Weihnachtskarten (achter Dezember)

Anfang Dezember hatte ich den ersten Angriff geplant:
„Willst du eigentlich Weihnachtskarten schreiben“, frage ich meinen Göttergatten.
„Weihnachtskarten?“
Als wäre der Begriff so unverständlich für einen Siebenundzwanzigjährigen.
„Weihnachtskarten“, wiederhole ich also und warte immer noch auf eine Antwort. Die Falten auf seiner Stirn zeigen dagegen deutlich, dass er immer noch nicht dahinter gestiegen ist, was ich eigentlich wissen will. Er grübelt vor sich hin, ich warte und der Sekundenzeiger lässt sich nicht aufhalten. Irgendwann ist die Grübelei wohl wieder bei Null angekommen und der männliche Blick richtet sich wieder auf das Geschehen im Fernsehen.
„Möchtest du dieses Jahr Weihnachtskarten schreiben“, frage ich also nochmal, einen glitzernden Packen Karten bereits auf dem Schoß.
„Hä? Wieso“, und ich überlege mir ernsthaft, das alles gleich ganz zu lassen.
Doch ich reiße mich zusammen, atme tief durch und setze erneut an: „Ach, ich meine ja nur. Vielleicht an deine Tante in Berlin und deinen Cousin in München oder so.“
„Ach so, hm, ja, das kann ich natürlich machen.“
Können, wollen, werden – da ist einfach so viel Spielraum. Lieber festlegen lassen.
„Welche Karten willst du denn“, frage ich also weiter, strecke ihm ein Bündel hin und erfahre einen gelangweilte Blick eines Kindes, das daran erinnert wird, noch Schulaufgaben machen zu müssen.
„Ach egal“, meint er und ich suche ihm fünf Stück raus.
„Wieso denn so viele“, jammert der arme Schreibfaule.
„Nur für den Fall.“
„Welchen Fall“, fragt er ängstlich.
„Na, dass du deiner Chefin oder sonst wem auch noch schreiben willst.“
„Sonst wem“ und sein Ton wird immer verzweifelter.
„Ja. Dem Jens zum Beispiel. Den hast du schon zwei Jahre nicht gesehen. Der wird sich bestimmt freuen.“
„Oh Mann“, doch er nimmt die Karten und legt sie auf seinen Schreibtisch.

Am 18ten dann schickte ich selbst die ersten Karten auf die Reise. An die Tante aus Amerika, die Verwandten in Leipzig und Jena, die Freunde in England, Österreich, Frankreich und Spanien. Einfach mal hallo sagen und damit andere erfreuen, die solch eine Überraschung gar nicht erwartet hatten.
„Du, ich schick meine Karten ab“, sagte ich dem Mann Bescheid.
„Welche Karten“, fragte er und ich biss mir auf die Lippen.
„Die Weihnachtskaren.“
Ratloses Gesicht.
„Die Karten zum Verschicken zu Weihnachten.“
Unwissender Blick.
„Die Karten, die ich dir Anfang Dezember gegeben habe, zum Schreiben, als Weihnachtskarten.“
Fragende Falten.
„Ok“, sage ich und erzählte die ganze Geschichte nochmal: „Anfang Dezember habe ich dir Karten gegeben, die du schreiben wolltest, zu Weihnachten, an deine Tante, deinen Cousin, Jens und deine Chefin.“
„Oh“, sagt er und sagt damit alles.
„Also noch nicht geschrieben“, fasse ich es in Worte.
„Komplett verpennt“, gibt er zu und ich frage mich, ob er seit mehr als zehn Tagen durchschläft.
„Hast ja noch etwas Zeit. Schreib sie halt heut und morgen und dann ab damit.“
„Ja, hm.“ Und ich sende meine Karten auf den Weg.

Am 22ten Dezember folgt Teil Nummer drei, als ich beim Aufräumen für die Festtage über den unausgefüllten Kartenstapel falle.
„Hast du deine Karten abgeschickt“, frage ich versuchsweise.
„Ja, ja, klar“, lügt er ohne eine Miene zu verziehen.
„Und was ist das“, lächle ich schief und halte ihm die Beweise unter die Nase.
„Oh“, sagt er und sagt damit alles.
„Und jetzt“, frage ich.
„Jetzt ist zu spät“, meint er und schaut fast etwas triumphierend aus der Wäsche.
„Dann kommen sie halt einen Tag zu spät. Mach sie jetzt fertig.“
„Wie jetzt“, fragt er, als wäre ich von allen guten Geistern verlassen.
„Na jetzt schreiben. Und gleich abschicken. Auf auf“, sage ich und klatsche in die Hände.
Er springt auf: „Das geht nicht, das schaffe ich nicht. Ich hab viel zu viel zu tun. Und dafür hab ich jetzt echt keinen Kopf.“
„Ich weiß“, sage ich und er versteht mich mal wieder nicht.
„Wie? Was weißt du?“
„Dass du es schaffst und keine Zeit hast und keinen Kopf.“
„Aha“, sagt er und wartet. Hört mir endlich einmal zu.
„Darum habe ich letzte Woche auch schon Karten an deine Tante, deinen Cousin und alle anderen abgeschickt.“

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