Was macht eigentlich Literaturwissenschaft

Eine Frage, die ich so oder so ähnlich oft höre. „Was machst du da eigentlich?“ Ich habe Germanistik und Medienwissenschaften mit dem Schwerpunkt auf Literaturwissenschaft studiert. Meine Promotion liegt in diesem Bereich. Aber: wie geht das eigentlich? Literaturwissenschaftlich arbeiten. Eine Frage, die sich gar nicht so einfach beantworten lässt. Weil es viel bedeutet, weil viel möglich ist und die Einführungswerke meist genau daran scheitern, das vernünftig zusammenzufassen.

(Und noch ein Hinweis: Weil das immer noch so furchtbar wirr klinkt, stelle ich euch morgen eine gekürzte und für euch überarbeitete Version meiner frühen literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu einem gut lesbaren Thema ein: Die Schildkröte bei Michael Ende)

Literatur und Wissenschaft

Zunächst: Offiziell wird unterteilt zwischen der älteren deutschen Literatur (Mediävistik) und der neueren deutschen Literatur. Ersteres ist im Grunde alles bis zur Aufklärung, zweiteres alles danach. Mein Professor nannte mal Gothes Geburt den wichtigen Trennpunkt, aber schon vor ihm haben die Aufklärer neuere deutsche Literatur prodoziert. Hier zeigt sich schon ein erstes Problem: Die Grenzen sind unklar. Für diesen Artikel bleibe ich bei ca. 1700, dem Beginn der Aufklärung. Das heißt aber auch, neuere deutsche Literatur umfasst alles, was in den letzten 317 Jahren so geschrieben wurde. Was das zweite Problem erahnen lässt: Das ist verdammt viel.

Goethe als Fixpunkt? Die Literaturwissenschaft betrachtet weit mehr  (Foto: cocoparisienne / pixabay.de)

Dank Gutenberg und der steigenden Allgemeinbildung wurde gedruckt, geschrieben, gelesen. Und daneben entwickelte sich unsere Gesellschaft weiter, Industrialisierung, medizinischer Fortschritt, kultureller Wandel, zwei Weltkriege. Und auch: die Aus- und Weiterbildung von Theorien im Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Bereich. Womit Problem drei klar wäre: Die Ansätze, WAS in der Literaturwissenschaft gemacht werden, sind erschreckend viele. Sie kommen und gehen nach Moden, heben sich gegenseitig auf oder erweitern sich. Und dennoch könnte eine Arbeit, die eine andere Theorie nutzt als eine vorherige, diese nicht etwa gänzlich aufheben oder widerlegen (auch wenn das gerne behauptet wird), sondern sie bietet nur eine zweite Interpretationsmöglichkeit. Denn DAS macht Literaturwissenschaft. Sie interpretiert mit einer analytischen Methode Texte, Gesamtwerke, Epochen, Motive, etc.

Millionen von Blickwinkeln

Statt DER Lösung zu präsentieren kann Literaturwissenschaft darum vor allem verschiedene Lösungen präsentieren. So wie jeder Leser ein Buch anders versteht und liest. Was aber die Literaturwissenschaft macht, ist die Persönlichkeit des Lesers selbst beiseite zu schieben und zu versuchen, universelle Deutungen, Analysen und Zusammenhänge zu zeigen. Innerhalb des Buches, auf den Autor bezogen (was heute gar nicht mehr gern gesehen wird) oder im Vergleich mit anderen Büchern (Komparatistik), der Gesellschaft, Disziplinen, Theorien. Dabei geht es also nicht mehr um „wie hat mir das Buch gefallen“. Ein Literaturwissenschaftler würde auch nie sagen „der Autor sagt damit“, denn im Werk gibt es nur einen Erzähler, das Buch spricht für sich und maximal können die Werke psychologische Aussagen über ihre Autoren treffen (was heute auch nicht mehr so gern gesehen wird).

Sprache ist arbiträr – Literatur auch (Foto: wilhei / pixabay.de)

Viel lieber bleiben die Literaturwissenschaftler innerhalb des Kosmos des Buches oder der Bücher. Sie prüfen, in welche Epoche oder Strömung ein Werk passt, was es über die Zeit aussagen kann oder eine bestimmte Personengruppe, suchen nach Strukturmerkmalen, die entscheidend für das Buch sind, nach Leitmotiven und großen Metaphern, die dem Werk eine zusätzliche Bedeutung geben oder die offensichtliche unterstreichen. Beispielsweise könnte ich euch literaturwissenschaftliche sehr genau erklären, warum Dumbledore an allem schuld ist, was Harry widerfährt, und der größte Betrüger von allen, selbst wenn er nicht mehr am Leben ist. Das hat nichts mit meiner persönlichen Meinung vom Headmaster of Hogwarts zu tun, sondern mit seiner Rolle innerhalb des Werkes.

Theoretisch und praktisch

Alle Theorien aufzuzählen, die die Literaturwissenschaft so kennt, wäre ein für diesen Artikel sinnloses Unterfangen. Falls ihr Interesse habt, lasst mir doch einen Kommentar da, dann gehe ich die verschiedenen Theorien mal in einzelnen Beiträgen an. Ein paar wichtige möchte ich euch aber in der Kurzform geben. Furchtbar viel lasse ich dabei weg und beschränke mich auf fünf. Ich rede nicht über Rezeptionsästhetik, Hermeneutik, Geistesgeschichte oder die werkimmanente Interpretation – und so viele mehr. Und die Theorien, die ich erwähne sind nur rudimentär skizziert:

Viele Theorien auf der Suche nach dem Kern, den keine erreichen kann(Foto: ritinhacorain / pixabay.de)
Strukturalismus

beispielsweise untersucht die Sprache eines Werkes nach Strukturen, die immer wiederkehren. Eine tiefere Ordnung, die eine universelle Lösung präsentiert wird hier gesucht. Verbindungen, die das gesamte Werk vernetzen und EIN Modell ermöglichen. Eine sehr abstrakte Methode, die leider vieles gar nicht berücksichtigt und darum auch ihre eigene Forderung nach einer umfassenden Analyse gar nicht erfüllen kann.

