Vorsicht vor der Wolfsfrau – meine Kritik zu The Future is Female

Zum Start der zweiten Runde #WirlesenFrauen habe ich endlich den Sammelband The Future is Female von Scarlett Curtis gelesen. Viele der Essays waren erhellend, oft amüsant, oft aber auch bedenklich. Kritisch fand ich, wie oft auf dem Dualismus der Geschlechter bestanden wurde, Menstruation als etwas rein weibliches gesehen wurde (was nicht nur alle trans Frauen ausschließt und auch trans Männer diskriminiert, sondern auch solche Frauen, die aufgrund von Erkrankungen, Eingriffen oder dem Alter nicht menstruieren). Regelrecht verwirrt war ich aber, dass in mehreren Beiträgen auf Die Wolfsfrau verwiesen wurde.

Was ist Die Wolfsfrau?

Die Wolfsfrau ist ein Buch von Clarissa Pinkola Estés. Ich fand es auf einem Flohmarkt und habe es für meine Dissertation gelesen. Vielleicht war es mein Vorteil, dass ich mit einem wissenschaftlichen Blick las und nicht mit dem einer Jugendlichen, die für ihre Weiblichkeit einen Hort sucht. Ich verstehe auch, warum viele Frauen in dem Buch den Ausgang für ihren Feminismus sehen. Doch wir müssten längst viel weiter gegangen sein.

Das Buch The Future is Female neben einer Tasse Tee und einem Schild mit #WirlesenFrauen
The Future is Female sammelt Essays des modernen Feminismus

Pinkola Estés erklärt in Die Wolfsfrau die Frauen als vom Patriarchat benachteiligt. So weit, so richtig. Sie begründet das mit dem männlichen Einfluss, der die Frau von ihrer Wildheit und natürlichen Kraft getrennt hat. Die Frau wird mit einem magischen Wesen gleichgesetzt. In ihr, so das Buch, lägen mystische Kräfte verborgen, die sie nur abrufen müsste. Ganz eng verknüpft damit sind Biologismen wie Menstruation, Schwangerschaft, Gebären und Stillen.

Mythos und Wirklichkeit

Die Wolfsfrau, die Alte Weise, die in der Wüste und unter dem Meeresspiegel lebt, in den Tiefen oder an dem Ort zwischen den Welten, wo der Geist der Wölfe mit dem Geist des Menschen verschmilzt – dieses Urbild hat zahllose Namen. Sie ist die Große Mutter, die alle Welten gebiert. Sie ist Mutter Nyx, Herrscherin über das Dunkle und Schlammige. Sie ist Durga für die Hindus, Gebieterin über die gedankliche Kraft, aus der die gesamte äußerliche sichtbare Realität hervorgeht. Sie ist Hekate, die Seherin, und vieles, vieles mehr in den Mythen aller Völker von Beginn an.

Die Wolfsfrau, Clarissa Pinkola Estés

Dabei macht die Autorin einen beliebten Fehler. Sie setzt die mythischen Figuren mit den menschlichen Vorstellungen von „Frau“ gleich. Dabei waren Mythen und Göttergestalten gerade als übermenschlich von den Grenzen der Realität befreit. Die große Mutter war eine grundlegende lebensspendende wie todbringende Gestalt, die für Fruchtbarkeit und Verderben gleichermaßen stand. Sie war jedoch keine Idealisierung der menschlichen Mutter, sondern als Naturgottheit und Stammesmutter wie andere mythische und religiöse Mutterfiguren stilisiert. Pinkola Estés aber meint: „Wir als Frauen, sind Verkörperungen des zwiefältigen Archetyps der Urmutter Natur, die alle Wesen schafft und sterben läßt“ (Ebd.). Die Frau wird hierbei mit einer Gottheit in Verbindung gebracht.

Die Frau als Naturwesen

Die Problematik hier ist nicht nur die Belegung mit magischen Kräften, sondern ebenso die Fokussierung auf die Frau als Naturwesen. Elementar hierfür ist die Dialektik der Aufklärung, die die Frau als Naturwesen vom kulturellen und gesellschaftlichen Leben ausschließt. Rousseau war es, der maßgeblich auf die Mutterschaft und die Aufgabe der Frau, zu stillen, beharrte, und sie deswegen aus dem öffentlichen Leben verbannte. Die in der Aufklärung so elementare Vernunft war Männerarbeit, die das Naturwesen Frau gar nicht leisten konnte. Dabei wurde die Frau deutlich dem Mann untergeordnet, als Halbmensch und unzivilisiert, zu höherem Denken nicht möglich. Die Romantik befeuerte diese Vorstellung, indem sie Frau als magisches Wesen verklärte. Frauen wurden Feen und Hexen in den Märchen, als Wissende Frauen aber als unweiblich wahrgenommen.

