Eine Handvoll Lila – Ashley Herring Blake

Letzten Oktober stand ich bei Magellan und konnte mich kaum entscheiden. Die Bücher des Kinder- und Jugendbuchverlags sind einfach so wunderschön, dass ich sie am liebsten alle hätte. Besonders die Jugendbücher haben es mir angetan. Mit viel Tiefe und wichtigen Themen, die sonst gerne mal ausgeblendet werden, sind die Bücher nicht nur für Kinder und Jugendliche ein Lesegenuss. 2017 hatte ich mich für Ashley Herring Blakes Liebe ist wie Drachensteigen entschieden und war verzaubert worden. Also war ich sofort Feuer und Flamme, als es um das neue Buch der Autorin, Eine Handvoll Lila, ging. Übersetzt wurde das Buch von Birgit Salzmann.

 

Seit sie denken kann, lackiert Grace sich die Fingernägel Lila, ganz so wie ihre Mutter es ihr beigebracht hat. Ein sichtbares Zeichen ihrer konkurrenzlosen Verbindung, die Grace zu zerstören droht. Denn ihre Mutter hat den Tod des Mannes nie verkraftet, springt von Blüte zu Blüte und baut immer auf den Halt ihrer Tochter. Die aber hat genug eigene Probleme. Eigentlich will Grace nämlich nach ihrem Abschluss an der Musikschule studieren, Kilometer von ihrer Mutter entfernt, aber kann sie das überhaupt? Und was ist das mit Eva, dem Mädchen, das gerade erst ihre Mutter verloren hat, und das Grace einfach nicht aus dem Kopf geht.

Wie ist eigentlich Mutter?

Mutterkomplexe, genau mein Fall. Doch hier ist es die große Verantwortung des Kindes für das Wohlergehen der Mutter, das im Mittelpunkt steht. Wieviel kann eine Jugendliche tragen, ohne daran zu zerbrechen? Mit einer feinfühligen Psychologisierung geht der Roman dem Crescendo an Gefühlen, das sich in Grace zusammenbraut, auf den Grund. Zwischen Glück und Neid, Angst und Hoffnung spielt sich die ganze Bandbreite an emotionalem Gefälle ab.

Gelungen ist, dass dabei auch die Nebenfiguren einbezogen werden. Die alkoholkranke Mutter, die Grace gleichzeitig mystisch erhöht und mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit behandelt, der beste Freund, der Grace retten will, aber gleichzeitig seine eigene Geschichte aufarbeiten muss, und natürlich Eva, die verzweifelt Halt in der grotesken Einsamkeit der Mutterlosigkeit sucht. Es ist eine wunderbare Komposition, die zeigt, dass alles Hand in Hand geht und Regen nicht ohne Sonnenschein kommt.

Ein wundervoller Roman: Eine Handvoll Lila
Umfassend und schonungslos

Ohne zu verkitschen fasst der Roman die Adoleszensgeschichte von Grace. Wundervoll finde ich, dass die Beziehung zu Eva gerade genug Raum einnimmt, um als zweiter Hauptstrang zu gelten, aber nicht zu viel, um alles andere zu verdrängen und aus dem Prozess eine lasche Liebesgeschichte zu machen. Im Gegenteil, Eine Handvoll Lila führt großartig die Tatsachen, dass Liebe wichtig ist, aber eben nicht immer reicht, auf eine Ebene. Ergreifend realistisch und fesselnd zugleich.

Es ist das Auf und Ab des Lebens und des Erwachsenwerdens, der Entmystifizierung der Mutter, der ersten großen Liebe. Die Tatsache, dass Grace bisexuell ist, wird zwar als wichtig für ihre eigene Identität herausgearbeitet, aber auch hier hängt sich die Geschichte nicht auf. Die einzelnen Mosaiksteine fassen nahtlos ineinander und es wird schonungslos klar, dass weder ihre unfähige Mutter, noch die aufwühlende Eva oder die Hürden zur Musikschule Grace aufhalten, sondern im Grunde nur sie selbst. Ein Roman mit Chancen zum Lieblingsbuch.

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: