Weihnachten im Schuhkarton (15.12)

Katrin lief durch die Regenflut, suchte einen sicheren Platz zum Unterstellen für sich und ihre zwei Töchter.
Obwohl schon Mitte Dezember war, verhielt das Wetter sich wie im tiefsten Herbst, warf mit Blättern und ließ unaufhörlich Regen hinunterprasseln. Tiefe Pfützen bildeten Fallen für die kleinen Kinderschuhe und ein kalter Wind zog durch die zu dünnen Jacken.
Wieder biss das Gewissen an der Mutter, ihre Kinder mit genommen zu haben. Doch was hätte sie sonst tun sollen?
Katrin war jung Mutter geworden, mit neunzehn. Sie hatte ihre Ausbildung beenden, einen guten Beruf finden wollen, doch ohne es zu merken hatte sie sich in eine kleine Hausfrau verwandelt. Ihr Freund hatte sie geheiratet, aus Ehrgefühl und falschem Zwang heraus, und er hatte sie geliebt. Genauso wie sie ihn. Sie waren glücklich in ihrer kleinen Familie, Papa Alexander, Mama Katrin und die kleine Nadine.
Zu schön war alles gewesen, wusste Katrin jetzt. Die Ausbildung ließ sie schleifen, schaffte mit Müh und Not ihren Abschluss und wurde natürlich nicht übernommen. Stattdessen wurde sie wieder schwanger. Überglücklich fasste die Familie es auf, alle freuten sich auf das zweite Baby und als Michaela geboren wurde, glaubte Katrin ihren Platz im Leben wirklich und wahrhaftig gefunden zu haben.
Wie grausam das Leben manchmal ist. Immer, wenn man glaubt alles sei perfekt, schaltet sich das Schicksal ein und lässt einen in eine tiefe Grube fallen.
In Katrins fall stieß sie ein Telefonanruf in diese Grube.
Alexander hatte einen Autounfall gehabt und wurde ins Klinikum eingeliefert. Wie in Trance brachte seine Frau die beiden Kinder zu ihrer Mutter, und erreichte das Krankenhaus gerade noch rechtzeitig um bei ihrem Ehemann zu sein, als er starb.
Stumm hatte sie auf seinen Mund gestarrt, seine Nasenflügel beobachtet und dafür gebetet, dass sie sich wieder bewegten. Man hatte nichts mehr für ihn tun können.
Verzweifelt musste die Zurückgebliebene ihre Wohnung kündigen, bei ihrer Mutter einziehen und sich auf Arbeitssuche begeben, immer mit dem tiefen Krater in ihrem Herzen, den der Tod ihres Mannes hervorgebracht hatte. Niemand wollte sie haben.
Alles wurde überschattet. Michaela lernte zu krabbeln, zog sich am Bein der Mutter hoch, doch Katrin konnte sich nicht freuen. Nadine kam in den Kindergarten, malte erste Buchstaben, freute sich auf die Schule, zeigte ihrer Schwester die Spielplätze, als diese auch soweit war, den Kindergarten zu besuchen, doch Katrin wagte nicht glücklich zu sein.
Lange währte ihre Trauer, lange dauerte die Genesung ihres Herzens, doch bei Nadines Einschulung, vier Jahre nach Alexanders Tod, konnte sie sich von dem Schmerz lösen, endlich wieder mit ihren Kindern lachen, und nur den Stolz für ihre älteste Tochter spüren.
Langsam, schleichen schien es bergauf zu gehen. Das Haus der Großmutter war nicht groß, doch es reichte allemal. Auch um Betreuung musste Katrin sich nicht sorgen, denn ihre Mutter ging nicht mehr Arbeiten. So konnte die junge Frau sich ganz auf ihre Arbeitssuche konzentrieren, fand auch tatsächlich eine Stelle als Kellnerin. Nichts besonderes, keine so tolle Bezahlung, aber ein Job, etwas zu tun, ein Funke Hoffnung.
Gerade hatte sie sich gefangen, hatte ihr Leben wieder im Griff, als es erneut erschüttert wurde. Bei einer routinemäßigen Untersuchung stellte man bei ihrer Mutter eine Geschwulst fest, die sich als aggressiver Krebs herausstellte. Schnell ergriff die Krankheit besitz vom Körper der alten Frau, entzog ihr die Kraft. Das Leid war groß, der Schmerz fast unerträglich, doch er währte nich lang. Nur kurz brauchte der Tumor, um den Körper zu zerstören und Katrins Mutter starb.
Diesmal hatte die junge Frau kaum Zeit zu Trauern. Das Geld, das ihre Mutter zurückgelassen hatte, reichte kaum für die Beerdigung, hatten doch die Behandlungen, um das schmerzvolle Leben erträglicher zu machen und zu verlängern, das meiste schon für sich beansprucht.
Ohne irgendeine Hilfe fühlte Katrin sich mit ihren Kindern verlassen und auf die Straße gesetzt. Das Haus konnte sie nicht halten, ihr Gehalt reichte kaum ihre Kinder zu ernähren. Sie beantragte Unterstützung, musste sich durch Papierurwälder quälen, Fragen beantworten, deren Antwort sie nich wusste, und erhielt am Ende immer noch kaum genug, um eine Wohnung mit zwei Zimmer zu mieten. Wenigstens ein paar Möbel konnte Katrin aus dem Haus mitnehmen, hatte sie doch kein Geld sich neue zu leisten.
Ihre Lage verschlimmerte sich nochmals, als Nadine krank wurde und sie sich frei nehmen musste. Schon in den letzten Tagen im Leben der Großmutter hatte Katrin nicht regelmäßig zur Arbeit erscheinen können, hatte sich um ihre Kinder und die Kranke kümmern müssen. Nun war das Fass offensichtlich am Überlaufen, denn ihr Arbeitgeber entließ sie.
Sie war am Verzweifeln. Hoffnungslos überlegte sie, wie es weitergehen sollte. Ja Katrin dachte auch darüber nach, sich umzubringen, was ihren Kindern einen Platz im Heim und etwas Weisenrente beschert hatte, doch sie brachte es nicht übers Herz. Ihr Schmerz war schon so groß, wie mochte es da erst in ihren Kindern aussehen?
Sie hatten den Vater verloren, die Großmutter, fast alle ihre Sachen, da war es ihre Pflicht und Verantwortung sie jetzt nicht im Stich zu lassen. Mit Tränen in den Augen entsann sich die Mutter, wie ihre Töchter nach dem Tod der Großmutter zu ihr ins Bett kamen, sich an sie kuschelten, gemeinsam mit ihr weinten und genauso vereint Hoffnungsschimmer suchten.
Das war nun wieder fünf Jahre her, und kaum etwas hatte sich verbessert.
Katrin klapperte, wenn die Mädchen in der Schule waren, das Arbeitsamt und Geschäfte ab, stellte sich vor, wo es nur ging, schrieb unzählige Bewerbungsschreiben. Ein paar Mal konnte sie bei der Inventur in Kaufhäusern helfen, ein kleines bisschen Extrageld verdienen, drei Jahre hatte sie das Ablesen für Strom- und Gaswerke übernommen, was gerade soviel einbrachte, um den Kindern die nötige Kleidung zu besorgen.
Sie lebte von Arbeitslosengeld und Zuschüssen, je nachdem in welche Spalte sie gerade gerutscht war. Es tat ihr weh zu sehen, dass ihre Kinder keine Freunde mit nach Hause brachten, nur selten selbst bei anderen Kindern waren. Oft fehlte einfach etwas. Katrin konnte sich keinen Fernseher leisten, kaufte stattdessen lieber ab und zu Bücher auf dem Flohmarkt. Es gab keine Rollschuhe, keine Handys, Fahrräder, die eigentlich schon zu klein waren, einen Computer, der nie dafür gedacht war das Internet kennen zu lernen und Katrin wusste auch, dass man ihre Töchter wegen der billigen Kleidung verspottete.
Nun war es Dezember, Weihnachten stand praktisch vor der Tür, und Katrin hatte es noch nicht übers Herz gebracht, ihren Kinder zu offenbaren, dass es dieses Jahr keine Geschenke geben würde. Seit Jahren schon mussten sie auf den Weihnachtsbaum verzichten, doch dieses Jahr, hatte die Mutter keine Möglichkeit gefunden das nötige Weihnachtsgeld zu verdienen.
Gerade, als sie in stürmischem Regen einen Unterschlupf suchten, kam sie vom Arbeitsamt, ihre letzte Hoffnung noch rechtzeitig etwas zu finden, doch es gab nichts, wofür sie geeignet war.
