Einen Scheiß muss ich – Sean Brummel – Tommy Jaud

Bei Lovelybooks habe ich gerade an der „Lesechallenge“ zu Tommy Jauds Einen Scheiß muss ich teilgenommen, das er dem fiktiven Sean Brummel in die Schuhe schiebt. 320 Seiten hat der Peudo-Ratgeber, frisch bei S. Fischer erschienen.

Sean Brummel ist der Inbegriff des amerikanischen Stereotyps unserer Gesellschaft. Faul, biertrinkend, einfältig. Homer Simpson ohne Gelb. Als er betrunken festgenommen wird und ihm ein Officer sagt: „Einen Scheiß muss du“ wird dieser Satz sein Mantra. Kurzerhand macht er nur noch, was er will und nicht mehr, was er „muss“. Er lässt sich scheiden, kündigt, wird Bierbrauer und findet eine neue Freundin. Ist das Leben nicht schön? Und weil es für Sean so einfach war, schreibt er kurzerhand einen Ratgeber, der allen Menschen helfen soll, sich vom „Mussmonster“ zu befreien.

Ich war sehr interessiert an dem Buch. Bisher hatte ich von dem bekannten Autor noch nichts gelesen, doch die Idee des fiktiven Autors, der beigefügten ausgedachten Biografie und des darum doppeldeutigen Ratgebers faszinierte mich und ich war gespannt, wie der Humor aussehen würde und was Jaud alles verarbeitet hatte.

Nach dem Lesen weiß ich: Vor allem Stereotype, Klischees und dumme Sprüche. Sean Brummel ist ein unangenehmer Antiheld, der so voller Klischees eines „Amerikaners“ ist, dass es an etwas grenzt, was auch Rassismus heißen könnte. Er ist faul, hat keine Lust auf Arbeit, seine Ehe und irgendetwas geregeltes. Seinen Traum, Bierbrauer zu werden, ergreift er aber erst, als ihm ein Polizist sagt, er müsse einen Scheiß. Das wird sein Mantra. Wann immer jemand sagt: „Sean, du musst …“, antwortet er „Ich muss einen Scheiß“ und lässt es eben. Dass sein Bier nur ein Erfolg wird, weil seine neue Freundin wesentlich mehr Grips hat, als er, ist dabei nicht wichtig für ihn. Wichtig ist nur, dass er Erfolg hat und nichts muss.

Wirklich mies verpackt also ist die einfache Botschaft, sich vom Müssen nicht so unter Druck setzten zu lassen und eigene Wege zu gehen. Der Standard könnte man meinen bei Ratgebern. Die doppelte Autorenschaft macht es Jaud dabei möglich, diese Pseudo-Freiheit auf die Schippe zu nehmen. Von Sport wird man dick, Ordnung ist hinderlich, Veganer sind Monster und jeder Abstinente könnte auch ein Hitler sein. Stammtischkapriolen mit unterstem Argumentationsniveau, die leicht zu enttarnen sind und dennoch auf den ersten Blick gut anzusehen sind.

Das ständige „Ihr müsst nichts müssen“, das die Botschaft des imaginierten Autors Sean noch einmal ad absurdum führt nervt spätestens ab Mitte des Buches so sehr, dass das Weiterlesen mir enorm schwergefallen ist. Der ziemlich platte Humor konnte nicht greifen und auch wenn die Absicht und Idee Jauds – das unterstelle ich einfach – mit Sicherheit eine Gute war, fand ich die Umsetzung nicht nur fragwürdig, sondern schlicht schlecht.

Wer Jaud kennt und mag, seinen Humor nachvollziehen kann und sich gerne einfach mal in eine Welt der Klischees abgleiten lässt – wer so dumpf und oberflächlich unterhalten sein kann, ohne dabei Hirnzellen zu verlieren – den will ich nicht abhalten. Empfehlen aber kann ich das Buch auf keinen Fall und von diesem Leseerlebnis muss ich mich dringend erholen.

Kommentare

  1. Huhu, ich bin gerade über deinen Blog gestolpert und nachdem „Einen Scheiß muss ich“ letztens bei mir einziehen durfte, musste ich sofort deine Rezension dazu lesen.
    Bisher hab ich nur „Vollidiot“ von Tommy Jaud gelesen, aber ich meine mich zu erinnern, dass es mir ganz gut gefallen hat, deshalb hoffe ich, dass auch sein neustes Werk mich begeistern kann. Du hast mir jetzt auf jeden Fall Lust auf das Buch gemacht.

    Alles Liebe, Nelly

Ich freu mich über eure Meinungen