Poststrukturalismus

kam logischer Weise danach. Hier wird in allem ein Zeichen bzw. ein System gesehen. Nach dieser Theorie kann der Text selbst auf keine Wirklichkeit verweisen. Sowohl Autor, als auch Leser bleiben dahinter zurück. Statt eine Methode zu liefern, lehnt der Poststrukturalismus vor allem ab. Gemäß dem Motto: Nichts ist wahr.

Literaturpsychologie

sucht wie der Name vermuten lässt nach psychologischen Erklärungen innerhalb des Buches. Da die Figuren eines Buches agieren und fühlen innerhalb ihres Kosmos, können sie mit psychologischen Mitteln analysiert werden und darüber Rückschlüsse auf das gesamte Buch und seine Aussage getroffen werden.

Literatursoziologie

ist dasselbe in Grün. Hier werden soziale und kulturelle Ebenen untersucht. Im Grunde gehört hier auch die Verbindung mit geschichtlichen Kontexten dazu, aber auch Gesellschaftskritiken. Durch sie wird die Literatur selbst auch wiederum für die Gesellschaft relevant, in der sie wirkt.

Gender Studies

ist gar nicht so weit davon weg. Hier werden die Figuren auf ihre Geschlechterrollen hin untersucht. Ob Männerbünde, Feminismus, Mutterfigur oder nicht in das binäre System quetschbare Charaktere werden hier betrachtet und lassen Rückschlüsse auf die Aussage des Textes geben.

Hier seht ihr schon: Die Grenzen verschwimmen, vieles leitet sich durch Ablehnung einer vorherigen Theorie ab und keine kann es leisten, einen Text in seiner Gänze zu erfassen oder zu analysieren, selbst wenn alles es wollen. Jede kann nur einzelne Aussagen treffen. Das ist auch das, was für mich essentiell in der Literaturwissenschaft ist. Ich bin immer dem Kern eines Textes auf der Spur und nähere mich ihm grenzwertartig an, aber ich kann ihn nie erreichen. Diese Faszination der Vielfältigkeit und Blickwinkeln, der Möglichkeiten und versteckten Erkenntnisse fasziniert mich so. Und darum schüttle ich lachend den Kopf, wenn mir gesagt wird, ich würde ja nur theoretisch arbeiten. Denn die Arbeit an und mit Theorien ist meine Praxis, die sich verändert, jeden Tag und feinen Geheimnissen auf der Spur ist. Welten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Literaturtipps für Interessierte, Laien, Liebhaber und Wissenschaftler:

Die Bücher von Peter Braun zur Literaturgeschichte, angefangen mit Von Taugenichts bis Steppenwolf. Natürlich bleibt vieles auf der Strecke, die Autoren werden fokussiert, ihre Biografien fließen ein, aber ich mag diesen persönlichen Blick auf die Epochen, gekoppelt mit den Infos über die Werke.

Theorie-Apotheke von Jochen Hörisch. Dieses Buch meines Doktorvaters geht viele Theorien an, die in Literatur- Kultur- und Medienwissenschaft verbreitet sind. Ein guter Überblick, der bei mir einen festen Platz im Regal hat.

Wer hat Dornröschen wachgeküsst von Irving Fetscher, weil es zeigt wie irrsinnig eine gute Analyse sein kann, wie krass der Blickwinkel sich dabei wandelt und wie viel Spaß es macht, damit zu spielen.

Das Philosophenportal von Reiner Zimmer, weil hinter den Theorien oft philosophische Gedanken stecken und auch hier die Konturen stark verschwimmen.

Theorien der Literatur- und Kulturwissenschaften von Bernd Stiegler, weil hier viele Theorien vorgestellt werden. Es gibt tausende solche Bücher und jedes hat Vor- und Nachteile. DAS Buch gibt es leider nicht.

Metzler Literatur Lexikon: Wer gerne mehr über Literatur(wissenschaft) wissen will und immer mal wieder Begriffe nachlesen möchte, ist hier gut beraten. Das Buch steht in fast jeder Universitätsbibliothek. Also auch gerne einfach dort nachschauen 😉Von Metzler gibt es aber noch viele andere Lexika, die allesamt Standardwerke sind.

Metzler Lexikon literarischer Symbole: Auch hier gilt: es gibt massig Symbollexika. Wahrscheinlich findet ihr genau den Begriff, den ihr sucht in eurem nicht. Darum: holt euch einen Ausweis für die nächste Universitätsbibliothek oder Nationalbibliothek und schaut dort nach.

Motive der Weltliteratur / Stoffe der Weltliteratur von Elisabeth Frenzel: Ein Klassiker der Germanistik und dennoch gilt das gleiche wie oben: Müsst ihr nicht zu Hause haben. Ich finde hier aber vor allem Anregungen für Themen, die mich interessieren und auch Elemente, die ich beim Schreiben nutze 😉

 

 

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