Ich bin ich und jetzt? – Nico Abrell

Im Rahmen der #bleibdu Aktion habe ich Ich bin ich und jetzt? von Nico Abrell gelesen. Ein Buch über Mobbing und Outing, über das Erkennen, wer man selbst ist und das Lernen, dazu zu stehen. So jedenfalls bietet sich das Buch an.

Und jetzt?

Nico Abrell erzählt hier aus seinem eigenen Leben. Vom Mobbing, das er auf der Schule erlebt hat, seinem Trost, den ihm sein BookTube Kanal und die Freundschaft zu seinem späteren festen Freund gegeben hat. Dazwischen gibt er Tipps, wie Betroffene mit Mobbing umgehen können und welche Strategien hilfreich sind. Auch Anlaufstellen werden genannt. Diese Internetseiten und Telefonnummern sind wahrscheinlich das Hilfreichste am ganzen Buch.

Schwerer Einstieg

Zunächst: Nico Abrell ist bereits durch mehrere SP-Bücher aufgefallen, die sich in weiten Teilen als Plagiate herausgestellt haben. Das habe ich erst erkannt, als das Buch bereits bei mir lag. Da er hier vor allem autobiografisch vorgeht, nehme ich erst einmal an, dass er dazu gelernt hat. Dass ein Verlag wie dtv ihn trotz seiner Vorgeschichte so einfach publiziert frustriert dennoch. Vor allem, da ich mir von dem Buch viel mehr erhofft hatte.

Schon der Einstieg hat mich Straucheln lassen (das erkläre auch in meinem Beitrag zur „Schuld“ bei Mobbingopfern), denn Nico behauptet, schon immer als „schwul“ beschimpft worden zu sein. Dass er im Verlauf seinen Peinigern da im Grunde Recht gibt und aus meiner Sicht nicht wirklich damit umgegangen wird, dass „schwul“ eben kein Schimpfwort ist, hätte mich das Buch fast weglegen lassen. Kein Mobbingopfer sollte impliziert bekommen, es wäre irgendwie vielleicht selbst schuld!

Teenie-Romanze

Zu 90% besteht das Buch aus Nicos Erzählungen, wie er gehänselt wurde, sich ins Netz zurückzog und in BookTube eine neue Welt gefunden hat. Das Gefühl eine virtuelle Heimat gefunden zu haben, kann ich gut nachvollziehen. Da es im Buch aber nicht nur im Mobbing, sondern auch Nicos Outing geht, berichtet es von seiner Freundschaft mit David, wie dessen Outing Nico eine neue Perspektive gab und wie er sich schließlich selbst klar wurde, dass er schwul ist. Soviel verrät auch die Buchbeschreibung. Und damit hat es sich auch, denn mehr haben die paar Seiten wirklich nicht zu bieten.

Der Stil ist dabei eher tollpatschig und klingt nach einem Schulaufsatz. Auch das reale Leben kann spannend erzählt werden, aber Ich bin ich und jetzt? schafft das einfach nicht. Nur hin und wieder flackern mal Emotionen auf, die meiste Zeit wird von seinem Freund geschwärmt und was das Buch so absolut gar nicht ist, ist eine Hilfe bei Mobbing, ich vermute auch nicht beim Outing. Die Tipps, die gegeben werden, klingen wie die immer gleichen Dinge, die Lehrer in den fünf Minuten Mobbingpräventionen so von sich geben und klappen im echten Leben so gut wie nie.

Hält nicht, was es verspricht: Ich bin ich und jetzt? von Nico Abrell

Miese Tipps

Mobbingopfer sind in einer Spirale aus Scham, Angst und Unsicherheit gefangen. Ihnen zu raten, sich einfach an Eltern, Lehrer oder Fremde zu wenden, ist in etwa so ratsam, wie einem Fisch zu sagen, er solle doch einfach mal anfangen zu fliegen. Dass Mobbingopfern zunächst bewusst werden muss, dass sie weder schuld sind, noch unwichtig, dass sie Hilfe fordern dürfen und sollen – das fehlt mir. Stattdessen kommen solche Binsenweisheiten wie „hör nicht hin“, „Straf sie mit Verachtung“, dass ich mich ernsthaft Frage, ob Nico hier nicht doch was seine Mobbingerfahrung angeht, kreativ geworden ist. „Hör einfach nicht hin“ funktioniert bei Mobbing einfach nicht und das nicht erst seit gestern.

Da ich selbst in einer heterosexuellen Beziehung lebe, kann ich zum Punkt „Outing“ nur in Grenzen etwas sagen. Doch auch hier sind die spärlichen Tipps so rudimentär in ihrem Inhalt, dass ich fürchte, jede*r Betroffene würde am Ende noch hilfloser sein, als vorher. Was Ich bin ich und jetzt? bietet ist eine schlecht erzählte Tennie-Romanze zweier Jungs. „Über Mobbing, Outing und das erste Mal“, so wie es der Untertitel verspricht, geht es nur marginal. Eine Mogelpackung also, durch und durch, auch ohne Plagiat.

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