Vom ewigen Suchen: Elyseo da Silva im Interview

Sein Debütroman Mosaik der verlorenen Zeit steht aktuell auf der Liste für den Lovelybooks-Leserpreis und macht auch sonst ganz schön auf sich aufmerksam. Elyseo da Silva trifft einen Ton, der verzaubert und fesselt, berührt und beeindruckt. Viele verschiedene Fäden werden zu einem großen Bild gesponnen. Ich durfte den Schriftsteller, Blogger und #Bartbroauthor zu seinem Roman und seiner Sicht auf unsere Zeit interviewen.

Schreibtrieb: Wir hatten ein aufregendes und oft verstörendes Jahr 2016. Dein Romandebüt „Mosaik der verlorenen Zeit“ ist im Februar bei Leison erschienen. Dabei spielst du mit der Bedeutung von Träumen, zeigst ewig Suchende und ewig Fragende. Ist das nicht bezeichnend für unsere Gegenwart?
(©Elyseo da Silva)
(©Elyseo da Silva)

Elyseo: Eine sehr gute Frage, liebe Eva. Vielleicht ist das ewig Suchende und Fragende nicht nur bezeichnend für unsere Gegenwart, sondern eher für das Menschsein an sich. Natürlich bin auch ich selbst Kind dieser Zeit und mein Roman spiegelt insofern nicht zuletzt mein eigenes Suchen und Streben wider.
In einer Welt, in der alles möglich ist – oder in der einem das zumindest suggeriert wird – ist es schwer, den rechten Weg einzuschlagen. Die Verunsicherung, die viele Menschen heute erfahren, entsteht, wenn Du mich fragst, durch eine gestiegene Komplexität, vor die die Auswahl an unterschiedlichen Lebensmodellen sie stellt. Die Wahl eines Donald Trump oder der Brexit geben eindrucksvoll Beispiel davon.

 

Schreibtrieb: Du meinst also, früher war alles besser? So ganz kann das doch nicht stimmen.

Elyseo: Keine Sorge, ich bin keiner derjenigen, die auf romantische Vergangenheitsverklärung aus sind. Ich versuche nur die gegenwärtige Überforderung der Menschen zu verstehen. Gab es vor gerade mal 150 Jahren noch einen vorgezeichneten Lebensweg, ist es heute eine Herkulesaufgabe, sich in der Fülle der verschiedenen Lebensmodelle zurechtzufinden. Und damit ist es ja noch nicht getan, schließlich muss man dann noch dasjenige finden, das einem selbst zusagt – auf die Gefahr hin, dass es sich im Nachhinein als falsch erweist. Dieses ganz persönliche Scheitern stellte früher ein zu vernachlässigendes Risiko dar – heute ist es für viele Menschen das Damoklesschwert, das über dem eigenen Leben hängt. Wenn ich scheitere, habe ich versagt – und, schlimmer noch, es ist meine eigene Schuld.

Schreibtrieb: Ein guter Punkt, aber das heißt doch auch, dass der Mensch früher in seiner Bestimmung gefangen war. Niemand konnte sich seinen Traum vom Leben erfüllen, sobald er vom vorgezeichneten Weg abwich.
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(©Elyseo da Silva)

Elyseo: Das war früher mit Sicherheit schwieriger. Vielleicht aber spielte es nicht die gleiche Rolle, wie es das in unserer individualisierten Gesellschaft tut. Die Menschen fühlten sich anders eingebunden, aufgehoben. Das ewige Streben nach Glück, wie es die amerikanische Unabhängigkeitserklärung so problematisch festschreibt, hat einen negativen Effekt erzeugt, den die Urheber dieser Schrift damals mit Sicherheit nicht im Sinn hatten. Der Pursuit of Happiness erlaubt keinen Stillstand – das Leben wurde zum ewigen Weiter.

Träume, so habe ich das für mich selbst erlebt, stellen oftmals Leuchttürme auf dieser dunklen Ebene der Möglichkeiten dar, in die der Mensch sich in unserer Zeit hineingeworfen sieht. Sie vermögen Dir den Weg zu weisen, ohne selbst je konkret Antwort zu geben, sind Orientierungspunkte im Chaos.
Im Falle meines Protagonisten Julián allerdings ist dieser Traum natürlich ein sehr realer Wink, sich über das eigene Leben Gedanken zu machen, schließlich verbrennt er ihn im Wortessinne. Julián hat keine Möglichkeit, diesen Traum zu ignorieren – was für viele Menschen im Alltag, so habe ich den Eindruck, der einfachste Weg wäre. Denn Träume sind gefährlich. Außerhalb der Literatur wie innerhalb. Sie können die Mauern des selbstgebauten Gefängnisses zum Einsturz bringen, in dem ach so viele ihr Dasein fristen.

Schreibtrieb: Verschiedene Handlungsstränge werden bei dir eine Geschichte. Das ist ja schon episch und die verschiedenen Verbindungen haben etwas Mystisches. Zeigst oder suchst du dabei auch irgendwo einen Sinn des Lebens?

Elyseo: Für mich ist das Schreiben stets ein vorsichtiges Mich-Vorantasten in diesem Raum der Sinnsuche. Im Gegensatz zu früher allerdings glaube ich heute nicht mehr daran, den Sinn des Lebens verstehen zu müssen – der Verstand scheint mir dafür ohnehin das falsche Werkzeug zu sein. Es hat mehr mit Gefühl zu tun, man kann diesen Sinn eher intuitiv erfassen als verstehen, denke ich.

coverAnderen Leuten diesen Sinn aufzeigen zu wollen, würde ich mir nicht anmaßen, selbst wenn ich es könnte. Das ist eine sehr persönliche Suche. Könnte ich Dir denn Sinn des Lebens in einem Satz darlegen könnte, brächte es Dir ohnehin rein gar nichts. Diese Art von Wissen oder Verständnis ist nicht vermittelbar, sie kann nur erfahren werden. Das ist auch der Grund, weshalb ich große Probleme mit der Ratgeber-Literatur zum Lebensglück habe. Nichts als Geldmacherei, wenn Du mich fragst. Noch dazu eine, bei der die Menschen sich am Ende als Versager fühlen, wenn sie ein Buch gelesen haben, das ihnen erzählt, wenn sie bestimmte Schritte verfolgen, könnten sie das Glück sozusagen herbeizwingen – und dieses Glück einfach nicht kommen will.

Mystik, wie Du sie hier ansprichst, ist für mich immer nur der Verweis auf eine weitere Ebene. Eine, die nicht konkret greifbar ist, irgendwo im Diffusen bleibt – und den Leser somit auf sich selbst zurückwirft. Sie ist das, was ich auch selbst beim Lesen liebe. Wahrscheinlich ist daher auch „Der Schatten des Windes“ der Roman, der dem „Mosaik der verlorenen Zeit“ am ähnlichsten ist.

Schreibtrieb: Du hast selbst die Erde bereist, warst an den unterschiedlichsten Orten und bist doch wieder zurückgekommen. Was reizt dich an der Ferne und was liebst du an der Heimat?

Elyseo: Heimat – was für ein weiter Begriff, Eva Maria. Konkret lebe ich seit einigen Monaten in Lissabon und fühle mich hier sehr viel mehr zu Hause als an allen anderen Orten, an denen ich zuvor gelebt habe. In diesem Sinne ist Heimat für mich zum ersten Mal in meinem Leben an einen Ort gebunden. Insgesamt verstehe ich den Begriff allerdings anders – Heimat ist für mich der Ort, wo ich mich Menschen nahe fühle, wo ich sein kann, wie ich bin, ohne mich verstellen zu müssen, wo ich fühlen, lieben, lachen darf.

(©Elyseo da Silva)
(©Elyseo da Silva)

 

Deshalb habe ich es immer so empfunden, dass ich meine Heimat letztlich mit mir herumtrage. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb ich nie so etwas wie Heimweh empfinde. Ich liebe die Fremde, liebe es, andere Lebensweisen zu entdecken und mich von der Schönheit dieser Welt bezaubern zu lassen. Das macht das Leben für mich aus – und gerade in den schwierigen Zeiten, die Du zu Beginn angesprochen hattest, halte ich es für wichtiger denn je.

Denn, wenn ich eines auf meinen Reisen gelernt habe, ist es, dass wir Menschen so viel mehr gemein haben, als uns glauben gemacht wird. Egal, ob das auf meinen Reisen durch Indien, Kanada oder den Iran war – wir sind und bleiben Menschen und damit durch so unglaublich Vieles verbunden. Würden die Politiker und Medien ihren Fokus nicht so sehr auf das Trennende, sondern mehr auf das Verbindende legen, könnte diese Welt ein sehr viel besserer Ort sein. Ein Ort, an dem man nicht die Schuld bei Volksgruppen suchen müsste, über die man praktisch nichts weiß, wie Donald Trump das gerade so sinnfrei und leider erfolgreich vorexerziert hat.

Schreibtrieb: Zwischendurch Assoziationsfragen. Nenne mit bitte das erste Wort, das dir zu den Stichpunkten je einfällt:

Elyseo:

Durst – Liebe
Traum – dunkel
Feuer – Licht
Leben – Freude
Musik – Melodie
Tier – Delphin

Schreibtrieb: Wenn du 90 Jahre alt werden könntest und du ab dem 30. Lebensjahr entweder den Körper oder den Geist eines 30-Jährigen für die restlichen 60 Jahre behalten könntest, was würdest du wählen?

Elyseo: Das ist einfach: den Körper!

