Essen ist Heimat – oder warum ich Ratatouille so mag [Blogtour]

Vor einiger Zeit wurde ich von Mareike, der Bücherkrähe, angeschrieben, ob ich nicht Lust hätte bei einer selbst organisierten Blogtour mitzumachen. Ich habe mich riesig gefreut. Zum einen, weil ich Mareikes Blog grandios finde und ich wirklich sehr gerne mit ihr zusammen solche Aktionen mache. Zum andren, weil das Thema mir sehr am Herzen liegt. Suppen für Syrien ist ein Kochbuch, das bereits 2016 bei Dumont erschienen ist. Initiator ist Rafik Schami, gemeinsam mit einer ganzen Reihe von Sterneköchen. Es ist international erschienen UND (Trommelwirbel) der amerikanische Verlag hat auf seine Lizenzgebühren verzichtet, wodurch Dumont in der Lage war ALLE Gewinne aus dem Verkauf des Buches an Schams e.V. zu spenden.

Danke an Mareike / Die Bücherkrähe für den Header

Bisher hat euch Mareike erzählt, was genau der syrische Bürgerkrieg überhaupt ist. Elif hat euch Schams e.V. vorgestellt und bei Cindy ging es um NGOs, die im Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten. Ich werde heute etwas motivischer und blicke auf Essen als Allegorie für Heimat, Vanessa schaut sich Morgen Suppen in der Literatur an. Da knurrt mein Magen jetzt schon.

Was ist Heimat?

Ein alltäglicher Begriff, der gar nicht so genau zu definieren ist. Manche machen Heimat an Örtlichkeiten fest. Diese Stadt, dieses Land, dieser Kontinent. Andre sehen darin das, woran sie gewohnt sind. Religion, Hautfarbe, Menschenbilder. Tradition ist eng mit dem Heimatbegriff verknüpft. Heimat bietet Sicherheit, weil wir uns auskennen und wissen, wo was zu finden ist. Wir müssen nicht fragen und nichts in Frage stellen. Sie ist ein Rahmen, in dem wir uns geborgen fühlen. Dass diese Sicherheit eine gedachte ist wird schnell klar, wenn wir uns überlegen, wie zerbrechlich und teilweise auch falsch die Gedankenbilder sind. Eine Flut kann den Ort, an dem wir leben zerstören, genauso wie ein Feuer, ein Erdbeben oder Ähnliches. Selbst wenn wir Grenzen gesetzt haben (ein menschliches Konstrukt), kann uns eine nichtmenschliche Macht (wie die Natur) diese wieder nehmen.

Was ist Heimat? Ein Ort? Eine Kultur? Eine Geschichte? Gibt es das überhaupt? (Foto: maxmann / pixabay.de)
Heimat ist eine Illusion

Auch die Annahme, keine Fragen mehr stellen zu müssen, ist nur eine Vorstellung. Nur weil wir etwas nicht kennen, heißt es nicht, dass es nicht zu unserer Heimat gehört. Kennt ihr jeden Laden in eurer Stadt oder dem „Heimatdorf“? Jeden Menschen? Jede Besonderheit? Ich lebe auch mit 30 noch in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und kenne immer noch nicht jede Straße oder jeden Menschen. Es ist eine kleine Stadt. Und sie verändert sich. Diese Veränderung ist immer gegeben. Wir können sie nicht aufhalten. Weil wir kein Ölgemälde sind. Moden kommen und gehen, Kinder werden groß, banale Dinge, die unsere Umgebung verändern. Das gehört zum Alltag dazu und ist gut. Ohne diese Entwicklung wäre medizinische Versorgung, Bildung, Fortschritt undenkbar.

Heimat verändert sich und bleibt doch immer nur eine Illusion (Foto: Unsplash / pixabay.de)
Heimat verändert sich

Auch unsere Kultur ist keine feste, sondern stets in der Entwicklung. Die Annahme, es gäbe „eine“ Kultur ist genauso eine Fehlinterpretation, wie der Glaube, es gäbe „eine“ Heimat. Weil jeder diese Begriffe anders versteht, anders deutet und weitergibt. Darunter fallen Debatten wie „was ist Kunst“, aber auch die Übertragung der „Aura“ nach Walter Benjamin in die heutige Zeit der Reproduktion. Im Grunde sind wir uns alle fremd. Wir sehen die Welt unterschiedlich, selbst wenn sich diese Eindrücke massiv ähneln können. Einflüsse von außen können ideell sein, über Musik, Literatur, Film oder Vorstellungen, aber auch durch Menschen. Es gibt sie immer. Selbst wenn wir sie ablehnen, reagieren wir darauf. Es ist wie mit Kommunikation. Wir können nicht nicht kommunizieren, weil selbst ein Schweigen aussagekräftig ist. Wir können nicht nicht reagieren, weil selbst im Ignorieren eine Reaktion begründet ist.

