#litwipunk im Buchlabor: Die Geister sind los

Still und heimlich haben wir an unserer Idee vom Buchlabor, der auf dem Literaturcamp Heidelberg aufgekommen ist, weitergearbeitet. Weil wir Wissenschaft und Bloggen mischen, haben wir für uns den Hashtag #litwipunk ausgemacht. Darunter findet ihr unsere Beiträge und Mitschreiber. Und weil wir die Idee so gut finden, bleibt es nicht bei einer Aktion. Wir wollen immer wieder neue Themen aufgreifen und darüber schreiben. Themen aus Büchern, die wir vergleichen, kritisch begutachten, hier an der Oberfläche kratzen und dort die Bestandteile heraussuchen. Buchlabor eben. Unser erstes Thema ist „Geister“.

Weitere Beiträge zum Buchlabor „Geister“ findet ihr bei

BlueSiren

Gedankenglas

Was sind eigentlich „Geister“? (Foto: geralt / pixabay.de)
Woher kommen Geister

Geister sind jünger, als wir im ersten Moment glauben. In der Antike können die Hinterbliebenen über bestimmte Orte mit dem Totenreich in Kontakt treten, in manchen Fällen können sie ihre Verstorbenen sogar wieder in die Arme schließen. Orpheus wird nicht etwa vom Geist seiner liebsten heimgesucht, sondert wandert in die Unterwelt, um Eurydike zu befreien. Geister? Mitnichten! Es gibt Götter und Nymphen, Wahnvorstellungen und dergleichen, Geister finden sich keine. Auch in der Bibel schreit niemand „Hilfe ein Geist“, als Jesus unter den Jüngern erscheint. Verständlich, immerhin ist „Geist“ im biblischen Sinne etwas ganz anders. Der heilige Geist etwa ist kein gottgleiches Gruselgespenst, sondern eher ein spiritueller Segen, ein Teil der Göttlichkeit im Menschen selbst. Es gibt brennende Dornbüsche, sprechende Schlangen und Menschen mit Flügeln – „Geister“ aber nicht. Gar nicht so einfach, dem Geist in der Literatur auf die Spur zu kommen. Naturgeister dagegen gibt es schon in frühen Zeiten. Dass jedes Ding beseelt ist und darum einen Geist hat, ist noch heute ein Topos, der Eingeborenen-Stämmen und indigenen Völkern zugeschrieben wird. Vielleicht liegt hier wirklich der Anfang. Denn wenn diese Dinge Geister haben, woher kommen diese dann?

Der Kreislauf der Geister

Die Idee der Wiedergeburt spielt hier wohl eine wichtige Rolle. Wenn die Seele (die oft mit dem Geist gleichgesetzt wird) vollständig in einen neuen Menschen übergehen kann, heißt das im ersten Schritt, dass dieser Geist nach dem Tod nicht einfach verschwindet, auch nicht in eine göttlichere Sphäre. Wo aber sind dann die Geister derer, die nicht wiedergeboren werden? Und was ist mit den Menschen, vor denen wir uns Zeit ihres Lebens gefürchtet haben? Was ist mit denen, bei denen wir den Tod einfach nicht akzeptieren wollen? Geister. Warum auch nicht. Eine Vorstellung, die sich durchgesetzt hat, ist die, dass Geister Seelen von Verstorbenen sind, die noch etwas zu erledigen haben. Sie müssen noch eine Botschaft übermitteln, so wie der Geist von Hamlets Vater, der das Drama quasi eröffnet. In Deutschland kommen Geister vor allem durch die Romantik in Mode. Ob im Märchen Brüderchen und Schwesterchen, wo die ermordete Königin drei Abende lang ihr Schlafgemach als Geist aufsucht und nach ihrem Kind und dem verzauberten Bruder sucht oder in den Schauerromantikromanen, die Spuk als eines ihrer Leitmotive offenbaren. Selbst in Eichendorffs Novelle Zauberei im Herbste rätselt der Leser lange, ob nun der Fremde Geister sieht oder selbst einer ist.

Die englischen Geister

Heute immer noch sehr bekannt sind auch die Gespenstergeschichten englischer Autoren im Neunzehnten Jahrhundert. In Charles Dickens A Christmas Carol (veröffentlicht 1843) wird der Antiheld Scrooge von vier Geistern heimgesucht. Den Anfang macht sein verstorbener Geschäftspartner, insofern der einzige echte Geist der Geschichte, da er ein Verstorbener ist. Die anderen drei, die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht symbolisieren mehr die Zeiten, sind Sinnbilder, aber keine „Geister“ im eigentlichen Sinne. Kurios, dass aber immer davon geredet wird, Scrooge würde von drei Geistern besucht werden. Jünger ist die Erzählung The Canterville Ghost von Oscar Wilde (erschienen 1887, hundert Jahre vor meiner Geburt). Hier ist es ein Verstorbener, der spukt und die Hilfe einer Lebenden braucht, um die letzte Ruhe zu finden. Der Gruselcharakter wird hier in Verzweiflung umgebettet, die Rollen des helfenden Charakters verdreht.

Böse Geister oder nicht?

Auch heute beschäftigen sich literarische Werke, wenn Geister vorkommen, immer mit der Frage, warum sie das sind. Was beschäftigt sie, wieso sind sie hier? In der Serie Ghost Whisperer werden Geister, die zu lange mit dem Übergang „in das Licht“ warten oder ihn gar nicht finden, böse, weil sie dem Leben nur zusehen können und nicht gehört werden (wenn sie nicht zu Lebzeiten schon so richtige Bösewichte waren), nicht jeder Geist ist also böse. Vom Film Casper kennen wir eine ähnliche Interpretation. Die drei „Onkel“ sind bereits so lange Tod, dass sie Spuken als ihr Geschäft verstehen, wohingegen Casper die Nähe und Zuneigung von Menschen sucht. Als Hui Buh dreht Michael Bully Herbig diese Prämisse wieder herum. Er braucht ein Zertifikat, weil er sonst nicht mehr spuken darf, ist aber so gar nicht furchterregend. Doch trotz filmischer Adaptionen und Wandlungen sind Geister auch aus der Literatur nicht verschwunden. Tolkien lässt im Herr der Ringe eine Geisterarmee ihre letzte Schuld begleichen und in Lily Frost von Nora Weetman führt der Geist eines toten Mädchens nicht nur zu ihrer Leiche, sondern offenbart auch das Unglück, dass sie ereilt hat. Geister, soweit ist man sich fast einig, haben immer einen Grund, zu spuken, und manchmal sogar einen guten.

Kommentar

  1. Pingback: Buchlabor: Warum sind Geister unheimlich? – Babsi taucht ab

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