Die Flucht – Francesca Sanna

Im September landete ein ganz besonders Buch aus dem Nord Süd Verlag auf der Liste der Besten 7, der monatlichen Deutschlandfunk-Sendung, bei der 29 Juroren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sieben Bücher für junge Leser auswählen. Die Flucht von Francesca Sanna ist aber nicht nur deswegen einen Blick wert. Das Kinderbuch hat außerdem bereits die Goldmedaille der Society of Illustrators in New York gewonnen. 48 Seiten ist die Geschichte lang – und dahinter liegt eine zeitlose wie aktuelle Geschichte.


fluchtAus der Sicht eines Kindes erzählt Die Flucht die Geschichte des Flüchtens vor dem Krieg. Angefangen bei den geruhsamen Tagen in der Heimat über den Ausbruch des Krieges, den Verlust von Familienangehörigen zu Angst, Hoffnung, Suche und Sehnsucht. Namenlos bleibt dabei sowohl das Heimatland, als auch das ominöse Land mit den Bergen, in das die Familie fliehen will. Verschieden Wege müssen dabei passiert werden, der Besitz schrumpft, die Angst steigt.

Doch die Flucht ist weder ein hoffnungsloses noch ein utopisches. Wächter stellen sich der Familie in den Weg, dunkle Hände „helfen“. Das Meer wird zur Ort der Monster, das ersehnte Ziel zum Sinnbild des Friedens, magisch verklärt. Ohne, dass es je erreicht würde. Es ist der Weg, um den es hier geht. Die Strapazen und Geschichten des Fliehens, der Glaube der Kinder an die Eltern und Sorge der Eltern, die für ihre Kinder stark sind. Dieser Punkt hat meine Kleine sehr bewegt, die Mutter, die lacht, solange die Kinder wach sind, um ihnen die Angst zu nehmen, während sie selbst voller Sorgen ist.

Francesca Sanna hat ihrem Buch viele Freiheiten gelassen. Auch wenn die Zeichnungen deutlich ein südliches Land als Ausgangspunkt haben – durch eine Frau mit Kopftuch mag auch ein muslimisches angedeutet werden – und das ominöse Land des Friedens mit Bergen und Tieren sehr an Europa erinnert, fehlt die Benennung. Genauso gut lässt sich die Geschichte damit auf andere Fluchtgeschichten übertragen. Die Botschaft des gefährlichen und weiten Weges, die Strapazen und Entbehrungen sind klar. Und durch die Wächter wird auch deutlich, dass die Geflüchteten keinesfalls überall mit offenen Armen empfangen werden.

Interessant finde ich dabei, dass die Familie die unterschiedlichsten Verkehrsmittel benutzt. Sie läuft zu Fuß, fährt mit dem eigenen Auto, versteckt sich auf Ladeflächen, radelt, nimmt das Boot und den Zug. Auch der Zeit wird ein wichtiger Bereich zugestanden. Die Reise ist lang – räumlich wie zeitlich. Um sehr schwierige Themen macht das Buch aber einen Bogen. Um Auffanglager und tödliche Unfälle während der Flucht beispielsweise. Teilweise erscheint die Reise wie ein großes Abenteuer. Dafür ist zum einen der kindliche Blick verantwortlich zu machen, der sich Wege sucht, das Erlebte ertragbar zu machen.

Andererseits aber ist Flucht und Exil ein Trauma – das zeigt sich hier weniger. Vieles ist sehr beschönigt dargestellt. Beispielsweise verstehen alle Leute auf dem Boot die Geschichten, die erzählt werden. Sprachschwierigkeiten oder Konflikte gibt es da nicht. Auch die Thematik des Hungers oder des Wartens taucht nicht auf. Die Familie schläft teilweise unter freiem Himmel, flüchtet in der Nacht, verliert ihr Hab und Gut – aber solche deutlichen wie verständlichen Punkte wie fehlendes Essen werden nicht aufgegriffen.

Die Bilder sind dabei wirklich gut gemacht. Helle Farben dominieren am Anfang und symbolisieren auch die Hoffnung. Der Krieg dagegen ist schlicht schwarz, genauso wie alle, die davon profitieren, wie der Mann, der der Familie über die Grenze hilft. Die Gefahr ist – einfach zu verstehen – rot, wie die Wächter, aber auch die Wohnung während des Krieges. Die Flucht selbst wird erst mit dunkleren Farben dargestellt – es wird und ist Nacht. Das Meer stellt ein erstes Ziel dar, zeigt aber auch Tiefe und dunkle Gefahren. Heller und damit auch hoffnungsvoller wird es am Ende wieder. Die Familie ist da noch nicht am Ziel, aber sie sind noch zusammen und geben nicht auf.

Die Flucht ist auf jeden Fall ein aktuelles Buch, ein wichtiges Buch, um auch jüngeren Kindern zu erklären, was Flucht ist und in welcher Situation Geflüchtete nach Europa kommen. Die Reise steht dabei im Mittelpunkt, weniger der Krieg oder das Ankommen. Ein guter Punkt, denn gerne stellen auch wir großen uns diese Reise als einfaches von A nach B vor. Außerdem aber ist die Flucht ein Buch zum gemeinsam Lesen und darüber reden. Unsere Kleine wollte das Buch mehrmals lesen, über die Bilder reden und einige Punkte klären – wie den, dass die Mutter weint, wenn die Kinder schlafen. Die Verknüpfung zu unserer aktuellen Situation ist bei ihr (3 Jahre) noch weniger da, auch hier ist es Aufgabe der Eltern zu klären. Der große Bruder aber, der schon mehr versteht und auch ein Kind aus Syrien in der Klasse sitzen hat, fand das Buch und die Geschichte der Flucht sehr interessant.

Vielleicht liegt gerade hier die Stärke des Kinderbuches. Dass sein Inhalt und seine Geschichte eben nicht nur für kleine Kinder ist, sondern für alle, um Flucht und Exil besser verstehen zu können.

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