Die Buchmesse: von Vielfalt und Reaktion

Die Buchmesse. Unendliche Vielfalt. Bunte Titelbilder, tausende Namen, Menschen, davon viele. Sie war großartig diese Messe in Frankfurt 2017 – und schrecklich. Das erste Mal war ich auch als Autorin dort (dazu mehr auf der Autorenseite). Aber eben auch als Bloggerin. Ich hatte tolle Interviews, habe eine Wunschliste, die den Planeten umwickeln kann und konnte meine Bloggerfreunde in den Arm nehmen. Das war großartig! Es war bewegend und am liebsten wäre ich einfach bei ihnen geblieben. Aber die Messe war eben nicht nur großartig.

Nicht dabei und doch verstört

Ich gebe zu, dass ich nicht viel im Vorfeld mitbekommen habe. Andere waren weit besser informiert, weil ich naiv, wie ich bin, dachte „Bücher verbinden, die haben eh keine Chance“. Ich wusste, dass auch wieder rechte Verlage anwesend sein würden. Nicht zum ersten Mal – und ich fürchte auch nicht zum letzten. Dann hörte ich, dass direkt gegenüber die Amadeo-Antonio-Stiftung, die Initiativen für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur fördert, Posten bezogen hätten. Protest durch Anwesenheit. Durch Plakate und Goodies wie Lesezeichen und Sticker. Dass die Vielfalt nicht kuscht, nur weil jemand einen Stand aufbaut. Ich war ehrlich froh, dass es glimpflich ausging. Und dann änderte es sich. Ich war nicht in Halle 4, als die Situation eskalierte. Ich kann dazu nichts sagen. Aber die Nachrichten zu lesen, die Tweets der Leute dir dort waren, die echte Angst hatten, das Unverständnis auf mancher Seite – es erschüttert mich.

Für mich sind Bücher der Inbegriff von Vielfalt. Sie ermöglichen tausende Welten zu betreten, in Millionen von Figuren zu schlüpfen, sie geben Außenseitern eine Stimme, die jeder hört und zeigen dadurch, dass es im Grunde keine Außenseiter gibt. Bücher erschaffen Universen von Vielfalt. Darum verstehe ich nicht, dass die Messe Verlage zulässt, die genau dagegen sind. Oder anders: Ich verstehe nicht, dass Büchermenschen das zulassen. Die Messe hat im Grunde, was sie wollte. Die Nazis haben im Grunde, was sie wollten. Aufmerksamkeit. Angst. Menschen, die nicht mehr auf die Messe wollen. Und die, die einfach wegschauen.

Reaktion(en)?

In so Momenten erinnere ich mich an Schlingensief. An die Aktion, in der Asylbewerber im Stile eines Big Brother Containers lebten und rausgewählt werden konnten. Raus aus Österreich. Eine groteske und furchtbare Sache, die wehtat, weil sie wehtun musste. Weil sie demonstrierte, dass wegschauen genauso falsch wie aufschreien ist. Dass es keinen richtigen Umgang gibt. Wer wegschaut macht mit, wer aufschreit schafft „denen“ noch mehr Aufmerksamkeit. Wenn wir nicht mehr zur Messe gehen, schaffen wir nur Raum für mehr Nazis, weniger Vielfalt und weniger Schutz für alle, die echte Angst hatten. Wer hingeht trägt unweigerlich mit, dass wieder rechte Verlage dort sein werden.

