Die Epoche der Romantik

Warum ich der Romantik dankbar bin
Kitschig? Eichendorffs Mondnacht hängt in meinem Wohnzimmer
Kitschig? Eichendorffs Mondnacht hängt in meinem Wohnzimmer

„Boah, wie kitschig“ kommentierte eine meiner Studentinnen Eichendorffs Mondnacht, als wir es im Tutorium zur Einführungsvorlesung bearbeiten wollten. Warum wollten wir es bearbeiten? Weil nach dem 18ten Jahrhundert das 19te folgt und mit diesem die literarische Epoche der Romantik (ca. 1794-1848). Im Grunde hat sie damit recht. Eichendorffs Mondnacht wird nicht umsonst als ein Paradebeispiel der Romantik herangezogen. So ganz anders, als die nüchterne Aufklärung, voller Schmalz und Verrücktheiten. Ohne die Romantik gäbe es heute keine fantastische Literatur, keine Horror-Bücher und tiefgehende Psycho-Thriller. Und auch nicht die Vorstellung der romantischen Liebe. Aber von Anfang an.

die Ausgangssituation

Allzu viel hatte sich in Deutschland seit der Aufklärung vielleicht nicht unbedingt getan. Friedrich der Große hat die erste Schulpflicht eingeführt, das Bewusstsein für EIN Deutschland wuchs, auch wenn das Land selbst noch immer zersplittert war. Preußen und Österreich waren die Großmächte der Zeit im deutschsprachigen Raum, wenn er denn so bezeichnet werden kann, denn EINE deutsche Sprache gab es auch noch nicht. Kleine Staaten erzeugten einen Flickenteppich mit eigenen Dialekten, Redewendungen und unterschiedlichen Orthografien. Doch die Zeit der großen Aufstände war erst einmal vorbei. Die Französische Revolution und ihr blutiger Ausgang war den Deutschen sauer aufgestoßen, dass bald darauf Napoleon an die Macht gekommen war, machte die Sache nicht besser. Statt politischen Umstürzen ging es nun hauptsächlich um Gesellschaftskritik und persönlichen Entwicklungen.

romantische Liebe – die Schnulze
kommt aus der Romantik: romantische Liebe (bngdesigns / pixabay.de)
kommt aus der Romantik: romantische Liebe (Foto: bngdesigns / pixabay.de)

Dazu gehörte auch die romantische Liebe als Neuentdeckung. Mit dem Individuum war auch die Entscheidung, wer wen heiratete eine andere geworden. Durch aufgeweichte Standesgrenzen und das aufstrebende Bürgertum gab es mehr Möglichkeiten und die Rückbesinnung auf Emotionen statt blinder Vernunftsehen schuf die Vorstellung von Der wahren Liebe, die es noch heute gibt. Überhaupt verklärte die Romantik viel Ebenen des Lebens. Die Religion wurde wieder zum Leitmedium, das vor den weltlichen Übeln schützen sollte. Das Ideal der Romantiker war die Kindheit als goldenes Zeitalter, in der der Mensch nach einem schlechten Diesseits in einer Art paradiesischem Urzustand wieder eintreten kann. Auch die Mutter, die in der Aufklärung bereits neu definiert wurde, erfährt dadurch eine Verklärung. Die Mutterliebe als natürliche Gegebenheit, Kinder als höchstes Glück der Frau und die Kindererziehung als ihre hehre Erfüllung.

Verklärungen
Verklären: die Märchen der Brüder Grimm (Foto: cocoparisienne / pixabay.de)
Verklären: die Märchen der Brüder Grimm (Foto: cocoparisienne / pixabay.de)

An diesem Bild hat die Märchensammlung der Brüder Grimm mitgearbeitet. Dabei waren in der ersten Version die so verhassten Stiefmütter noch leibliche Mütter. Erst in einer Neuauflage, die den kindlichen Ansprüchen angepasst war (denn die erste Version enthielt außerdem viel Sex und Gewalt), wurden die Mütter zu Stiefmüttern und diese kamen zu ihrem zweifelhaften Ruf. Jakob und Wilhelm Grimm haben übrigens nicht nur Märchen gesammelt, die eigentlich kaum das Wort „Volksmärchen“ verdienen, denn sie stammten hauptsächlich aus Erzählungen gebildeter, reicher Bürger. Die Brüder sammelten auch Wörter und verfassten mit dem grimmschen Wörterbuch eines der ersten etymologischen Wörterbücher. Eines also, dass die Herkunft der Wörter aufzeigt und außerdem eine erste orthografische Richtlinie zur Schreibweise der Zeit liefert.

Sehnsucht nach allem
Das goldene Zeitalter: Die Romantik (Foto: Unsplash / pixabay.de)
Das goldene Zeitalter: Die Romantik (Foto: Unsplash / pixabay.de)

Diese Punkte halfen tatsächlich, das Gefühl eines gemeinsamen Landes zu erzeugen. Die Volkstümelein ist ein Schlagwort der Zeit. Ein anderes ist Sehnsucht. Gerade in Gedichten, wie auch Eichendorffs Mondnacht, steht die Sehnsucht nach der Ferne und gleichzeitig die nach der Heimat im Mittelpunkt. Die Romantiker wollten alles und auf einmal – auf eine sehr weltschmerzmäßige Weise. Dass die Romantiker aber auch die ersten Horror-Romane lieferten liegt vor allem daran, dass sie nicht nur Kitsch schrieben. Nein, es waren kunstvolle Psychologisierungen. Die romantischen Texte lassen sich oft aus zwei Perspektiven lesen. Eine, die regelrecht fantastische, in der die Mystik Realität ist – und eine, die hinter den Schleier blickt und tatsächlich vernünftige Erklärungen liefert.

Gruselig
Grusel wird Mode: in der Romantik (Foto: SplitShire / pixabay.de)
Grusel wird Mode: in der Romantik (Foto: SplitShire / pixabay.de)

Paradebeispiele dazu sind E.T.A. Hoffmanns Werke, die der Schauerromantik zugeordnet werden. Nussknacker und Mausekönig beispielsweise, von denen viele die „Kinderversion“ kennen und der Sandmann. Während bei Nussknacker und Mausekönig die fantastische Geschichte, die die kleine Marie erlebt als Halluzination im Fieberwahn gesehen werden kann, an deren Ende das Mädchen stirbt (und mit dem Nussknacker in dessen Reich geht) ist der Sandmann ein psychischer Verfall des Protagonisten, ein Abgleiten in den Wahnsinn, bei dem trotzdem für den Leser unklar bleibt, ob das, was die Hauptfigur zu erkenne glaubt, auch wirklich real ist. Große Themen dabei sind Wahn und Traum, die Nacht als mystischer Zwischenzustand, aber eben auch die Gefahr dahinter. Zwischen himmlischer Liebe und tödlichem Grusel. Ein ganz neuer Weg in der deutschen Literatur.

Kommentare

  1. Hallo Eva,

    ein wirklich toller Artikel!

    Die Romantik zählt zu meinen Lieblingsepochen. Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“ haben wir an der Uni gelesen. Und Eichendorff ist ebenso großartig. Seitdem habe ich ein Faible für blaue Blumen 😉.

    Wie schön, dass du diese Epoche in diesem tollen Artikel nochmals aufleben lässt.

    Viele Grüße

    Rosa

  2. Pingback: Das romantische Interview mit Stefan Godot - ~Schreibtrieb~

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