Wer kann für böse Träume – Das wilde Dutzend

Auf face2face habe ich letzte Woche erst über Blogg dein Buch geschrieben, schon kann ich euch meine zweite Rezension präsentieren. An das Buch Wer kann für böse Träume bin ich auf Blogg dein Buch gestoßen und war begeistert. Wahrscheinlich hätte ich es mir gekauft, wäre ich nicht ausgewählt worden, eine Rezension zu schreiben. Ich liebe Märchen. Vielleicht erinnert ihr euch an das Märchen-Verwirrbuch, bei dessen Rezension ich auch schon darauf hingewiesen habe, dass ich an einem Gedichtzyklus zum Thema Märchen arbeite. Der Zyklus ist seitdem ganz schon angewachsen, fertig fühlt er sich aber noch nicht an. Umso schöner, dass ich Wer kann für böse Träume lesen durfte, dessen Untertitel The secret Grimm Files zwar für eine Adaption der grimmschen Märchen schrecklich englisch ist, dafür aber klar macht, dass es um Märchen geht. Märchen auf die andere Art.

Pünktlich zum 200ten Jahrestag des Erscheinens der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm kommt dieses Buch als Anthologie. 15 Autoren und 15 Illustratoren erzählen 15 grimmsche Märchen mit ihren ganz eigenen Eindrücken und neuen Möglichkeiten. Die Vielfalt an Stilen und Denkweisen, die jede Anthologie bietet finde ich gerade für Märchen ausgezeichnet, denn Märchen sind Regionsabhängig, Erzählerabhängig, Situationsabhängig und damit ist keines, wie das andere. Schön finde ich auch, dass zwischen den 15 Märchenadaptionen die „Secret Grimm Files“ auftauchen. Nummeriert wir geheime Spionageakten, voller anonymer Briefe, Fragmente und Andeutungen, wodurch die neuen Sichtweisen auf die Märchen Raum gewinnen, aber auch mit Lexikonartikel, die dem interessierten Leser zusätzliche Informationen bieten.

Das wilde Dutzend, wie sich der Verlag nennt, hat damit ein richtiges Märchenbuch für die erwachsenen Freunde der grimmschen Märchen geschaffen, den für Kinder sind die meisten Adaptionen dann doch nichts mehr. Ganz im Sinne, wie die originalen grimmschen Märchen, wenn auch nicht ganz so extrem, geht es um Gewalt, Sex, beides zusammen und allerlei anderer menschlicher und übermenschlicher Erscheinungen. Manches ist gefühlt lebensnah, wie bei Wenn niemand es wüsste von Michale Weins, einer Rumpelstilzchen-Version, in der das höchste Gut nicht etwa Gold, sondern ein Erbe für den König ist. Da aber die hoheitlichen Samen nicht zum Zeugen taugen, bringt der Müller seinen Knecht ins Spiel, um das Leben seiner Tochter zu retten. Nur ist die Ähnlichkeit mit dem Knecht am Ende so deutlich, dass der König schließlich mit der Axt vor dem Kuckuckskind steht. Auch das tragische Ende von Rapunzel und ihren unehelichen Kindern, die vom Vater verlassen in der Wüste aufwachsen, hat wenig Magisches an sich. Thomas von Steinaecker zeigt in Bericht, gefunden in einem Kästchen, das sich im Bauch eines Bären befand ein mögliches Ende für die Verlassenen auf. Darin zeichnet er eine Mutter, die, um ihre Kinder zu ernähren sich bei vorbeireitenden Karawanen prostituiert, einen Bruder, der seine Schwester schwängert und einen Sohn, der den abwesenden Vater verherrlicht und sich auf die Suche und damit wahrscheinlich in den sicheren Tod begibt.