Heimat ist ein Gefühl. Ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens. Egal wo (Foto: Unsplash / pixabay.de)
Heimat ist Essen

Was ist Heimat also? Eine Vorstellung, die wir uns selbst machen und mit Begriffen aufladen. Vor allem aber: Erinnerung. Die Straße, in der wir groß geworden sind. Der Bäcker um die Ecke, das Stückchen Wurst beim Metzger. Der Spielplatz, unsere besten Freunde, unsere Familie. Gerüche, Gefühle. Und Geschmack. Essen. Essen ist elementar mit unserer Erinnerung und dem kindlichen Gefühl der Sicherheit verknüpft. Ob es Kaba oder Tee gab, warme Milch oder kalte. Ob es zum Frühstück Müsli oder Brot gab, Suppe als Vorspeise oder nicht. Mein Vater kann keine süßen Hauptspeisen essen, weil das für ihn fremd ist. Eine Vorstellung von Heimat ohne Apfelküchlein, Kaiserschmarrn, Kirsch-Michel oder rostigen Rittern. Im Disney-Film Ratatoulli wird diese Verknüpfung von Heimat und Essen essentiell. Der gefürchtete Kritiker wird nicht etwa mit einem Fünf-Sterne-Spezialmenü überzeugt, sondern mit einem Bauerngericht. Weil es in ihm mit Emotionen verbunden ist.

Suppe ist für mich eng mit meiner Oma verknüpft, bei der es jeden Tag als Vorspeise Suppe gibt. Suppen für Syren heißt für mich darum ein Stück Heimat in die Welt tragen
Heimat ist für jeden anders

Jeder von uns hat Gerichte, die er mit Emotionen verknüpft. Mit dem Gefühl von Sicherheit und Liebe, Vertrauen und Wärme. Mit Heimat. Wir lieben es, in Restaurants fremdländische Speisen zu probieren. Der Reiz der Exotik. Und auch hier spielen Gefühle eine Rolle. Auch ein einstmals fremdes Gericht kann so zur „Gewohnheit“ werden, dass es Heimat überträgt. Den Hackbraten von Mama neben den Spaghetti des Partners, der überbackene Käsetoast neben Falafel. Heimat ist ein Gefühl. Essen kann Gefühle auslösen. Ja, es gehört zu Kultur und Tradition (oft, nicht immer), aber ist dennoch so verschieden. Meine „Heimatsgerichte“ sind bestimmt nicht eure. Darum liebe ich Essen in diesem Bezug so. Es zeigt deutlich die Varianz in dem, was wir als Heimat, Kultur etc. bezeichnen. Suppen für Syren hat nicht nur Suppen aus Syren, aber auch. Genauso sind darin Suppen aus vielen anderen Ländern. Jede davon für irgendwen ein Stück Heimat. Heimat, die überall sein kann.

[Bei FAZ gibt es einen interessanten Artikel zu Heimat in der Literatur, außerdem kann ich euch den Band Heimat – Neue Erkundungen eines alten Themas, hg. v. Horst Bienek, erschienen 1985 bei Hanser, empfehlen und natürlich (hihihi) meinen eigenen Artikel Wo ist meine Sprache?, der die Verbindung von (Sprach-)Heimat und Identität behandelt, erschienen in der Zeitschrift Exil, 2016.

Kommentare

  1. „Heimat ist ein Gefühl“ – das ist sehr schön ausgedrückt, denn die Menschen, die ihre Heimat wegen eines Krieges verlassen mussten, haben hier teilweise eine 2. Heimat gefunden.

    Ob sie sich hier bei uns heimisch fühlen oder nur „geduldet“, das ist tatsächlich eine Sache des Gefühls – nicht nur des eigenen Gefühls sondern auch der Gefühle, die ihnen entgegengebracht werden. Ich liebe „meine Syrer“ von ganzem Herzen und deswegen sind sie hier „zu Hause“

    LG Babsi

    • Da hast du vollkommen Recht. Selbst an dem Ort, an dem man geboren wurde, findet man keine „Heimat“, wenn man sich dort nicht geborgen fühlen kann, weil man abgelehnt wird. Offenheit und Herzlichkeit sind wichtige Punkte, wenn es um Integration geht. Danke für deinen Kommentar, LG Eva

  2. Melem Bayati

    Hallo Eva-Mariam,

    ich habe deinen Artikel vor einigen Tagen gelesen und er hat mich seitdem ziemlich beschäftig. Ich wollte dir ursprünglich einen Kommentar hinterlassen, jedoch wurde dieser immer länger, sodass ich mich entschlossen habe, einen eigenen Blogeintrag dazu zu verfassen. Hier kannst du ihn finden:

    http://blog.skythief.de/2017/10/03/heimat-was-am-ende-uebrig-bleibt/

    Ich fand deinen Artikel auf jeden Fall sehr toll und konnte deine Beschreibung von Heimat durch Essen gut verstehen.

    Gruß,
    Melem

Ich freu mich über eure Meinungen