nur mit der deutschen Buchbranche bestens aus, sie hat die Verlagswelt auch hinter den Kulissen kennengelernt. Dass Autorinnen dabei auf der Strecke bleiben ist kein Zustand, den sie akzeptieren wollte. Darum hat sie in Stuttgart die Lesungsreihe Frauen gestartet. Ihr könnt Caroline auf Instagram und Facebook finden. Ich habe sie gefragt, wie es dazu kam und was sie dabei erkannt hat. Ein spannendes Gespräch zum Auftakt von #WirlesenFrauen 20.

Caroline Grafe im Interview

Caroline Grafe, eine junge, weiße Frau mit langen blonden Haaren.
Caroline Grafe

Schreibtrieb: Liebe Caroline, du hast eine Lesungsreihe für Autorinnen in Stuttgart gestartet. Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass Autoren den Buchmarkt dominieren?

Caroline: Eine Professorin, für die ich an der Uni gearbeitet habe, hat schon früh mein Bewusstsein dafür geschärft. Danach habe ich lange für verschiedene Verlage gearbeitet, hier drängten sich Strukturen auf, die noch immer anhalten. Oder im Feuilleton … Oder schaut man sich die Liste der Preisträger*innen an. Da ist das Verhältnis absurd. Etwa beim Nobelpreis oder beim Büchner-Preis. Letztlich den Ausschlag für die Initiierung der Lesungsreihe hat das Projekt #frauenzählen im Jahr 2018 gegeben. Die Ergebnisse waren ernüchternd, und die Zahlen haben eindeutig das Missverhältnis belegt. Da wollte ich Taten schaffen und mit der Reihe Autorinnen eine Bühne und damit Sichtbarkeit geben.

Schreibtrieb: Mir sind im ersten Jahr mit #WirlesenFrauen viele Ausreden und Anfeindungen begegnet, dass Autorinnen gar nicht benachteiligt werden. Welche Hürden hast du erlebt?

Caroline: Ja, Ausreden haben gerne viele parat. Aber dagegen gilt es ja gerade anzugehen. Konkret ist mir in meinem Fall auf die Thematik der Reihe bezogen nichts konkret Negatives widerfahren. Ich habe auch viel überaus positives Feedback bekommen über die Wichtigkeit und Notwendigkeit. Gleichzeitig ist die Resonanz bislang mäßig, was ich natürlich schade finde.

ein breites Spektrum

Schreibtrieb: Nach welchem System hast du die Autorinnen, die bei deiner Lesungsreihe lesen, ausgewählt?

Caroline: Es ging mir darum ein möglichst breites Spektrum abzubilden. Die Auswahl der Bücher und Themen, die sie verhandeln reicht dabei vom Frau-Sein in der dunkelsten Geschichte der deutschen Vergangenheit bis hin zum Frau-Sein heute. Mit Friederike Manner, deren Roman „Die dunklen Jahre“ beim ersten Abend im Mittelpunkt stand, wollte ich unter dem Stichwort #autorinnenentdecken aufzeigen, welche Schätze in den Backlists der Verlage oder auch unter den vielen vergriffenen Werken von Autorinnen schlummern. Außerdem ist es ein unfassbar modernes Buch, das Themen aufgreift, die wir 1:1 ins Heute übertragen können.

Grafik der Lesungsreihe mit Fotos der lesenden Autorinnen
Bis zum Mai läuft die Lesungsreihe

Ich finde es toll, wenn kleine Verlage wie die Edition Atelier sich solcher Projekte annehmen. Das wollte ich auch unterstützen.
Laura Freudenthaler erzählt in ihrem Debütroman „Die Königin schweigt“ von einer in der Zwischenkriegszeit geborenen Frau, die zeitlebens hart und klaglos gearbeitet und nie gelernt hat, auf sich selbst zu schauen in einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Ich denke Fanny, so heißt die Protagonistin, steht stellvertretend für viele Frauen dieser Generation.

Tanja Raich schildert in „Jesolo“ eine Gesellschaft, die von sich selbst annimmt, modern zu sein, aber noch immer so verkrustet ist, dass ein Ausbrechen kaum möglich scheint. Dabei zeigt sie Beziehung, Schwangerschaft und Familie in ihrer ganzen Ambivalenz. Und wie schwierig es noch heute für Frauen ist, sich angesichts gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen als Individuum zu behaupten.
Simone Meier, die zum Abschluss der Reihe zu Gast sein wird, ist ja eine der Mitinitiatorinnen von #dichterdran. Mit ihr möchte ich über Schreiben und Wirken von Frauen, über Literaturkritik, Klischees und Feminismen sprechen und natürlich über das Buch „Hemingways sexy Beine“, das die Tweets von #dichterdran versammelt.

Schreibtrieb: Es wird ja auch immer mal wieder behauptet, Frauen würden einfach nicht so gut schreiben, nicht die ernsten Themen aufgreifen, sondern nur seichte Belletristik tippen. Was kannst du solchen Meinungen als Fachfrau entgegen setzen?

