Durchgefallen: Medienkompetenz und Lektüreempfehlungen von Schulen

Es ist eine Extremsituation, von der wir nicht wissen wie lange sie dauern wird: Schüler:innen werden digital mit Arbeitsmaterialien versorgt, doch die Eltern müssen zu Hause dafür sorgen, dass die Aufträge auch erledigt werden – während sie selbst in einer oft ungewohnten Umgebung arbeiten müssen. Dass das Problem quasi hausgemacht ist, weil die Möglichkeit für digitalen Unterricht zwar seit Jahren bestehen, aber nur rudimentär genutzt wurden – genauso wie Home Office möglich zu machen – wird kaum thematisiert. Stattdessen verschickt unsere Schule eine miese Liste mit Lektüreempfehlungen.

Medienkompetenzen gesucht

Unser Gymnasium beispielsweise nutzt die Lernplattform Moodle, über die Gruppenchats für einzelne Kurse und Gruppenarbeiten genutzt werden können, Arbeitsaufträge und die Ergebnisse ausgetauscht werden und private Nachrichten verschickt werden können. Vor Corona hat Keule von genau einer Lehrerin dort Arbeitsmaterialien bekommen. Die Klassenlehrerin hat Eltern gegenüber noch auf dem letzten Elternabend betont, dass sie die Plattform selbst nie einsetzen wird. Medienkompetenz am Arsch. Weder Lehrer:innen noch Eltern haben sich je wirklich damit auseinandergesetzt und pöbeln jetzt rum.

Von Möglichkeiten wie Microsoft Office, Slack, YouTube Videos, die nur per Link abrufbar sind oder schlichten Klassenforen hat die Mehrzahl der Menschen scheinbar noch nie etwas gehört. Jetzt wollen Abiturienten ihre Abschlussprüfung verschieben, die Zeugnisse für das laufende Schuljahr werden diskutiert, von Versetzungen auf Probe ist die Rede. Alles nur, weil die Mittel nicht rechtzeitig genutzt wurden und alle jetzt vor dem Begriff Homeschooling stehen wie der Hase vorm Gartenzaun. Leute, wir nutzten seit Jahrzehnten Webinare, da werden das die sogenannten Pädagogen doch auch hinbekommen.

Von Pädagog:innen empfohlen

Aber die stehen scheinbar mit einem Bein noch im letzten Jahrhundert. Gestern erreichte mich eine Mail mit Lektüreempfehlungen, um die gelangweilten Kinder mit Büchern zu versorgen. Dass die öffentliche Bücherei geschlossen hat, in der Mail aber erwähnt wird, das offene Bücherregal der Schule (das sich im Gebäude befindet) wäre noch zugänglich, ist für mich ein ziemlich klarer Bruch der geltenden Regen zur Vermeidung von Ansteckungen. Hat da niemand nachgedacht? Offensichtlich nicht, denn auch wenn ich mir die Liste der Empfehlungen anschaue, ist das ein Trauerspiel in drei Akten.

Aufgeteilt in Orientierungsstufe( Klasse 5/6), Mittelstufe (Klasse 7-10) und MSS (11-13) nennt die Liste einzelne Titel. Diese Lektüreempfehlungen sind eine einzige Farce und über alle Maßen undurchdacht. Unsere Schule hat die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“, dennoch findet sich auf der Liste ein Autor, der mehrmals durch seine Auftritte und Reden bei Pegida aufgefallen ist. Aktuelle Literatur findet sich kaum, dafür sogenannte Klassiker. Mühe hat sich hier wirklich keiner gemacht. Mal davon abgesehen, dass offenkundige Fehler (es heißt verdammt nochmal nicht Gebrüder Grimm, sondern Brüder!) aufgeführt werden und Kindern in der fünften und sechsten Klasse Bücher wie Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen, Eine Woche voller Samstage, Max und Moritz und Pumuckl empfohlen wird. Sorry, die waren bei uns in der Grundschule Thema. Geht’s auch altersgerecht?

#WirlesenFrauen ? Nicht in der Schule!

