Außenseiter in der Literatur: warum wir sie so lieben

Die Blogtour zu Elenor Avelles Zombie-Dystopie Infiziert – Geheime Sehnsucht ist etwas ganz Besonderes für mich. Ja, ich kenne die Autorin persönlich und mag das Buch, aber vor allem ist es dir erste Tour, die ich selbst organisiert habe. Am Montag war bei BlueSiren der Staffellauf, Nike Leonhard hat sich das Thema Dystopie angeschaut und Elenor Avelle selbst warf einen Blick auf den Schauplatz ihres Romans, Berlin. Gestern hat Melli euch die Autorin in einem Interview vorgestellt und morgen ist schon das Ende bei Kira, die euch die künstlerische Ader der Autorin präsentiert. Ich jedenfalls bin schwer begeistert. Aber nun zum Thema: Außenseiter.

Woher kommt’s?

Die Literatur lebt von Außenseitern. Figuren, die nicht so ganz in die Gesellschaft, ihre Zeit, ihr Umfeld passen. Wir lieben sie, denn allzu oft fühlen wir uns auch so. Außerhalb, an die Seite gedrängt, auf einem Weg, der nicht gekreuzt wird. Uns kann es nicht genug sein mit den „lonely Rangers“, den einsamen Wölfen und Solo-Helden, die selbst in Gemeinschaft noch immer ein bisschen alleine bleiben.
Die Verehrung der Einzelgänger wird uns seit der Antike eingeimpft. Herakles, Perseus, selbst Zeus musste alleine Kronos gegenübertreten, um seine Geschwister zu retten. Es kann nur einen geben, schreit uns die Literaturgeschichte zu. Simplicissimus, Wilhelm Meister, Felix Krull – selbst in Gemeinschaft sind die Helden mit ihren Gedanken allein und fühlen eine Grenze zwischen sich und „den anderen“. Wir kennen das. Das unweigerliche Gefühl mitten unter Freunden eine einsame Insel zu sein. Weil wir genau das sind. Individuen. Und das zeichnet all diese Figuren aus.
Sie waren im Grunde „die anderen“. Jene, die nicht so ganz in die Gesellschaften passten, deren Weg abseits dessen lag, was „Norm“ war. Dass eigentlich jeder Weg abseits dessen liegt und wir alle unsere Kurven haben, verstand man erst später. Individualität ist eine sehr moderne Auffassung. Noch im dritten Reich wurde sie als gefährlich und falsch aufgezeigt. Die literarischen Außenseiter der Zeit sind etwa Doktor Faustus – ein Außenseiter pa excellence – und noch etwas später Grass‘ Oskar, der blechtrommelnd Naziaufmärsche durcheinanderbringt und dessen „Anderssein“ schon optisch dargestellt wird. So abgeneigt der Leser Oskar gegenüber ist, so klar muss gesagt werden: so anders ist er eben nicht!

Anders und doch gleich: Außenseiter (Foto: pixel2013 / pixabay.com)
Außenseiter, aber nicht allein

Diese Kuriosität der Einzelgänger zieht sich durch und wird in der Moderne gerne verdreht. Da kann sich Harry Potter noch so oft als „the chosen one“ hinstellen und alles alleine machen wollen, seine Freunde sagen ihm, dass er spinnt und bleiben bei ihm. Anders oder besonders zu sein ist heute kein Grund mehr, eine Figur zum Außenseiter zu machen. Im Gegenteil. Oft geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass es keine wirklichen Außenseiter gibt. Dass jeder nur die richtige Gruppe Menschen für sich finden muss, die Vielfalt zulassen, die Individualität als Chance sehen, nicht als Gefahr. Wie etwa in Lizzy Carbon und der Club der Verlierer, das dieses Jahr zurecht mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis im Bereich neue Talente ausgezeichnet wurde.
Außenseiter werden von außen gemacht. Weil die Umwelt sagt, die würden nicht dazu passen. Das ist der große Unterschied in der Literatur und dem jeweiligen historischen Kontext. Noch Oskar, der angeblich selbst entschieden hat, nicht mehr weiter zu wachsen, wird Zeit seines Lebens als „Zwerg“ betitelt. Auch Harry Potter steht seine Andersartigkeit quasi ins Gesicht geschrieben. Und es gibt Menschen, die ihn deswegen ausgrenzen, aber viele, die es nicht tun. Die Entwicklung in den Nebenrollen ist hier beachtlich. Selbst Einzelgänger sind nicht mehr wirklich allein.