3 von 33

Caroline: Ein gängiges, weitverbreitetes Vorurteil. Ich glaube, das, was Männer schreiben, wird immer als universal angesehen, die Themen von Frauen als die spezifisch weiblichen. Das ist natürlich Quatsch. Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Sie zeigen eine andere Perspektive, die eben die gleiche Reichweite haben muss, wie die von Männern. Geschlechtergerechtigkeit muss gesamtgesellschaftliches Ziel werden. Hier gilt es, denke ich, vor allem auch den jungen Leserinnen und Lesern andere Perspektiven aufzuzeigen, ihnen Vorbilder an die Hand zu geben. Ich habe mir für den Auftakt der Reihe die von den Kultusministerien verabschiedeten Kanon-Listen für das Deutschabitur 2020 angeschaut. Da finden sich von 33 Autor*innen gerade mal drei Frauen (Judith Herrmann, Christa Wolf und Juli Zeh). Das ist eigentlich unfassbar. Es gibt so viele Autorinnen, die es zu entdecken gilt. Über den Tellerrand hinausschauen muss die Devise heißen, um letztlich auch übergreifend Diversität zu schaffen.

Schreibtrieb: Kannst du einen direkten Vergleich ziehen, ob über deine Lesungsreihe genauso (oft) berichtet wird und ob die Besucher:innenzahlen Abweichen von Lesungen, bei denen ein Mann liest?

Caroline: Da die Reihe ja noch ganz am Anfang ist, kann ich dazu leider noch nicht so viel sagen. In der Vergangenheit war es aber definitv so, dass bei den Lesungen von Männern mehr Besucher*innen da waren. Und die Betonung liegt hier auf *innen. Ich glaube das ist auch ein Thema, das man nicht außer Acht lassen darf: Frauen müssen aufhören, die männliche Macht zu stützen, in dem sie sich unsolidarisch anderen Frauen gegenüber zeigen. Mit den Ressourcen eines Kollektivs lassen sich Hürden und Benachteiligungen oft schneller meistern. Frauen sollten füreinander einstehen, aufhören, sich gegenseitig zu beurteilen, um so gegen noch immer dominierende Männernetzwerke anzugehen.

Logo von Lit.Quartier
Lit.Quartier ist Carolines Agentur zur Text- und Literaturvermittlung

Raus aus der Blase

Schreibtrieb: Kannst du dir vorstellen, die Lesungsreihe mit neuen Autorinnen zu wiederholen oder sie langfristig durchzuführen?

Caroline: Grundsätzlich ja. Aber es ist natürlich nicht so einfach eine solche Reihe ohne institutionellen Rahmen auf die Beine zu stellen. Da sind Fördergelder in größerem Umfang unablässig, und von meiner Arbeit will ich gar nicht reden. Daher mal sehen, gleich im Anschluss wird es sicherlich nicht umsetzbar sein, da manche Stiftungen auch Begrenzungen im Einreichen von Förderanträgen haben.

Schreibtrieb: #WirlesenFrauen, #frauenzählen, #Autorinnenschuber – online wird immer wieder etwas unternommen, um auf Autorinnen aufmerksam zu machen. Kommt das bei den Leser:innen an?

Caroline: Wir bewegen uns da natürlich in einer Blase – Stichwort #bookstagram, da ist die Offenheit diesem Thema gegenüber sicherlich größer als ‚Draußen’. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass solche viralen Contra-Aktionen Aufmerksamkeit schaffen und damit das Bewusstsein für ein Umdenken schärfen. Da gibt es aber noch viel zu tun, und deshalb müssen wir wachsam bleiben und dürfen nicht aufhören, die unbequemen Fragen zu stellen.

Schreibtrieb: Danke Caroline für deine Zeit und deine Antworten. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg mit deiner Lesungsreihe. Halte durch!

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6. April 2020 16:39

Ein super spannendes Thema und ein sehr gut geführtes Interview! Danke fürs online stellen. Mir selbst fiel auch erst nach #WirlesenFrauen auf, dass ich tatsächlich mehr Bücher von Männern als von Frauen las. Dies natürlich unterbewusst aber seit ich das nun weiss, achte ich auch viel mehr auf die Balance. Ich merke dabei auch gar keinen Qualitativen Unterschied!

Danke dir für diesen Beitrag.

Isa
7. April 2020 20:45

Liebe Eva,

vielen Dank für das spannende Interview. Eine Lesungsreihe zu Frauen würde ich auf jeden Fall besuchen. Nachdem #WirlesenFrauen ins Leben gerufen wurde, habe ich tatsächlich mal meine Leselisten etwas näher betrachtet und konnte glücklich feststellen, dass ich schon immer lieber zu Titeln von Frauen gegriffen haben – was scheinbar eher die Minderheit darstellt.
Ich hoffe sehr, dass sich diesbezüglich in den nächsten Jahren viel verändern wird!

Liebe Grüße
Isa