Zweiter Dezember – Der kleine Teufel, der Weihnachten gerettet hat

Das Teufelchen war zufrieden mit sich. Es hockte sich voller Vorfreude auf einen Stein und sah zu, wie das Paar immer näher kam. An jeder Tür hielten die zwei inne, klopften, warteten, sprachen, bettelten, ließen den Kopf hängen. Das Teufelchen konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Sein Auftrag war erledigt.
Da sah es auf einmal das Engelchen durch die Nacht flattern. Aufgeregt sah sich die kleine Gestalt nach rechts und links um, starrte in die Dunkelheit, bis auch seine Augen auf die zwei Gestalten trafen, die sich an den Herbergstüren entlang ihren Weg durch die Straße bahnten. Das Teufelchen duckte sich schnell hinter den Stein, auf dem es eben noch gesessen hatte. Es wusste, es sollte jetzt gehen, bloß kein Risiko. Aber selbst Teufel sind manchmal vom Anblick eines kleinen Engels gefangen.
Das Engelchen war spät, zu spät. Es sah Maria und Josef die Straße entlang kommen, wie sie an jeder Türe abgewiesen wurden. Leise hörte es das aufgeregte dritte Herz pochen, das Herz des ungeborenen Kindes. Doch ohne Herberge, wo sollte es da auf die Welt kommen? Wie sollte es auch nur die Nacht überleben, die ungewöhnlich kalt war, wolkenlos zwar, aber unerbittlich. Verzweifelt ließ sich der kleine Engel auf einem Ast nieder, vergrub seinen Kopf in seinen Händen und fing an zu weinen. Es hatte versagt. Alle Hoffnung war auf ihm gelastet und es hatte falsch gemacht, was nur falsch zu machen war. Verspätet, ausgerechnet, wegen einer Kleinigkeit. Und für immer musste es nun mit der Gewissheit leben, diese Nacht auf dem Gewissen zu haben.
Ein leises Hüsteln ließ es herumfahren. Etwa zwei Meter von ihm entfernt tauchten die roten Hörner eines kleinen Teufelchens hinter einem Stein hervor.
„Warum weinst du“, fragte das Teufelchen, das solche Gefühle nicht kannte, höchsten die Angst vor dem Fürsten selbst, der tiefe Stolz, wenn es einen Auftrag erfüllt hatte, aber nichts dazwischen.
Das Engelchen war zu verwirrt, um davon zu fliegen. Da tauchte mitten in der Nacht ein kleiner Teufel auf und fragte, was mit ihm los sei. Er griff nicht an, er rief keine Verstärkung, er sah es nur mit großen, fragenden Augen an.
„Ich habe versagt“, schluchzte der kleine Engel. Sein himmlisches Leben war ohnehin verwirkt. Wie sollte es nur erklären, gerade diesen Auftrag vermasselt zu haben.
„Das Kind des Herren wird keinen Platz haben, es wird auf der Straße geboren werden und in seiner Menschlichkeit kaum die Nacht überstehen.“
Das Teufelchen nickte. Immerhin hatte es dafür sorgen sollen. Und das hatte es doch getan. Warum regte sich in ihm jetzt dieses Gefühl, dabei etwas Wesentliches falsch gemacht zu haben.
„Na, sieh mal“, sagte es nachdenklich. „Es wird jedenfalls in keiner Herberge auf die Welt kommen. Aber was ist schon dabei?“ Es zuckte mit den Schultern und die Augen des Engels weiteten sich.
„Das warst du“, flüsterte es entsetzt, seine Flügelchen flatterten aufgeregt und es schwebte wenige Millimeter über dem Ast. Das Teufelchen zuckte wieder mit der Schulter, war sich aber nicht mehr sicher, alles richtig ausgeführt zu haben. Ein Gedanke hatte in ihm zu keimen begonnen, doch noch schaffte es sein Mund, ihn geheim zu halten.
„Das Kind könnte sterben“, flüsterte der Engel und wieder bildeten sich schwere Tränen in seinen großen Augen. Der Teufel schluckte und drehte sich weg. „Das kann es immer“, flüsterte er.
„Aber, aber, es ist, es ist, es sollte doch …“, der Engel brach ab. Natürlich war kein Teufel daran interessiert, Gottes Sohn wohlbehalten auf die Welt zu bringen.
Maria und Josef waren nun nur noch wenige Häuser entfernt. Der Engel spürte, dass das Kind nicht mehr lange würde warten können. Ihm musste etwas einfallen. Doch wenn das Teufelchen ohnehin allen Menschen eingetrichtert hatte, die beiden abzuweisen, waren alle seine Versuche von vorne herein zum Scheitern verurteilt.
„Was mach ich denn jetzt“, fragte es sich laut.
„Umdisponieren“, antwortete das Teufelchen ungerührt.