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Ich mag es, dass mein Geist reift und sich entwickelt und wollte keinesfalls nochmal 30 sein in dieser Hinsicht – wenngleich ich mich in vielerlei Hinsicht noch immer kaum älter als 25 fühle. Bei meinem Körper hingegen macht mir das Angst. Dieses äußere Älterwerden ist ein leidiges Thema, mit dem ich noch keinen rechten Umgang gefunden habe. Vielleicht auch deshalb, weil wir in einer jugendfixierten Gesellschaft leben, in der das Alter oft gleichbedeutend mit unzeitgemäß ist.
Wie schön wäre es, wenn wir die Weisheit unserer Alten nutzen würden, statt sie zu verlachen! Dann wäre es auch für uns nachkommende Generationen kein Problem, dem Alter entgegenzusehen.

Schreibtrieb: Eine sehr interessante Sichtweise. Ich habe immer das Gefühl, mit dem Verfall des Körpers leben zu können, mit dem des Geistes aber nicht, der ja statt eines gereiften Geistes auch kommen kann. Wenn du heute deinem 18-jährigen Ich etwas sagen könntest, was wäre das?

Elyseo: Ich habe sehr viele Freunde Anfang 20, meist junge Künstler, und vermutlich würde ich meinem 18-jährigen Ich genau das gleiche sagen, was ich diesen talentierten und verunsicherten Künstlerseelen heute sage:
Glaub nicht an all die Panikmache um Dich herum und geh Deinen Weg – der einzige, der weiß, was gut für Dich ist, bist Du selbst.

Schreibtrieb: Das klingt dann doch wieder, als sei es ganz gut, dass wir und diese Menschen nicht mehr an vorgegebene Lebenswege gefesselt sind. Du bist auch Künstler, Wortkünstler. Was brauchst du essentiell zum Schreiben?

Elyseo: Ich will gar nicht bewerten, ob das gut oder schlecht ist. Vielmehr versuche ich das Umfeld zu begreifen, in dem wir Menschen uns heute bewegen.
Zum Schreiben brauche ich hauptsächlich Zeit und innere Ruhe.

Schreibtrieb: Du hast ja mal wie ich Literatur studiert. Welches Thema hatte deine erste Hausarbeit und warum hast du es gewählt?
(©Elyseo da Silva)
(©Elyseo da Silva)

Elyseo: Ich habe zugegebenermaßen nie sehr lange studiert, weil ich das Klima an der Uni als vollkommen kreativitätsfeindlich empfunden habe. Meine erste Hausarbeit war in einer Einführung in die spanische Literaturwissenschaft eine Auseinandersetzung mit Michel Foucaults Text „Was ist ein Autor“ – und gewählt habe ich das Thema nicht, es wurde mir zugeteilt.

Ich habe mich wochenlang abgemüht, diesen Text zu verstehen, was mir trotz allem nicht gelungen ist damals (ich frage mich, ob ich ihn heute verstünde, vielleicht sollte ich ihn mir mal wieder anschauen).
Schließlich habe ich beschlossen, alles, was ich nicht verstand als Zitat in meine Arbeit aufzunehmen. Auf diese Hausarbeit habe ich eine 1,0 bekommen. Das war mich das Fanal – wenige Wochen später habe ich das Studium abgebrochen. Wenn ich ohne den blassesten Schimmer eine solche Bewertung bekommen konnte, war dieses System nichts wert. Also wollte ich auch nicht daran teilhaben. Über diese Entscheidung bin ich bis heute sehr froh.

Schreibtrieb: Vielleicht war es ja, weil du gerade nicht versucht hast, eigene Worte für etwas zu finden, für das du keine eigenen Worte hattest. Ich kenne Foucaults Text und weiß, er ist nicht ganz einfach, sagt aber im Grunde, dass ein Autor in seiner Person und mit seinem Namen sein Werk mitbestimmt und stellte damit ein Gegenentwurf zur Barthes „Der Tod des Autors“ dar. Wenn du dich selbst als Mosaik betrachtest, wir würdest du dann die einzelnen Teile bezeichnen?

Elyseo: Weltenwanderer, Spinner, Liebender, Schreiberling, Versteher, Freund, Partymensch, Leser, Melancholiker, Naivling

Schreibtrieb: Das klingt sehr reflektiert, ehrlich und sympathisch. Manche dieser Begriffe würde ich für mich wahrscheinlich auch nutzen. Zum Abschluss noch ein paar Entscheidungsfragen:

Elyseo:

Hund oder Katze? Hund
Lebkuchen oder Eis? Pizza
Tag oder Nacht? Tag und Nacht
Brot oder Kuchen? Brot
Zeichnung oder Foto? Foto

Schreibtrieb: Vielen Dank für deine Zeit, es hat großen Spaß gemacht und noch viel Erfolg für deine Bücher! Da kommt, glaube ich, noch Großes!

Kommentar

  1. Pingback: Das Jahr der verlorenen Zeit – JMVolckmann

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