Die Abschaffung der Mutter – Alina Bronsky und Denise Wilk

Natürlich darf Die Abschaffung der Mutter auf meiner Liste über die gegenwärtige Mutterfigur nicht fehlen. Frisch erschienen bei DVA mit 256 Seiten machte das Buch von Alina Bronsky und Denise Wilk bereits Schlagzeilen.

Die Abschaffung der MutterAngefangen bei den Untersuchungen in der Schwangerschaft werfen die Autorinnen einen Blick auf alles, womit sich eine Mutter heute konfrontiert sieht. Die Bevormundung durch Mediziner, die Anleitungen zur Kindererziehung, den Druck, zu arbeiten. Eine Abwertung der Mutter meinen Frau Bronsky und Frau Wilk.

Diesem Buch lässt sich schwer zu Leibe rücken, ohne persönliche Kommentar einfließen zu lassen. Schon allein, weil beide Autorinnen vor allem ihre eigenen Erlebnisse aufgreifen und pauschalisiert wiedergeben (das geben die beiden auch in ihrer Einleitung zu). Ich möchte hier trotzdem trennen und den Versuch einer vernünftigen Kritik unternehmen.

Viele Punkte, die die Autorinnen aufgreifen, sind interessant, diskussionswürdig und wichtig. Die stetige Abwertung der Hebammen durch die immer weiter steigenden Krankenkassenbeiträge beispielsweise, gegen die trotz gesellschaftlichem Protest nichts unternommen wird. Der von der Empfängnis an lastende Druck auf einer Frau, „plötzlich“ Mutter zu sein und die überhöhten, unerreichbaren Eigenschaften, die damit verbunden sind. Doch bereits hier zeigt sich eine erste Diskrepanz. Während Frau Bronsky und Frau Wilk nämlich in einem Satz eben jene Erhöhung kritisieren, ist es im Grunde gerade sie, die beide erhalten wollen. Das zeigt nicht erst dann, wenn beide den Vätern absprechen, adäquate Bezugspersonen zu sein oder sie den Platz einer Mutter an der Seite ihres Kindes sehen und Kleinkindbetreuung in der KiTa oder bei Tageseltern ablehnen. Es zeigt sich an der Tatsache, wie die Autorinnen mit der Mutterfigur in ihrem Buch umgehen und wie sie immer wieder tiefe Seitenschläge auf andere Meinungen austeilen.

Als Quellen nutzen die Beiden dabei nicht etwa Fachliteratur, sondern fast ausschließlich journalistische Texte, oft Kommentare und Kolumnen, die durch ihre Textgattung bereit gefärbt sind und deren Aussagekraft je nachdem als krasser Gegenpunkt herhalten muss oder als längst belegte eigene Meinung. Hier zeigt sich sehr deutlich, wie leicht es sein kann, der eigenen Meinung polarisierende und pauschalisierende Stimmen hinzuzufügen, um den Anschein einer fundierten Grundlage zu wahren. Doch Die Autorinnen gehen – was eigentlich wichtig wäre – nicht konstruktiv mit den verwendeten Texten um, sie reflektieren ihre eigenen Aussagen nicht und gehen auch nicht auf bestehende Gegenstimmen zu ihren Theorien ein.

Im Grunde wird Die Abschaffung der Mutter, dessen Kernaussage so viel mehr verdient hätte, zu einer Ansammlung von Vorwürfen und Schreckensbildern, angefangen von „gezwungenen“ Untersuchungen und Geburten bis zur Enteignung des Kindes durch die staatliche Erziehung. Ein Buch, das ich keiner werdenden Mutter wünsche, sie wird weder sich, noch ihrem Mann oder ihrem Umfeld mehr vertrauen. Im Grunde sprechen die Autorinnen, allen Müttern, die sich für ein Krankenhaus als Geburtsort oder einen frühen KiTa-Platz entscheiden ihre Mütterlichkeit ab. Selbst homosexuelle Paare, die ein Kind adoptieren werden angegriffen, weil die Mutter fehlt, Leihmutterschaft (ohne Frage ein großes Problem) wird gemeinsam mit „Retortenkindern“ verteufelt, immer mit dem netten Spruch „Wir wünschen allen, die es anders machen alles gute“, der hier mehr nach einem „Kannst es ja probieren, ist aber trotzdem falsch“ klingt.