„Was“, das Engelchen fuhr wieder herum, sah den roten Gesellen nachdenklich an. Konnte ein Teufel ihm wirklich helfen?
Das Teufelchen biss sich auf die Lippen und starrte zu Boden. Es hatte eigentlich schon zu viel gesagt, aber sein Mund bewegte sich weiter, als würde der Himmlische selbst die Lippen aufbrechen.
„Was macht es schon, wenn das Kind nicht in einer Herberge geboren wird, wie tausend andere Kinder auch. Es ist immerhin auch nicht wie andere Kinder. Nein, es muss von ganz unten kommen, es muss schon als Säugling zu den Ärmsten gehören, damit sie ihm glauben, damit sie ihm vertrauen und ihm folgen.“
Das Engelchen riss die Augen auf. Es hatte immer gedacht, wenn Gott seinen Sohn auf die Erde schicken würde, wäre es ein Prinz, einer, der zum Helden geboren ist.
Als hätte es seine Gedanken gehört, schüttelte das Teufelchen den Kopf.
„Keiner, der schon alles hat, kann ein Held sein. Ein Held hat nichts und will nichts für sich selbst, doch er gibt jederzeit sein Leben für andere.“
Für einen Moment starrten Engelchen und Teufelchen sich an.
„Vielleicht wäre es besser für das Kind, heute zu sterben, statt später zu leiden“, flüsterte das Teufelchen und überlegte, ob es das als Ausrede benutzen könnte, wenn es vor den Fürsten treten musste.
Unschlüssig blieb das Engelchen in der Luft hängen. Es gab nur noch eine Herberge vor Maria und Josef, sie waren schon ganz nahe. Es hörte das Klopfen an der Tür, die schweren Schritte des Wirtes, der seinen dicken Kopf heraus streckte und brummig fragte: „Wer klopfet an?“.
Das Teufelchen nickte ihm unmerklich zu, jetzt oder nie. Es riss sich los, breitete seine Flügel aus und schwebte im nächsten Moment um den dicken Wirt herum. Eine unmögliche Idee, den Alten zu überreden, die beiden in die Herberge zu lassen. Der Teufel hatte ihn ja schon beeinflusst. Aber manchmal muss man eben umdisponieren. Schnell hatte das Engelchen in den Gedanken des Wirtes einen Stall gefunden, den er an Hirten verpachtete hatte, die aber noch auf der Weide waren. Es war ja nur für eine Nacht. Im Handumdrehen hatte das Engelchen den Wirt überzeugt und er bot dem Paar an, dort zu übernachten. Und welche andere Möglichkeit hatten sie schon.
Vor der Herberge gesellte sich das Engelchen wieder zum Teufelchen. Sie sprachen kein Wort, doch beide wussten sie, dass sie auf etwas warteten. Ein Zeichen, einen Ruf, irgendetwas. Immerhin hatten sie beide nun ihren Auftrag erfüllt und doch nicht erfüllt. Die Nacht wurde dunkler und die Kälte legte sich zwischen die Häuser. Das Engelchen und das Teufelchen merkten davon nichts. Sie rückten nicht zusammen und waren doch auf seltsame Weise miteinander verbunden.
Plötzlich erleuchtete ein Stern die Nacht, so hell, dass es selbst den beiden Gestalten in die Augen stach. Sie fühlte es, tief in ihrem Herzen. Das Kind war geboren. Etwas Großes hatte begonnen.
„Weißt du“, überlegte das Engelchen laut. „Wer weiß, ob alles Gut ist, was jetzt kommt. Es wird immer Menschen geben, die anders denken, die den Menschen neben sich nicht verstehen und es auch nicht wollen. Es wird immer dich und mich geben. Nur wer gut und wer böse ist, das wird nie ganz klar sein.“
Das Teufelchen lächelte.
„Nein, wahrscheinlich nicht.“
Sie nickten sich zu und während das Engelchen sich aufmachte, um einen Blick auf Gottes Sohn zu werfen, suchte sich das Teufelchen einen gemütlichen Weg zurück in die Hölle. Es lächelte und fühlte sich dabei ungewohnt gut, so als hätte es an diesem Tag wirklich etwas Großes getan.

Paul

©Eva-Maria Obermann

Zu gewinnen gibt es für euch heute ein Lesezeichen und „Wer ist eigentlich Paul“ von Anette Göttlicher. Einfach diesen Beitrag kommentieren zwischen 00:01 und 23:59 am 02.12.2014 und ihr seid im Lostopf.

Viel Glück und bis morgen!

Kommentare

  1. Jana

    Halli hallo,

    ich kenne die Autorin Anette Göttlicher noch nicht, würde aber sehr gerne mal etwas von ihr lesen. Gerade zur Winterzeit mutiere ich zum „Lesemonster“

    Danke und Lg Jana

    postcrossings at yahoo.de

Ich freu mich über eure Meinungen