Selbst schuld? Die Mär vom Mobbingopfer

Dies ist mein zweiter Beitrag zur #bleibdu Aktion gegen Mobbing. In meinem ersten Text ging es um Bodyshaming in Kindergarten und Schule, heute werde ich der Aussage, dass Mobbingopfer ja selbst schuld seien auf den Grund gehen. Danke an den Verlag für mein Rezensionsexemplar von Ich bin ich – und jetzt? von Nico Abrell.

Und jetzt?

In dem Buch erzählt Nico Abrell von seinem Outing, dem Mobbing, das er an der Schule ertragen musste und seiner Beziehung zu David. Meine Rezension folgt noch. Anstoß zu diesem Artikel brachte der Anfang des Buches. Lange vor seinem Outing, ehe Nico klar wurde, dass er homosexuell ist, wurde er von seinen Klassenkameraden ausgegrenzt mit der Begründung, er sei schwul. Es werden verschiedene Aspekte dabei benannt und irgendwie schwang für mich immer mit, dass diese Jungs früher erkannt hätten, was in Nico vor sich ging, dass sie recht hatten und er eben anders war und darum gemobbt wurde.

Selbst Schuld?

Diese Argumentation, auch wenn sie nur impliziert und nicht ausgeschrieben ist, halte ich für höchstgefährlich. Sie entbindet Täter von ihrer Verantwortung und schiebt den Opfern die Schuld zu. Sie sind eben anders, darum sei die Ausgrenzung, die Beschimpfungen und Gemeinheiten im Kern berechtigt. Das erzeugt eine Spirale, in denen sich die Betroffenen immer mehr wünschen, wie alle anderen zu sein, weckt Selbsthass und führt zu dem, was Mobbing so gefährlich macht. Auch als ich im Gymnasium gemobbt wurde hörte ich oft, dann mach eben dies oder das nicht, dann verhalte dich eben anders, nimm ab, zieh dich an wie alle anderen.

Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit kennt auch Nico. Seine Suche nach Bestätigung führt ihn ins Internet, auf YouTube, wo er Booktube kennenlernt und selbst beginnt, Videos zu drehen. Dort erfährt er, was ihn im analogen Leben fehlt. Bestätigung, (virtuelle) Freundschaft und einen Weg zu sich selbst, den er immer gesucht hat. In diesem Rahmen trifft er auch auf David. Viel wichtiger aber, er hört auf, sich selbst permanent zu hinterfragen und erkennt, dass er nicht „anders“ ist, nicht „falsch“, sondern einfach er selbst.

1998 war ich 11 und auf dem Weg in eine persönliche Hölle – Mobbing

Sie Suche nach dem Warum

Vor ein paar Wochen kam mein Sohn nach Hause und meinte, es habe Ärger gegeben. Die ganze Klasse wurde zusammengerufen und es gab eine Notfallsitzung, weil ein Mädchen gemobbt wurde. Klassenkamerad*innen hatten sich über Whats App formiert und eine „Hass-Gruppe“ erstellt. Das erinnerte mich nicht nur extrem an die Zeit, als auf dem Schulhof ein „Eva-Hass-Club“ aufkam (sorry an alle, die die neuen Medien dafür verteufeln, aber den Scheiß gab es schon immer), sondern ließ mich aufhorchen. Warum, fragte ich und wie mein Sohn das sehe, der kein Whats App hat.

Er druckste rum. Das Mobbing falsch ist und ausgrenzt, statt Lösungen zu finden, hatte ich ihm schon mehrfach erklärt. Das, was seine Mitschüler*innen gemacht hatten hieß er nicht gut. Und doch fiel der Satz. „Sie ist ja selbst schuld.“ Er erzählte, das Mädchen hatte am Anfang des Schuljahrs, als alle neu in die fünfte Klasse gekommen waren, ohne Grund nach den Jungs in der Klasse getreten. Das hätte erst alles in Gang gesetzt. Ich antwortete nicht sofort, sondern dachte nach. In Kombination mit meinen Überlegungen zu Ich bin ich – und jetzt? suchte ich nach dem Grund, warum mich diese Erklärung so störte.

Niemand verdient Mobbing

Ein paar Tage später war ich soweit und sprach das Thema wieder an. Selbst wenn sich jemand falsch verhält, ist das kein Grund, uns unsererseits mindestens ebenso falsch zu verhalten. Wobei ich den psychischen Terror eines Mobbings ein paar Tritten im Vorbeigehen eines überforderten Kindes weder gegenüberstellen noch miteinander vergleichen will. Das eine wäre mit einem Gespräch im Klassenrat, Nachfragen bei den Eltern und etwas Zeit zu klären gewesen. Das Mobbing wird Täter wie Opfer ewig verfolgen. Aber schon allein die Ausrede „Die hat doch angefangen“ ist keine Begründung. Sie ist etwas, wohinter sich Täter verstecken, um die Verantwortung abzugeben und ihre Taten zu verschleiern. Sie klingt nicht nur nach Kindergarten, sondern kommt direkt aus jenem Verständnis, das sich in „Auge um Auge“ niedergeschlagen hat. Und dann ist Mobbing noch immer keine adäquate oder gerechtfertigte Antwort. Auf gar nichts. Niemals.

In Nicos Fall lag das Mobbing nicht nur, aber zum Teil in grotesken Vorurteilen und Stereotypen begründet, die es Jungs (und Mädchen) immer noch schwer machen, sich wie sie selbst zu verhalten, ohne in Geschlechterklischees gezwängt zu werden. Mein Sohn hat lange Haare, er liebt sie, und er hasst es immer wieder gefragt zu werden, ob er denn ein Mädchen sei. Und wenn ich das nächste Mal höre, ich sei ja keine richtige Frau, weil ich dies oder das nicht mache oder mag, und dass dann auch noch ein Kompliment sein soll, schreie ich, oder spucke Feuer aus lauter Frust. Ich bin ich – und das ist auch gut so.

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Ich finde es auf jeden Fall gut, dass die Klasse zu einer “Notfallsitzung” zusammengerufen wurde. Das gab es früher definitiv nicht, deshalb sind wohl die Lehrer mittlerweile besser darin geworden mit solchen Situationen umzugehen. Immerhin ein erster Schritt und mit den Kindern darüber sprechen, hilft auch.