In einer dystopischen Welt ist ein Außenseiter auch immer eine potentielle Gefahr (Illustration: darksouls1 / pixabay.com)
dystopische Außenseiter

Dystopien sind da oft die Ausnahme. Einfach, weil die Welt eine andere ist und die System oft viel krasser durch Ausgrenzung funktionieren, als unsere Gegenwart (Gott sei Dank). Wir kennen das bei den Klassikern wie Brave New World und Fahrenheit 451, wir kennen das aus neueren Dystopien wie Feuerzeichen. Und das Phänomen tritt auch bei Elenor Avelles Infiziert – Geheime Sehnsucht auf. Charlie ist eine Einzelgängerin. Sie schließt Zweckgemeinschaften, weil sie anderen helfen will, sich verantwortlich fühlt, noch viel mehr zeigt sich bei ihr aber ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Das nach Nähe.
Obwohl sie sich nirgends richtig heimisch fühlt, sucht Charlie immer wieder gezielt Nähe. Keine richtigen Beziehungen, davor schreckt sie vehement zurück. Diese Sehnsucht nach Gemeinschaft und die Flucht, weil es nicht die richtige ist, auch das kennen wir alle. Wir sehnen uns nach Nähe, einer Umarmung, einem Kuss, einer Verbundenheit. Das macht uns immer wieder zu Einzelgängern, weil wir nie zu 100% mit jemandem übereinstimmen. Es wäre auch erschreckend, wenn das jemals passiert. Bei Charlie spielt noch eine weiter Komponente hinzu, die allzu alltäglich ist. Die Angst vor Beziehungen, die zum Scheitern verurteilt sind. In einer Welt, in der der Tod nur einen Moment entfernt ist, ist Bindung etwas, das tödlich sein kann. Die Flucht vor Beziehungen, aus Angst vor dem Schmerz, wenn irgendetwas sie zerreißt. Selbst wenn wir noch nie geflüchtet sind, kennen wir diese Angst, die Panik dahinter.
Damit hat Elenor Avelle in eine Dystopie und eine Welt, in der Ausgrenzung eigentlich über einfache Zuschreibungen funktioniert, eine tiefe psychologische Komponente in ihre Hauptfigur gewoben, die sie als Einzelgängerin definiert. Ein wunderschönes Beispiel für die Vielfalt der Figur und dass auch in Dystopien nicht alles im Schema Schwarz-Weiß funktioniert.

Gewinnspiel
Infiziert: Geheime Sehnsucht (Die verfallene Welt) von [Avelle, Elenor]
Macht mit und gewinnt mit etwas Glück Infiziert – Geheime Sehnsucht von Elenor Avelle
Wir verlosen 1 signiertes Print von Infiziert – Geheime Sehnsucht. Dafür müsst ihr in jeden Tour-Beitrag klicken und das rot markierte Lösungswort herausschreiben. Den fertigen Lösungssatz schickt ihr dann bitte bis zum 22.10.201 an schreibtrieb-buchblog[@]gmx.de.

Teilnahmebedingungen:
Gewinnspielteilnahme ab 18 oder mit Erlaubnis eines Erziehungsberechtigten.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, für Versand wird keine Haftung übernommen, eine Barauszahlung ist nicht möglich.
Als Teilnehmer erklärst du dich bereit, dass deine Adresse an die Autorin übersendet werden darf und im Gewinnfall dein Name öffentlich genannt wird.
Pro Person ist eine Teilnahmemöglichkeit gegeben.
Das Gewinnspiel steht in keinem Zusammenhang mit Facebook.
Das Gewinnspiel endet am 22.10.2017, 23:59.

