Meine Zeit mit Eleanor – Amy Bloom

Zur Netgallye Challenge bin ich dieses Jahr auf Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom gestoßen. Dieses Jahr erschienen bei Hoffmann und Campe ist die Geschichte um eine homosexuelle Beziehung der Ehefrau von Franklin D. Roosevelt mit Sicherheit die Aufmerksamkeit wert. Die Autorin hat als Essayistin den National Magazin Award gewonnen und passt dadurch zu #WirlesenFrauen. Außerdem kommt die Rezension ideal zum #Pridemonth Juni.



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Der Roman widmet sich der Beziehung zwischen der Journalistin Lorena Hickok und Eleanor Roosevelt und basiert auf einer wahren Geschichte. Ob die beiden Frauen wirklich eine lesbische Beziehung führten, ist in der Realität unbeantwortet geblieben. Im Roman verlieben sich die beiden, als Lorena Eleanor während der ersten Präsidentschaftskampagne ihres Mannes interviewt. Als eine Pionierin im Journalismus macht sich Lorena einen Namen, wechselt dann aber in eine staatliche Anstellung und zieht beim Sieg Roosevelts mit ins Weiße Haus ein.

Zeitsprünge

Der Roman springt zwischen der Liebegeschichte zwischen Lorena und Eleanor und den Tagen nach Franklin D. Roosevelts Tod, in denen Lorena ihrer ehemaligen Geliebten Beistand leistet. Auch ihre Herkunft wird erzählt. Lorena stammt aus ärmlichen Verhältnissen, wurde vom Vater vergewaltigt, vor die Tür gesetzt und arbeitete für einige Zeit im Zirkus. Der Moment, in dem ihr klar wird, dass sie auf Frauen und nur auf Frauen steht, ist eindrucksvoll und dennoch nicht übermächtig. Als lesbische Frau weiß sie später, wie sie sich verstellen muss, und kennt den Eindruck, den sie bei anderen hinterlässt.

Die Liebe zu Eleanor überwältigt sie. Diese sonst so zynische, selbstsichere Frau, die ihre Bettgespielinnen regelmäßig wechselt und sich wenig Gedanken um echte Gefühle macht, findet ihre große Liebe. Der Roman macht von Anfang an klar, dass diese beiden niemals, trotz aller Streitereien und Probleme, wirklich voneinander loskommen werden. Sie kommen aus unterschiedlichen Welten und trotzdem träumen sie davon, wie es wäre, wenn Eleanor ihren Mann verließe. Die zarten Liebeleien fehlen. Es sind starke, direkte Töne, die der Roman hierfür findet. Alle Unklarheiten werden durch Lorens direkte Art beseitigt, denn sie ist die Erzählerin. Und sie enttarnt dabei auch Eleanor und nicht zuletzt sich selbst.

Fiktion und Wirklichkeit

Mitunter kann einem das weiße Haus dabei schon mal wie ein Sumpf an sexuellen Eskapaden erscheinen. Von wegen Levinsky-Affäre, darüber hätten die Roosevelts nur müde gegähnt. Immerhin, dass Eleanor einen breiten Freundeskreis an lesbischen Frauen hatte, ist auch historisch bestätigt. Hier sei erwähnt: Über die sexuelle Orientierung der Autorin kann ich nichts sagen. Own Voices sind mir wichtig, aber ich verstehe auch, dass es die Öffentlichkeit nichts angeht, wie Amy Bloom ihr Leben lebt. Ein Luxus, den Eleanor und Lorena nicht hatten.

Romantisch, ehrlich, historisch, sarkastisch: Meine Zeit mit Eleanor hat viele Gründe zum Lesen

Lorena ist keine Figur zum Liebgewinnen, aber darauf zählt das Buch auch nicht ab. Sie ist eine ehrliche Figur, ein Charakter, der hinter die Inszenierungen des Lebens blickt und dabei auch zu sich selbst schonungslos ist. Dass hier keine große Lovestory erzählt wird, macht schon der historische Hintergrund klar. Doch es ist auch keine tragische Liebe, die ihrer Zeit voraus war. Vielmehr ist es eine ganz eigene und individuelle, die sich über Regeln hinwegsetzt und doch daran scheitert, die Träume hat und doch eine Realität findet. Eine Liebe, die unangefochten überwältigend ist und doch Raum lässt und Distanz. Das ist das wirklich Schöne an dem Buch. Dass es nicht zum Abklatsch einer lesbischen Beziehung wird und auch nicht zum historischen Denkmal, sondern zu etwas individuellem.

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