Zum Greifen nahe (am 22.12.)

Weihnachten ist zum Greifen nahe. Der Baum steht bereits im Ständer, verbreitet einen umwerfenden Geruch nach Nadelgehölz. Das Gebäck ist beinahe leer gegessen, für die letzten zwei Tage wird es noch reichen. Die Geschenke sind bereits wohl verpackt und warten darauf, ihren Platz unter dem Baum einzunehmen, der noch geschmückt werden muss.

Da kommt Leben in die Bude.

„Schatz, ich fang dann mal an aufzuräumen“, und planlos verschwindet er im Arbeitszimmer, während sie im Wohnzimmer anfängt. Immerhin wird an Heilig Abend keiner der Gäste ins Arbeitszimmer gehen, oder? Also kramt er in Unterlagen, während sie die Bastelreste beseitigt. Sie sammeln Unmengen an Altpapier und Wertstoff, genug für je zwei Säcke, und sind noch lange nicht fertig. Sie ordnet die Couchkissen und er holt den Staubsauger, fängt von hinten her an, zu saugen. Gerade hat sie den Couchtisch aufgeräumt, als der Staubsauger wieder streikt. Und das zwei Tage vor dem Fest der Liebe.

„Scheiß Teil“, schimpft er und tritt halbherzig dagegen, immerhin soll er ja nicht ganz kaputt gehen. Sie wirft einen prüfenden Blick auf die Uhr. „Ich muss die Kinder abholen und dann gehen wir einkaufen.“ Oder doch lieber morgen? Die leichte Unordnung der Wohnung hat sich zu einem unüberwindbaren Chaos gewandelt. Zwischen Papierfetzen und Staubflusen liegt die alte Tischdecke und Geschenkpapier. Das Telefon klingelt, als der Staubsauger ein letztes Mal stöhnend auftönt.

„Wie? Ja. Aha. Ja, gut“, sagt sie in den Hörer und der Mann nimmt den Besen zur Hand, um hinter dem staubspuckendem Staubsauger her zu kommen.

„Meine Mutter kommt schon morgen“, ruft sie ihm zu, als sie die Wohnung verlässt und Richtung Kindergarten läuft.

Der Baum schaut sich alles aus seiner Ecke des Zimmers an, lässt die Zweige ein bisschen mehr sinken und denkt sich seinen Teil. Weihnachten ist zum Greifen nahe und jetzt kommt die Panik.

©Eva-Maria Obermann

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