Es gibt keinen richtigen Umgang und den kann es nicht geben, weil die Prämisse dahinter schon so verdreht ist. Weil jeder Schritt ein falscher scheint. Und darum ist es kurioser Weise wichtig, beides zu tun. Wir dürfen nie vergessen, wer da noch war, was da noch passiert ist, während wir Bloggertreffen und Interviews hatten oder einfach nur gestöbert haben. Der bittere Beigeschmack muss uns bewusst sein, wenn wir davon schwärmen, wie toll es auf der Messe war. Wir waren dort. Wir haben Vielfalt verbreitet und schreiben darüber, wir haben #verlagegegenrechts Lesezeichen mitgenommen, uns gegenseitig gestützt. Wenn wir von #wirschreibenDemokratie reden oder anderen Aktionen, um gegen Rechte Äußerungen, Gewalt und Diskriminierungen die Stimme zu erheben, macht das an den Toren zur Messe nicht Halt. So lange wir laut werden, wenn es sein muss, und trotzdem die großartigen Momente der Messe genießen können, gewinnen wir. Weil wir uns nicht einschüchtern lassen und dennoch weitermachen.

Ja, das ist leicht gesagt, von der sicheren Warte aus. Und ich hoffe, dass ich im richtigen Moment mutig genug bin, den Mund aufzumachen und klug genug, ihn zuzulassen, wenn es sein muss. Denn hier ist etwas vor uns, das uns alle angeht. Unsere bunte Gemeinschaft an Leser*innen und Blogger*innen. Unsere Leidenschaft. Ein Grund mehr, nicht aufzugeben.

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Mareike

Denise

Cindy

Sven Hensel

Kommentare

  1. Hey!
    Ich konnte dieses Jahr nicht anwesend sein und hab davon erst im Nachhinein gelesen. Danke, dass du den Beitrag geschrieben hast, ich könnte vieles einfach 1:1 so übernehmen.

    Es hat mich schockiert auf Twitter lesen zu müssen, dass verschiedene Menschen auf der Messe wirklich Angst hatten und sich angegriffen gefühlt haben. Sowas nennt sich 2017…

    Liebste Grüße,
    Celine

  2. Hallo Eva,
    ich hatte durch diverse Kommentare und Zeitungsberichte mitbekommen, dass die Messeleitung wohl unverzeihlich blöde Fehler begangen hat. Klar, man kann gegen verbohrte Engstirnigkeit *letztlich* genauso wenig tun, wie gegen unbedingte Gewaltbereitschaft – aber ein bisschen mehr Isolation für die Einen und ein bisschen mehr Schutz durch aktive Aufmerksamkeit und Präsenz für die Anderen hätte den Verantworlichen wahrhaftig nur zur Ehre gereichen können und es möglicherweise bei „verbalen“ Prügeln belassen.

    Mir zeigt das eben auch wieder: der Buchmarkt ist ein knallhartes Geschäft und die FBM eben *vor allem* ein Tummelplatz für Geschäftemacher. Und da die Messeleitung genau das macht (*Geschäfte!*), hat sie sich wohl vorbildlich verhalten …

    Aha! Kein Wunder, dass man/frau als DemokratIn, IdealistIn und BuchliebhaberIn manchmal einen echt schweren Stand hat …

    Toller Arktikel Eva – führt über die eigene, menschliche Ratlosigkeit zum Gefühl der Beklommenheit, endet hoffnungsvoll und zeigt so eine Perspektive: Hoffnung geht immer!!!

    Liebe Grüße, Tiph

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  4. kleinewelle

    Hallo,
    du drückst das auch, was ich leider nicht so gut schreiben konnte. Ich habe auch nach Worten gerungen zu dieser Situation und mir gefällt dein Beitrag dazu wirklich.
    Danke dafür, dass du das sagst, was mir und bestimmt auch anderen durch den Kopf geht und ich aber nicht in Worte fassen konnte.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

  5. mllefacette

    Ich habe bei meinem Besuch der Messe auch nichts mitbekommen. Du hast die Problematik aber sehr gut zusammen gefasst und aufgezeigt, wie jeder für sich mit dem Problem umgehen kann. Dass es nichts bringt das Thema zu ignorieren oder zu behaupten, dass es einen nicht betreffen oder beeinflussen würde, weggucken gilt nicht. Genauso, wie man zwar seine Meinung zu dem Thema offen vertreten sollte, aber dabei aufpassen sollte, dass man dabei dem rechten Pöbel nicht zu viel Bühne und Aufmerksamkeit gibt.

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