Für den letzten Sommertag

Als ich klein war, richtig klein, im Kindergartenalter, vielleicht noch Grundschule, durften mein Bruder und ich an heißen Sommertagen nackt im Hof umherspringen, während Vater oder Mutter uns mit dem Gartenschlauch nassspritzten.
Ich roch den heißen Asphalt der nahen Straße, den staubigen Boden, auf dem sich das Wasser mit trockenem Dreck vermischte.
Es wurde schwül und ich glaubte, die Sonne würde dieses Wasser, durch das ich sprang, schnell aufsaugen, an den Himmel zurück befördern, in die Wolken, wo es ein zwei Tage später in einem Sommergewitter zurück zur Erde sauste.
Im Sommer stand mein Fenster immer offen.
Meine Mutter stellte eine kleine Schüssel mit duftender Flüssigkeit aufs Fensterbrett, um Stechmücken fern zu halten.
Als Decke benutzte ich ein Bettlaken, dünn, eher der Behütung, als der Wärme wegen.
Durch das Fenster hörte ich die Autos vorbeifahren. Sie rollten brummend über die Straßen, hielten mich wach. Genauso wie die Sonne, die lange schien, länger, als ich aushalten konnte.
Während mein Bruder mit seinen Freunden unterwegs war, suche ich mir ein kühles Plätzchen, las ein Buch, spielte im Verborgenen.
Wenn ich Nähe suchte, wurde ich zurückgewiesen.
„Es ist so schon heiß genug!“

Wieder ist es Sommer, es ist heiß.
Ich habe keinen Garten, keinen Hof, in dem ich mich mit dem Wasserschlauch abkühlen könnte, keinen, in dem ich meinen Sohn dieses Vergnügen bereiten kann.
Ich schließe sein Fenster, damit die Sommergewitter ihn nicht wecken, nicht durch die schrägen Dachfenster zu ihm hinein regnen, ihn wecken.
Es gibt kaum kühle Plätzchen hier oben, und so suche ich sie für meinen Sohn woanders, draußen, wo er eines seiner Bilderbücher bekommt.
„BuBu“, sagt er dann.
Und ich nehme ihn in den Arm, wenn er danach verlangt, egal wie warm es ist, verspreche ihm leise, dass er irgendwann einen Garten, einen Hof haben wird, wo ich ihn im Sommer nass spritzen kann.

©Eva-Maria Obermann

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