Als Leserin hatte ich oft den Eindruck, die Autorinnen verteidigen ihre Entscheidung, ihre Kinder eben nicht frühzeitig in die KiTa zu geben, weil sie den Eindruck haben, das zu müssen. Hier liegt das große Problem. Denn dabei greifen sie alle an, die dies tun, erhöhen die Mutter zur alleinigen akzeptablen Bezugsperson des Kindes, zu einer Person, die aus Instinkt alles weiß, was sie wissen muss, wie sie ihr Kind auf die Welt bringt, es umsorgt und erzieht. Unsicherheit, Fragen oder andere fähige Personen mit anderem Geschlecht oder ohne familiären Bezug werden schlicht als unnötig, nicht existent oder falsch nebenangestellt. Kurz: Die Abschaffung der Mutter pauschalisiert und polarisiert mit fragwürdigen Argumenten und ohne fundierten Hintergrund, oft allein auf den Meinungen und Erlebnissen der Autorinnen gefußt.

Und darum hänge ich dieser Rezension meinen allzu persönlichen Einwurf hinterher: Ich kann diese Erlebnisse nicht bestätigen. In meiner Stadt werde ich schief angesehen weil meine Tochter seit ihrem ersten Lebensjahr in die KiTa geht, nicht deswegen, weil mein Sohn es jetzt nicht tut. Ich habe drei Kinder, die ich alle im Krankenhaus bekommen habe, auf unterschiedliche Arten und in unterschiedlichen Situationen, aber nie habe ich mich dabei „vergewaltigt“ gefühlt, im Gegenteil, meine dritte Geburt bezeichne ich immer als „perfekt“. Ich kenne Hebammen, die ihren Schützlingen das Stillen miesreden und behaupten, die Frauen hätten zu wenig Milch und habe eine Frauenärztin, die jeden „Nein“ von mir akzeptiert. Und vehement möchte ich wiedersprechen, dass eine Mutter per se die einzige vollständig akzeptable Bezugsperson für ein Kind ist. Ich weiß, dass Väter ebenso diese Rolle einnehmen können, oder Großeltern, oder andere Menschen, diese Rolle ist weder geschlechterabhängig, noch auf die Familie beschränkt. Und dass alle Kindergärten nur mieses Personal haben und Tageseltern schlecht ausgebildet wären oder einfach nur einen niedrigen Schulabschluss haben, kann ich getrost verneinen. Immerhin liegt es in der Aufgabe der Eltern, die Betreuung ihres Kindes auszuwählen und sich hier ein Bild von den Zuständen zu machen und in meinem Alltag habe ich beides so noch nicht erlebt. Und hier liegt der wichtige Unterschied zwischen diesem Absatz und dem Buch von Alina Bronsky und Denise Wilk. Ich habe klargemacht, dass hier allein meine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen aufgezeigt wurden, in jedem Satz. Die Autorinnen von Die Abschaffung der Mutter aber, erklären diesen Hintergrund in ihrer Einleitung ausführlich, dem Leser bleibt aber überlassen, welche Anekdote er nun auf eine persönliche Geschichte, auf Hörensagen oder gar erfundenes Beispiel zurückführen möchte.

Kommentare

  1. Karin

    Hallo und guten Tag,

    am Anfang ist die Mutter, denke ich mir schon extrem wichtig. Besonders wenn es ums Stillen geht und solange die Männer, dass nicht können…sehe ich da die Mutter an erster Stelle.

    LG…Karin…

    • Ja, die Frau kann stillen. Das macht sie aber nicht zum Nullplusultra. Und füttern kann man ein Kind auch gut mit der Flasche -auch mit abgepumpter Milch. Wichtig ist, dass da jemand mit Hingabe für das Kind sorgt, auch gerne beide Eltern zusammen

        • Liebe Karin, Stillen ist mit Sicherheit etwas, was die Natur toll eingerichtet hat und aus meiner Erfahrung kann ich sagen, es ist sehr schön und verbindet natürlich. Dass jemand, der mit der Flasche füttert, automatisch weniger Nähe zum Kind erfährt, halte ich aber für einen Trugschluss. Dabei hat derjenige das Baby ja auch im Arm, hat Hautkontakt, beide riechen und fühlen den anderen, die Wärme, es kann gesungen, gesprochen, gestreichelt und geliebt werden.

          • Karin

            Hallo Eva Maria,

            mir geht es da gerade um die Anfangsmonate oder auch nur Wochen…wo man als Mutter noch eher den direkten Körperkontakt zum Kind bekommt als bei Flaschenernährung.

            Nacktheit von beiden Seiten…Haut an Hautgefühl ohne störenden Stoff…im Gegenteil dazu bei Flasche.

            LG..

Ich freu mich über eure Meinungen