Was konnte Katrin schon? Ihr Abitur war eher bescheiden, ihre Ausbildung zur Tierarzthelferin miserabel. Zeichnen konnte sie, hatte schon mit einem Edding ein paar weiße Oberteile ihrer Töchter verschönert, in ihrer Jugend auch etwas Lob dafür erhalten, doch das konnte ihre Mädchen nicht füttern, nicht anziehen, nicht wärmen.
Endlich erreichten sie ein breites Vordach, Katrin schob ihre Mädchen an die Wand des Hauses, stellte sich selbst vor die Kinder, so dass der stechende Regen nun ihren Rücken traf.
Sie atmete auf.
Nadine zog ihren dünnen Mantel enger um sich, die Ärmel bedeckten schon nicht mehr die Handgelenke. Sie murrte nicht, meckerte nicht, fragte nie, warum sie so wenig hatten. Katja war stolz auf sie und gleichzeitig wehmütig, da sie wusste, dass ihre Älteste ihre Kindheit nur wegen ihrer Armut opfern musste.
Michaela zitterte leise, hatte sich aber umgedreht, so dass Katrin das fröstelnde Gesicht nicht mehr sehen konnte. Schließlich zeigte die Kleine auf ein Plakat, das an der Hauswand befestigt war.
„Weihnachten im Schuhkarton“, stand darauf und es bat den Leser einen Schuhkarton mit Kleinigkeiten wie Buntstiften, Kuscheltieren, Schokolade oder warmen Socken zu füllen, damit Kinder in armen Ländern auch ein kleines Weihnachtsgeschenk bekommen konnten.
Katrin fragte sich, warum niemand auf die Idee kam, ihren Töchtern etwas zu schenken, wo sie doch auch Schlimmes erleiden mussten, auch von der Hand in den Mund lebten. Gleich darauf biss sie sich auf die Zunge, wusste sie doch, dass jene armen Kinder oft in Krieg lebten, Waise waren, Obdachlos, noch ärmer, viel ärmer als Nadine und Michaela.
Irgendwann verebbte der Regenguss und ermöglichte es der kleinen Familie ihren Weg fort zusetzten. Zitternd kamen alle drei zu Hause an. Sofort schickte Katrin die Mädchen baden.
So war das immer. Zuerst badeten die beiden Kinder zusammen, dann wusch die Mutter sich im gleichen Wasser, das in der Zwischenzeit eisig kalt war. Aber Schulbücher waren teuer, bei Nadine stand eine Klassenfahrt an, die Katrin auf alle Fälle ermöglichen wollte, und auch die Schuhe der Kinder wurden zu klein.
Die Wohnung war kalt, doch Katrin traute sich nicht die Heizung hoch zu stellen. Im letzten Jahr hatte die Nachzahlung für Gas fast ihr ganzes Budget verbraucht. So war nur das Kinderzimmer angenehm warm. Im Wohnzimmer, wo Katrin auf dem Sofa schlief, war es nur wärmer, wenn sie gerade gekocht hatte.
Seufzend saß die Mutter auf ihrem Schlafplatz. Müde waren die Mädchen früh zu Bett gegangen, so dass Katrin noch im Licht der Straßenlaterne, das durch das Fenster herein schien, die alten Fotoalben durchsehen konnte. Schmerz flammte in ihr auf und die Einsamkeit wurde wieder stärker spürbar, doch wenn sie Alexander und ihre Mutter auf den Bildern sah, schienen sie ihr näher.
Am nächsten Morgen wurde sie früh geweckt, denn Michaela schüttelte sie sanft wach.
„Mama, Mama“, sagte das Mädchen, bis Katja es geschafft hatte, sich auf zusetzten und ihre Haare zu glätten.
„Was ist denn?“, fragte die Mutter verdutzt.
„Nadine und ich wollen auch einen Schuhkarton machen!“, Michaela war ganz aufgeregt.
„Was? Was wollt ihr machen?“
„Na da Plakat gestern. Wir wollen den armen Kindern auch was schenken“, erklärte Nadine.
„Aber. Aber was denn? Ihr habt doch auch nichts“, Katrin verstand ihre Töchter nicht.
„Wir haben nicht viel, aber wir haben immer noch mehr. Und das Wichtige haben wir auch!“
Die Kinder waren sich einig und Katrin überstimmt.
Schon zeigten die Mädchen stolz, was sie ausgesucht hatten.