Hier hat Pinkola Estés insofern Recht, dass der Aspekt des Wissens, das weite Bereiche des weiblichen Wissens durch die Diskriminierung der Frau in Vergessenheit geraten ist. Ich meine hier vor allem Wissen über Schwangerschaft und Geburt, aber auch zu Heilkräutern und medizinischen Erkenntnissen, die bereits im Zuge der Hexenverfolgung und der christlichen Dogmatik gelitten, durch die Aufklärung und die weitere Bevorzugung von Männern noch mehr verdrängt wurde. Das dies allerdings kein magisches Wissen oder weibliche Magie ist, sollte klar sein. Vielmehr geht es hier um seit Jahrhunderten erlerntes und an die nächste Generation weitergegebenes Wissen. Das die Frau kein reines Naturwesen ist, sondern ebenso zu Vernunft, Wissenserwerb, etc. fähig ist und sich in der Verklärung der Frau als Sinnbild der Natur der patriarchale Gedanke widerspiegelt ist vielleicht nicht so offensichtlich.

The Future is Female und Die Wolfsfrau
Moderne Feministinnen kennen Die Wolfsfrau – aber sie müssen die Thesen kritisch hinterfragen!

Blick des Patriarchats

Schuld daran ist, dass wir die natürliche Frau immer wieder als sehr positiv wahrnehmen. Sie schreitet im weißen Kleidchen mit offenem Haar über eine Blumenwiese und ist dabei immer jung, lächelnd, freundlich. Sobald sie älter ist, wird sie zur Hexe. Klingelts langsam? Natürlichkeit bei Frauen ist nur solange positiv, wie sie passiv und dekorativ ist. Als aktive Frau aber folgt die Ausgrenzung und Beschuldigung. In Die Wolfsfrau wird das durchaus aufgegriffen, aber eben nicht deutlich. Natürlichkeit ist hier nur positiv. Auch „Wildheit“, ein weiterer schwer belegter Begriff, der in den Feldern der Kolonialisierung und des Rassismus noch wesentlich tiefer liegt, ist eine patriarchale Zuschreibung. Die wissende Frau und die, die sich der Natur bediente, war mitnichten wild – so wie auch die sogenannten „Wilden“ eigene Kulturen und Gesellschaftsformen hatten und haben. Die entsprechen nur eben nicht den Vorstellungen der patriarchalen, westlichen Welt.

Dass Pinkola Estés diese Begriffe verwendet repliziert also die Diskriminierung, die Frauen (und andere) jahrhundertelang erfahren haben. Die damit im Buch verbundene Welt des Mystischen und Spirituellen erzeugen daneben eine weitere Sphäre der Loslösung von der Realität. Die „wilde Frau“ wird als allen Frauen implizierte Kraft und Eigenheit dargestellt. Damit wirkt das Buch wie ein religiöses Konstrukt, in dem die Frau zur Göttin, Heiligen und Anbetenden wird.

Die große Mutter?

In Die Wolfsfrau arbeitet sich diese Darstellung an Märchen ab. Ich fand es sehr interessant, dass dabei wirklich vielfältige Kulturen aufgegriffen werden. Es ist auch mit Sicherheit bemerkenswert, dass so vielen räumlich getrennten Märchen, Sagen und Mythen die Vorstellung von alten und weisen, aktiven und mit der Natur verbundenen Frauen zugrunde liegen. Hier zeigt sich, wie verbreitet die Vorstellung der großen Mutter in ihrer Gesamtheit und ihren Teilaspekten war. Es stimmt auch zweifelslos, dass die Fähigkeit, neues Leben zu gebären in altertümlichen Vorstellungen zu einer der wichtigsten überhaupt stilisiert wurde. Immerhin fehlte medizinisches Wissen über Reproduktion und Kinder zu gebären war essentiell, um die eigenen Völker am Leben zu halten. Dennoch stellen diese mystischen Mütter keine realen Bezüge dar, sondern vielmehr kultische Vorstellungen.

Zum anderen ist es ein weiteres Merkmal patriarchaler Gesellschaften, dass Frauen per se als Mütter angesehen werden. Diese Verbindung wird in Die Wolfsfrau zum fundamentalen Angelpunkt. Es ist die große implizite Kraft der Frau, Leben zu gebären. Damit wird jede Frau, die dies nicht kann oder nicht will zur Verweigerin ihrer wilden Kraft. Mehr noch, die Mutter selbst wird zur anbetungswürdigen Figur. Die Biologismen und Verklärungen in diesem Buch sind gefährliche Ansätze, die sich im frühen Feminismus der 20er Jahre widerspiegeln, in denen Mutterschaft zur weiblichen Überlegenheit definiert wurde. Diese Vorstellung ist auf so vielen Ebenen und für so viele Menschen diskriminierend, dass ich kaum glauben kann, dass so viele Vertreterinnen des inklusiven Feminismus sie in The Future is Female durchweg positiv bewerten.

Keine Frage, Die Wolfsfrau ist eine interessante Lektüre, da sie eine Vielzahl von Märchen auf ihren Bezug zur Figur der Großen Mutter auslegt, aber als feministischer Richtungsweiser taugt das Buch wenig. Wir Frauen sind mehr als Mütter, mehr als Naturwesen und dabei weder Göttinnen noch Trägerinnen einer mystischen weiblichen Kraft. Dass die Autorin völlig korrekt die Verdrängung der wissenden und aktiven Frau darlegt macht ihre stilisierte Verkitschung der Frau auf der anderen Seite für mich nicht wieder gut, darum empfehle ich das Buch mit einem kritischen Blick zu lesen und die patriarchalen Einflüsse im Hinterkopf zu behalten.

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