In Punkto #WirlesenFrauen ist diese Liste an sogenannten Lektüreempfehlungen auch bemitleidenswert. Insgesamt sind 95 Titel genannt, von denen ganze 25% von Autorinnen stammen. In der Orientierungsstufe waren von 28 Büchern 9 Titel von 7 Autorinnen dabei. In der Mittelstufte gab es elf Buchempfehlungen von zehn Autorinnen bei zusammen 25 Büchern. Und in der Oberstufe, in der es mit 42 Titeln die meisten Empfehlungen habe (angefangen mit Epikur, yeah), gab es ganze 4 Titel von 3 Autorinnen. Dass macht 10% für die Oberstufe an Literaturempfehlungen von Autorinnen, 44% in der Mittelstufe (juhuu *Ironie) und 32% für die fünften und sechsten Klassen. Geht’s noch? Da reden wir uns seit Monaten, eigentliche Jahren, den Mund fusselig, dass auch in den Schulen mehr Autorinnen gelesen werden sollen und den Schüler:innen der Orientierungsstufe werden unreflektiert drei Bücher von Astrid Lindgren empfohlen.

Ja, Pippi ist toll und Ronja erst recht, aber wo ist die aktuelle Literatur? Die Schule der magischen Tiere, Emmi und Einschwein, Die Edelstein-Trilogie? Fehlanzeige. Für die Oberstufe scheint es dann außer Juli Zeh, die zu meinen Lieblingsautorinnen gehört, kaum noch empfehlenswerte Autorinnen zu geben. Lesen denn Deutschlehrer:innen keine Neuerscheinungen? Gehen die nie in Bibliotheken? Gibt es verstaubte Listen, die von Generation zu Generation beim Beamtenstatus mitvergeben wird? Ich habe Fragen und fürchte, ich bekomme darauf keine Antworten. So wie ich auch noch keine Antwort auf meine Mail an das Gymnasium bekommen habe, warum sie eine so wahllos zusammengewürfelte traurige Liste verbreiten und sie Lektüreempfehlungen nennen.

Lektüreempfehlungen: Wahllos und undurchdacht

Übrigens sieht es in Punkte Aktualität bei den Autoren der “Lektüreempfehlungen” nicht besser aus. Ganze fünf Bücher von Erich Kästner, aber Michael Peinkofer zum Beispiel, der vor einiger Zeit seine Gryphony-Reihe in der Schule vorgestellt hat, fehlt genauso wie Stefanie Hasse, die ich noch im Herbst bei einer Lesung in der Schulbücherei erleben durfte. Das ist doch einfach nur traurig. Autorinnen of colour habe ich komplett vermisst. Ja, schön, dass Kindern der Mittelstufe Herr der Ringe an die Hand gegeben wird. Haben die Lehrer das selbst gelesen? Halten die das für Zwölfjährige wirklich sinnvoll? Ich frage mich vehement, warum The Hate U Give fehlt und andere Bücher von schwarzen Autorinnen.

Wenn ich meine eigene Schulzeit an derselben Schule überblicke, ist die Entwicklung nicht nur stehen geblieben, sondern gar zurück gegangen. Juli Zeh habe ich auch in der Oberstufe kennen gelernt (Danke Herr Engelskircher), aber Susan E. Hintons Die Outsider haben wir in der Mittelstufe gelesen. Das Buch gab es auf der Liste aber nicht einmal. Anfang der sechsten Klasse hat jedes Kind aus Keules Klasse in Deutsch ein Buch vorstellen müssen. Ich kenne die Liste. Die Mehrheit der vorgestellten Bücher war aktuell und von Autorinnen geschrieben. Ich wünschte mir wirklich, die Lehrer:innen (und die zuständigen Ministerien) würden sich hierbei von den Schüler:innen etwas beibringen lassen.

Neue Empfehlungen gesucht

Darum habe ich auf Twitter nach euren Empfehlungen von Kinder- und Jugendbüchern von Autorinnen gefragt. Daraus erstelle ich eine Liste und schenke dieser dann hier auf dem Blog eine Seite. Liebe Lehrer:innen: nutzt diese Liste an Lektüreempfehlungen und füllt damit die Reihen der männlichen Autoren auf, die ihr aus Schule und Studium kennt. Empfehlt sie. Aber streicht gefälligst rassistische, misogyne und ableistische Autor:innen von euren Empfehlungen.

  

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