Ein kleiner Teddybär, den Michaela immer in Ehren gehalten hatte und der deswegen wie neu war, ein Bilderbuch, das noch Alexander mit Nadine durchgeblättert hatte, einen selbstgestrickten Schal von Katrins Mutter, um den die Mädchen sich immer gezankt hatten, und eine Packung Buntstifte, von denen einige zwar schon benutzt, aber alle feinsäuberlich gespitzt waren.
Katrin standen vor Rührung die Tränen in den Augen, und schnell umarmte sie die Kinder, so dass ihnen die Luft wegblieb. Auf ihr Drängen hin legte sie noch eine Tafel Schokolade hinzu, die eigentlich für den Weihnachtsabend gedacht war, und brachte das Päckchen gleich zur Abgabestelle.
Weihnachten rückte näher und, obgleich sie stolz und beeindruckt von ihren Kindern war, schämte Katrin sich, dass sie ihnen nichts schenken konnte. Sie hatten es gut aufgenommen.
„Das macht doch nichts!“, hatte sie einstimmig gesagt, doch die Mutter durchdachte jede Möglichkeit ihnen doch noch etwas überreichen zu können. Sie fand keine.
Heilig Abend erreichte die Familie schnell.
Als in anderen Wohnungen und in den Häusern der Weihnachtsbaum geschmückt, davor gesungen, ein Festmahl gegessen und die lang ersehnten Geschenke ausgepackt wurden, zündete Katja eine kleine Kerze an, setzte sich mit ihren Mädchen aufs Sofa, sang auch ein paar Weihnachtslieder und trug als Abendessen Spagetti Bolognese auf, das Lieblingsessen der Kinder. Zusammen machten sie sich auf, die Christmette zu besuchen. Während der Pfarrer von Nächstenliebe und einem armen Kind, das in einem Stall geboren wurde redete, gähnten die Kinder schon leicht.
Müde kamen sie wieder an ihrer Wohnung an, als Michaela etwas entdeckte. Vor der Wohnungstür stand eine kleine Kiste.
„Aber Mama. Hast du ihn nicht weggebracht?“, fragten die Mädchen vorwurfsvoll wie aus einem Mund.
Tatsächlich sah die Kiste genauso aus, wie jener Schuhkarton, den Katja abgegeben hatte. Was machte er nun hier?
„Nein, wirklich, ich habe ihn abgegeben. Ich weiß nicht, wie er hier her kommt!“, beteuerte sie ihre Unschuld.
Neugierig wurde der Karton in die Wohnung getragen und erwartungsvoll geöffnet.
Katja stieß einen kleinen, spitzen schrei aus.
In dem Schuhkarton waren nicht mehr die alten Sachen, die die Kinder abgegeben hatten, stattdessen war er gefüllt, randvoll mit neuen Geschenken. Katja musste sich sogar wundern, dass soviel in den kleinen Schuhkarton passen konnte.
Da gab es zwei neue Bücher, eines für die Kinder, eines für Katja, neue Jacken, Mützen, Handschuhe und einen neuen Schal für jede, Gutscheine für einen Kinobesuch, eine Packung Weihnachtsgebäck, sogar neue Schuhe kamen aus den Tiefen der Kiste zum Vorschein.
Ganz zuletzt holte Nadja einen kleinen Zettel hervor, ein einfacher Zeitungsausschnitt, Stellenanzeigen, bei denen eine ganz dick angestrichen war: „Für Kinderzeichenkurz Lehrer und Betreuer gesucht: Wenn sie gut zeichnen können und gerne mit Kindern arbeiten melden sie sich. Wir suchen gezielt Lehrer und Betreuer für einen Förderkurs im Zeichen. Keine besondere Ausbildung erforderlich, aber erwünscht“
Katrin runzelte die Stirn, denn eine Ausbildung in diesem Bereich hatte sie nicht. Doch als sie den Geschenkeberg betrachtete, der bestimmt in keinen Schuhkarton gehen konnte, fasste sie den Entschluss es wenigstens zu versuchen. Was hatte sie schon zu verlieren?
„Von wem ist das nur gekommen?“, fragte die Mutter laut.
„Ist doch klar!“, sagte Nadine und Michaela nickte.
„Vom Christkind. Und Oma und Papa haben bestimmt noch was draufgelegt.“

©Eva-Maria Obermann

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