Weil wir Flügel haben – Vanessa Diffenbaugh

Bei Limes ist ein Roman erschienen, den ich mir nicht entgehen lassen konnte (Vorsicht: Mutterfigur pur^^). Weil wir Flügel haben von Vanessa Diffenbaugh, übersetzt von Karin Duffner, mit 416 Seiten.

Vanessa Diffenbaugh: Weil wir Flügel habenLetty arbeitet nachts in der Bar und schläft am Tag, während ihre Mutter sich um Lettys Kinder kümmert. Als ihre Eltern während einer Reise in ihre Heimat Mexiko beschließen, dort zu bleiben, bricht für Letty eine Welt zusammen. Wie soll sie ohne die Hilfe ihrer Mutter sich um ihre Kinder kümmern, die ihr fremd sind. Der vierzehnjährige Alex, der gerade zum ersten Mal verliebt ist, und die sechsjährige, energiegeladene Luna. Die Kinder sind ohne die Großeltern, ihre Bezugsperson, von der Situation verstört und Letty muss ihr Leben umkrempeln. Dass dabei auch noch ein neuer Kollege und Alex‘ Vater auftauchen ist gleichermaßen hilfreich wie katastrophal. Doch zum ersten Mal in ihrem Leben kümmert Letty sich um andere und um sich selbst, lernt, kämpft und beschreitet neue Wege.

Als mein Dissertationsthema ist die Mutterfigur mir immer ein kritischer Punkt in jedem Buch, gerade in Romanen. Klischees und Rollenzwänge stechen mir in die Augen und die Geschichte hängst sich dann darauf auf. Gerade dieses Problem ist hier ausgezeichnet gelöst. Letty kannte bisher wenig Rollenzwänge. Ihre Mutter hat als Übermutter für sie, Alex und Luna gesorgt. Jede Mutterpflicht von Letty wurde quasi im Keim erstickt. Stattdessen hat Letty die Ernährerrolle übernommen und arbeitet, nachts, weil es da am meisten Geld als Barkeeper gibt.

Das kalte Wasser, in das sie nun geworfen wird, lässt sie ihre gesamte Situation überdenken. Sie überlegt nun nicht nur, was sie tun muss, weil ihre Mutter es gesagt hat, sondern, was ihrer Meinung nach richtig ist. Letty wird erwachsen. Sie entwickelt eigene Ansichten und steht dazu, sie trifft Entscheidungen und übernimmt Verantwortung. Mit dem Umzug und dem Verlassen der einst elterlichen Wohnung reißt Letty den letzten Faden der Kontrolle durch ihre Mutter durch und wird selbst zur Mutter.

Gleichzeitig reift Letty auch heran. Sie trifft ihren Kollegen Rick, der sie dazu bringt, sich auch beruflich weiter zu entwickeln. Gleichzeitig taucht Alex‘ Vater wieder auf, dem sie die Schwangerschaft damals verheimlicht hatte. Eine Dreiecksbeziehung entsteht. Schnell wird aber klar, dass ein Beziehungsstrang auf dem Rücken der Kinder getragen wird. Dass gerade deswegen Letty überlegt, ob dieser Weg für ihre Kinder nicht besser wäre, zeigt, wie intensiv sie sich mit ihrer neuen Rolle auseinandersetzt. Sie handelt bedächtig, weniger impulsiv.

Auch Alex erlebt dabei einen großen Umbruch und einen Schritt in Richtung Adoleszenz. Er verliebt sich. Diese Geschichte entwickelt sich parallel zu der Lettys und als beide Stränge zusammengefügt werden, dann mit Karacho, Tränen und ungewissem Ausgang. Grandios, meiner Meinung nach. Neue Fehler, weil alte nicht wiederholt werden wollen und das Verstehen, dass auch gute Absichten böse enden können.

Das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Handlungssträngen ist großartig, die Entwicklungen immer so, dass sie zusammengefügt werden, auch wenn Alex und Letty einfach nicht miteinander reden. Eine ausgewogene Mischung, die immer wieder zum Weiterlesen lockt und Interesse schürt.

Ich jedenfalls konnte Weil wir Flügel haben gar nicht mehr weglegen. Eine wundervolle Lektüre, mal leicht, mal schwer, mal kribbelnd, mal zerstörerisch und immer ein Genuss, zu lesen.

Kommentare

  1. Hallo Eva-Maria,
    ich habe gerade deinen Blog gefunden =) und muss hier gleich kommentieren, denn es gibt ein neues Buch von Vanessa Diffenbaugh…jippe! Mir hat damals „Die verborgene Sprache der Blumen“ sehr gut gefallen und deshlab steht auch ihr neuer Roman nun auf meiner Wunschliste. Und deine Rezi hört sich ja auch richtig gut an!
    Liebe Grüße
    Martina

  2. Pingback: Buechertatzen - [Rezension] Vanessa Diffenbaugh: Weil wir Flügel haben - Buechertatzen

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