Doch auch das Märchenhaft-Mysteriöse kommt nicht zu kurz. Bei Sigrid Behrens Aus den Aufzeichnungen der Henrike Voss ist es die Geliebte, die den schönen Jüngling in den Brunnen verbannt und ihn zum Froschkönig macht, aus Angst ihn zu verlieren. Als die Königstochter ihn rettet, stürzt sie beide in der Kutsche in den Tod. Und Die Rache der Fliegen von Veronika Peters zeigt das Ende des tapferen Schneiderleins, herbeigeführt durch einen alten Zauber.

Am Schönsten sind die Geschichten, die irgendwo zwischen Realität und Märchen angesiedelt sind. Rabea Edels Unter dem Wasser liegt der Himmel der Stadt zum Beispiel, bei dem eine Marie gleichzeitig Gold- und Pech-Marie ist, zwiegespalten und geheimnisvoll, der man allerlei nachsagt, ohne dass alles aufgeklärt werden würde. Und Christiane Neudecker war mit ihrer Geschichte Wer kann für böse Träume nicht umsonst Titelgebend für das ganze Buch. Wie aus den drei goldenen Haaren des Teufels drei goldene Nadeln bei der Hexenverfolgung und –ermordung eines Kindes werden, in dessen Geist durch die Qualen Wahrheit und Fiktion sich zu vermischen beginnen und die Frage offenbleibt, wer der Teufel in diesem grausamen System wirklich ist.

Besonders schön fand ich auch die Adaptionen zu Schneewittchen, bei der die böse Königin endlich einmal die Gute sein darf und zu Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern einer Orgie wegen in den Wald gebracht werden. In Noëmi Aubépines Am Wege die Königstochter ihre wahre Liebe in ihrer Zofe finde ich eine tolle Idee, denn wer war der Prinzessin schon näher, als ihre Dienerin?

Wer kann für böse Träume bietet einen neuen Blick auf altbekannte Märchen. Wer gerne neue Wege geht und offen für neue Sichtweisen ist, wird seine Freude daran haben. Märchenfreunde sollten sich dieses Buch auf jeden Fall zulegen, denn das „Und wenn sie nicht gestorben sind“ zeichnet zwar ein gutes Ende, ist aber auf die Dauer ermüdend. Und auch wenn wir uns alle ein gutes Ende wünschen, wissen wir, dass „gut“ Ansichtssache ist.

Die Mischung aus Stilen in den Erzählungen und auch in den Zeichnungen betont den Charakter der einzelnen Märchen. Jedes ist für sich zu betrachten, darum kann auch jedes für sich gelesen werden. Ideal also wieder für Bahnfahrer oder Leser, die nur wenig Zeit haben. Durch die Fülle von Interpretationen und den Eigenheiten der Autoren kommt dabei Abwechslung und immer wieder neue Spannung auf.

Mit den aufwendigen schwarz-weiß-rot Zeichnungen kommt Wer kann für böse Träume wie ein richtiges Märchenbuch daher und bietet für Romantiker, wie Krimifreunde einen bunten Inhalt. Jüngere Kinder sollten sich aber doch lieber davon fernhalten. Vergewaltigungen, Mord, Tote, das alles gehört in die Geschichten, besonders in der Tradition der grimmschen Märchen.

Gut finde ich auch, dass zuletzt die einzelnen Autoren und Illustratoren vorgestellt werden. Für alle, die eine Lieblingsgeschichte finden die Möglichkeit, mehr über den Schreiber dahinter zu erfahren.

Eine Kaufempfehlung gibt es für Wer kann für böse Träume allemal. Trotz der unterschiedlichen Stile ist das Buch leicht und schnell zu lesen. Immer wieder neue Spannungsbögen fesseln, neue Erkenntnisse bereichern und die eingeschobenen „Secret Grimm Files“ sind gerade für wirkliche Märchen-Verrückte ideal.

Kommentare

  1. Larissa

    Das Buch hätte ich auch gerne rezensiert. Eine tolle Rezension von dir! Hast du Interesse an einem kleinen Autoreninterview (Drei Fragen, drei Antworten)? Würde mich sehr freuen. Bei Interesse kannst du dich gerne bei mir melden. Herzliche Grüße, Larissa

Ich freu mich über eure Meinungen