Kommentare

  1. karin

    Hallo und guten Tag,

    interessanterweise machen solche Ausnahmesituationen Menschen viel schneller zu Außenseiter als man gemeinhin annimmt oder?

    Plötzlich denkt jeder nur an sein, eigens Leben und Wohl und schnell zeigt man mit dem Finger auf Familienmitglieder/Freunde oder Nachbar…..denn die Staatsmacht zeigt jedem schnell seine persönlichen Grenzen…..

    LG..Karin…

  2. „Oft geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass es keine wirklichen Außenseiter gibt. Dass jeder nur die richtige Gruppe Menschen für sich finden muss, die Vielfalt zulassen, die Individualität als Chance sehen, nicht als Gefahr.“

    So ist es doch und war es wohl schon immer, oder?
    Jeder Außenseiter muss nur seinen eigenen Weg finden, ihm muss klar werden, dass anders sein nichts schlimmes ist, sondern eine Stärke. Und ab dem Moment, wo ein vermeintlicher Außenseiter nicht mehr versucht eine Rolle zu spielen, die ihm nicht liegt, bloß um kein Außenseiter zu sein, entsteht plötzlich Großes. Denn das ewig verborgene Potential kommt plötzlich zum Tragen. Und das führt zu einem wesentlich vollkommeneren und ausgewogenerem Leben, als jedes in dem man eine Rolle einnehmen muss, um dazuzugehören, jemals erreichen könnte.

    Und ich glaube das ist es doch, was wir an Außenseitern so mögen. Dass sie nicht mit dem Fluss schwimmen, sondern ausbrechen und ihren eigenen Weg gehen. Komme was wolle, sei’s drum, was andere davon halten mögen. Denn das traut sich nunmal nicht jeder und umso beeindruckender ist es, wenn es da Menschen gibt, die auf Konventionen und das vermeintlich Normale pfeifen und ihr Ding durch ziehen. Die mutig genug sind, nicht in der Masse unter zu gehen.

    • Das hast du sehr schön formuliert. Ja, das gehört dazu. Jeder von uns ist manchmal ein Außenseiter und viele würden diese besondere Seite an sich vielleicht mehr ausleben oder wünschen sich einfach nur mehr Akzeptanz. Wir sind alle verschieden. Und das ist auch gut so.

  3. Liebe Eva,

    ich finde die dargestellte Sicht in literarischer Hinsicht ermutigend und überaus ansprechend – allein die Einbettung des „Außenseitertums in literarische Highlights der Antike und Moderne“ ist ein Genuss 🙂

    Aber, und das möchte ich hier nicht unterschlagen, diese Sicht der Dinge (die auch in den Kommentaren zum Ausdruck kommt) ist eine SEHR priviligierte Sicht auf das Außenseitertum. Sie setzt nämlich die Freiheit sich entscheiden zu können, OB man sich anpasst und wie weit man es tut voraus und diese Freiheit haben die meisten Außenseiter nicht.
    Diese Freiheit hat man nicht einmal als privilegierte Hollywood-Schauspielerin, die es in ihrem Beruf zu etwas bringen will, und sich deshalb sexuellen Übergriffen durch einen abstoßend unmanierlichen Produzenten ausgesetzt sieht.

    Und noch viel weniger Freiheit haben die kleinen Mädchen in Afganistan, die zum Jungen ernannt, erzogen und gekleidet werden, weil ihre Eltern sich so sehr schämen keinen Sohn auf die Welt gebracht zu haben.

    Außenseiterum ist eben keine Wahlentscheidung und, auch das ist wichtig, ALLE Außenseiter, die literarischen Vorbilder ebenso wie die knüppelhart kämpfenden Alltagshelden, werden durch ihren Mut, ihre Andersartigkeit und ihr „ich mache mein eigenes Ding“ erst recht zu Außenseitern.

    und: ich freue mich immer sehr über deine anspruchsvollen Beiträge, die ja auch ein wenig was „außenseiterisches“ haben 😉

    Liebste Grüße Tiph

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