Was ein Tag – Teil 3 – Der Abend

Der Morgen

Der Mittag

Das Essen war schon ziemlich kalt, die Pommes natürlich matschig. Labbrig wie alte Handtücher hingen sie nach unten, wenn ich welche in die Hand nahm. „Einmal, nur einmal kein dreckiges Geschirr“, sagte ich, doch die Küche stand immer noch voll und das Styropor des Lieferzeitalters konnte ich nicht in die Mikrowelle stellen. Ich setzte mich wieder an den Rechner und versuchte das Essen runterzuwürgen. Wahrscheinlich war es recht gut gewesen, als es dampfend eingefüllt wurde, aber es wurde immer kälter und jeder Biss glich einem Wackerstein. „Einmal, nur einmal warmes Essen geliefert bekommen“, murmelte ich, doch dafür war es ohnehin zu spät.

Ich schaltete den Fernseher ein und ließ irgendwelche aktuellen Sendungen laufen. Mit saufenden Kerlen und leichten Mädchen, mit dummen Genies und alten Haudegen. Keine Ahnung. Ich hörte halb hin, sah halb zu, und ließ mich berieseln. Im Netz bekam ich plötzlich erstaunlich viele Anfragen. Alle schwer arbeitenden Menschen schienen nach Hause gekommen zu sein, um sich in die unermessliche Weite des Internets zu stürzen.

„Hey, wie geht’s dir“, fragte eine Kollegin und ich wusste nicht, ob ihr Mitgefühl geheuchelt war, oder echt, oder ob sie mich ausspionieren wollte. „Etwas besser“, schrieb ich zurück. „Einmal, nur einmal echte Menschen treffen“, schrie ich in die das Zimmers, übertönte das leise Rauschen des Rechners und die plappernden Figuren im Fernseher. Die Katze wachte auf. „Miau“, motze sie und hob stolz den Schwanz. „Und du? Was weißt du schon“, sagte ich und stellte ihr die Reste der matschigen Pommes hin. „Na los, ich dachte, du hast Hunger“, stichelte ich, doch sie würdigte mich keines Blickes und ließ das Essen stehen. „Einmal, nur einmal etwas Dankbarkeit“, rief ich ihr hinterher, als sie zu ihrer Wasserschale lief und anmutig ein paar Schlecker trank.

„Was hast du denn“, wollte meine Kollegin wissen und machte mich misstrauisch. „Einmal, nur einmal“, fing ich an. „Ach, weiß auch nicht. Kopfweh, Halsweh, alles Matsch“, schrieb ich zurück. „Und da hockst du am PC?“ Morgen würde sie alles brühwarm dem Chef erzählen, dem alten Arsch. Der hatte mich schon lange auf dem Kieker, wegen diesem und jenem und sowieso und überhaupt. „Muss doch nachschauen, ob was Wichtiges an Mails gekommen ist. Manches kann da nicht warten. Leg mich gleich wieder hin“, log ich. „Einmal, nur einmal keine neugierigen Tussen“, sagte ich der Katze, die mich fragend ansah. „Nur einmal.“

Ich ging aus dem Netz, um der Kollegin ein Indiz für meine Krankheit zu liefern. „Kommst du morgen“, hatte sie noch gefragt, doch ich hatte es ignoriert, als hätte ich es nicht mehr gelesen. Ich nahm wieder die Pommes, die die Katze verschmäht hatte. Jetzt waren sie schon so abgekühlt, dass sie hart geworden waren. Ich knabberte an ihnen, während ich mich durch das Fernsehprogramm drückte. Noch mehr Sitcoms, viele Krimiserien, alles Mist. „Einmal, nur einmal was Gutes im Fernsehen“, bat ich, doch wer hätte mich hören sollen. Die Katze war in den Flur gegangen und ich konnte hören, wie sie das Streu herumscharrte.

Ich überlegte, mir eine DVD einzulegen, doch der Weg zum Regal schien mir zu weit, also ließ ich den Zufall entscheiden und schaute, was kam. Irgendwann musste ich aufs Klo und konnte nicht mehr warten. Ich schaltete den Fernseher aus und nachdem meine Blase wieder leichter war, ging ich ins Bett. Aufs Zähneputzen verzichtete ich, nach so einem Tag wollte ich nur noch schlafen. „Einmal“, flüsterte ich, als ich die Decke hochgezogen hatte und beim Einschlafen war. „Einmal, nur einmal einen Tag Ruhe. Nur einmal!“

Ende

©Eva-Maria Obermann

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