Zeit der Schwalben – Nikola Scott

Auf der Buchmesse, schnell die Treppe hoch, ich bin spät dran, rein in die Halle – und wo war nochmal der Stand von Rohwohlt? Da werde ich mit ein paar anderen Bloggern Nikolas Scott treffen, deren Debüt Zeit der Schwalben ganz frisch mit 504 Seiten bei Wunderlich erschienen ist.  Ein kleines Grüppchen sitzt schon beisammen und scherzt mit der Autorin. Vom ersten Moment ist sie mir sympathisch, so bodenständig und selbstverständlich redet sie mit uns, erzählt uns von ihrem Weg von Deutschland nach Amerika, nach England und wieder zurück, von der Arbeit als Lektorin und dem Traum, einen Roman zu schreiben.

 

Vom ersten Moment an sympatisch: Autorin Nikola Scott

Vielleicht wäre ich an Zeit der Schwalben vorbeigelaufen, im Buchladen oder allein durch den Titel. Im englischen Original lautet er My Mother’s Shadow, was mich viel mehr angesprochen hätte. Ich und die Mutterfiguren. Sie werden mich nicht mehr loslassen. Die Inhaltsbeschreibung hat mich neugierig gemacht und der kuriose Umstand, dass eine Autorin, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, auf Englisch schreibt. Danke an den Verlag an dieser Stelle für mein Exemplar, das ich bei der Messe signiert mitnehmen durfte. Ich gestatte mir den gedanklichen Abstecher zu W.G. Sebald, der auch im selbstgewählten „Exil“ in England im Schreiben Deutsch nicht loslassen konnte. „Mutter“sprache. Noch so eines meiner Lieblingsthemen.

Der Schatten der Mutter

Am Anfang steht der großen Verlust der Mutter. Sie stirbt bei ihrem Unfall und ihre erwachsene, älteste Tochter Addie bleibt zerrissen zurück. Nie hat sie es Elisabeth recht machen können. Der Vater zieht sich in eine ausgewachsene Depression zurück, die jüngere Schwester versucht mit aller Macht, Kontrolle zumindest vorzuspielen und ihr bester Freund will unbedingt ein Restaurant mit Addie eröffnen. Genug für eine Krise. Doch alles gerät aus den Fugen, als eine Frau vor der Tür steht, und behauptet, Elisabeths Tochter zu sein, am gleichen Tag geboren, wie auch Addie selbst.

Es ist mehr als nur eine individuelle Apokalypse, die der Roman erzählt. Der Umsturz einer Familie, in all ihren Strukturen und vor allem ihrem größten Geheimnis. Im Zentrum aber steht Addie und ihre ganz eigene Art und Weise, die Dinge zu betrachten. Der Verlust der Murrer, gefolgt vom Verlust dessen, was sie immer über Elisabeth zu wissen geglaubt hat. Es ist eine Identitätskrise, die mitschwingt. Nicht nur für Addie, sondern auch für ihre Fremdsicht auf Elisabeth. Wie prägend dieser Eindruck der eigenen Mutter ist, wird im Laufe des Romans und vor allem am Ende immer wieder klar. Addies Entscheidungen sprechen für sich.

In Zeit der Schwalben erfolgt die Spurensuche über Bruchteile. Der Leser aber erfährt die volle und wahre Geschichte, indem immer wieder Zeitsprünge zurück zu Elisabeths Tagebucheinträgen führen. Zwei Erzählstimmen also, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Denn die Elisabeth der Tagebücher ist gerade mal 16, steht vor dem größten Verlust, und das im Grunde gleich zweimal. Dahinter verbirgt sich ein schonungsloser Blick auf den Umgang mit jungen, unverheirateten Schwangeren im England der fünfziger Jahre, auf Abläufe in Heimen für ledige Mütter und Krankenhäuser, aber auch ein Blick in die Moralvorstellungen jener Zeit. Es sind die Folgen dieser Verstrickungen, die Addie aus der Bahn werfen.

Inspiration und Übersetzungskoller
Nikola Scott beim Signieren

In Frankfurt auf der Buchmesse erzählte Nikola Scott von dem Moment, der sie zu diesem Buch inspiriert hat. Ein Spaziergang mit einer Freundin, die als Erwachsene eine neue Schwester fand. Und die Frage, wie man damit umgeht, wenn sich die Familie so komplex ändert. Die gemeinsame verlorene Zeit, die nie wiederkommt und das Gefühl, dass eine Fremde plötzlich so nah an der eigenen Existenz steht. Es sind tiefgehende Überlegungen. Selbstzweifel und Ängste gehören dazu, aber auch Neugierde und nicht zuletzt Enttäuschung, denn was ist es anderes, als das aufdecken einer Täuschung, die ein Leben lang hätte funktionieren können?

Übersetzt wurde Zeit der Schwalben von Nicole Seifert. Die Autorin hat es selbst nicht gewagt. Gleichzeitig war wenig so aufregend für sie, wie ihren Roman plötzlich in der Muttersprache in der Hand zu halten. Das Lesen der Übersetzung, verriet sie uns, hat sie immer wieder verschoben, bis es fast zu spät war. Es sei eine ganz eigene Kunst, die richtigen Worte dabei zu finden, erklärt sie. Sie habe den höchsten Respekt vor Übersetzern. Trotzdem war da diese Angst vor dem Text. Was, wenn er so nicht passt? Wenn es nicht mehr ihr Roman wäre? Im letzten Moment quasi griff sich die Autorin die Übersetzung und las. Und war begeistert. Wie oft ärgern wir uns über Übersetzungen, die dem Original nicht gerecht werden? Hier hat die Autorin ihr Original in einer neuen Sprache gefunden. Ein kleines Märchen der Realität.

Ein Buch, das mich gefesselt hat: Zeit der Schwalben von Nikola Scott
Ohne Kitsch auf Spurensuche

Wenig märchenhaft ist dafür ihr Roman. Addie ist keine verkitschte, aufgeregte Frauenfigur, sondern sehr nachdenklich und introvertiert. Oft sagt sie lieber gar nichts, selbst wenn ihr etwas auf der Seele brennt. Sie sucht die Schuld immer bei sich und wird nun von einer ganz anderen Art von „Schuld“ konfrontiert. Dass sie nicht weggegeben wurde. Zeit der Schwalben versucht auch da trotz Ich-Erzählerin mehrere Perspektiven anzubieten und schafft das souverän. Komplex durchdacht und mit Feinheiten zurechtgeformt. Es waren sehr wenige Stellen, die mich irritiert haben oder zum Meckern veranlassen. Am meisten die Liebesgeschichte, die irgendwie zwischendrin geradezu aufgedrängt wird. Sie hätte für mich gerne fehlen kommen, denn das Ende des Romans ist eigentlich Addies Abschluss mit der Geschichte ihrer Mutter – und dafür braucht es keinen Mann.

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