Wer hat Dornröschen wachgeküßt von Iring Fetscher

Wer hat Dornröschen wachgeküßt ist mir geradezu in die Hände gefallen. Da ich momentan fleißig an einem Gedichtzyklus zu Märchen arbeite, und das nicht immer märchenhaft wird, wollte ich mal schauen, was dazu überhaupt für Literatur gibt. Massig, natürlich, aber Wer hat Dornröschen wachgeküßt, das im  Untertitel auch noch Das Märchen-Verwirrbuch heißt, traf genau, was ich suchte und stützte mich in dem, was ich sagen will.

Iring Fetscher, der Autor, wird so manchem kein Unbekannter sein. Er war unter anderem in Tübingen Professor für Politikwissenschaften, hat als Gastdozent auch in Havard und Cambridge gelehrt. Ein Mann, der viel rumgekommen ist also. Und zwischen all seinen Fachbüchern über Marx, Demokratie und Politikwissenschaft leuchten für mich die Bücher auf, die weniger mit Politik, sondern mehr mit Literatur zu tun haben. Liegt wohl an der Germanistin in mir.

Das Märchenverwirrbuch finde ich genial. Und weil Märchen zeitlos sind, ist auch Iring Fetschers Buch zeitlos. Er zeigt mit viel Ironie Möglichkeiten auf, wie Märchen auch zu deuten, wie sie umzuschreiben und zu ergänzen sind. Und ein Literaturwissenschaftler mit genug Selbstironie muss ihm Recht geben, denn die Grundaussage bleibt: Interpretationen können, wie belegbar sie auch sind, dennoch sehr unterschiedlich sein.

Vor die Verwirrungen und Entwirrungen der Märchen sind die eigentlichen Märchentexte vorangestellt, für alle, die noch mal nachlesen wollen, wie der böse Wolf die sieben Geißlein frisst oder Hänsel und Gretel die Hexe kennen lernen. Und dann legt Iring Fetscher los, so richtig. Von der bösen Mutter-Geiß, die kleine Wölfe über Baumwipfel schmeißt, nur weil sie eben anders sind bis hin zu Rotschöpfchen, dem Bruder des bekannten Rotkäppchens, das in seiner Rolle als Außenseiter eine Freundschaft mit dem Wolf verbindet, der dem Freund nur helfen will. Alles ist möglich und Gründe gibt es viele.

Aber auch hier bleibt die wissenschaftliche Heimat des Autors nicht verborgen. Aus dem tapferen Schneiderlein macht er „Das tapfere Schneiderlein oder Die schönen Herrschaftsträume der Bourgeoisie“, die bremer Stadtmusikanten entlarvt er als „Die erste gelungene Hausbesetzung durch ein Rentnerkollektiv“. Nett, oder? Und lustig! Erfrischend ist es auch fast vierzig Jahre nach der ersten Ausgabe von Wer hat Dornröschen wachgeküßt noch die Pech-Marie als armes Mädchen zu sehen, dass nur desswegen keinen Lohn bekommt, weil sie nicht bereit ist, mit Herr Holle ins Bett zu steigen.

Wer hat Dornröschen wachgeküßt – Das Märchenverwirrbuch ist genial. Für alle, die Märchen lieben, für alle, die Märchen doof finden und für jeden, der gerne zwischen den Zeilen ließt. Und wenn die Ironie doch mal das angenehme Maß übersteigt, vergessen wir nicht: wer weiß, wo am Ende der wahre Kern liegt. Vielleicht doch im Rentnerkollektiv, das ein Haus erobert oder in der Deflorations-Phobie von Dornrösschens Vater.

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