Veränderungen und Entspannung als Krisenkiller: Jens Förster im Interview

Gestern konntet ihr bei mir lesen, wie ich den kleinen Krisenkiller von Jens Förster fand. Ich freue mich sehr, den Autor heute im Interview auf Schreibtrieb vorstellen zu können. Jens arbeitet gar nicht so weit von mir entfernt, an der Universität Bochum im Bereich Psychologie.

Psychologe und Autor: Jens Förster (Foto: Ingo Peters Photography )
Schreibtrieb: Krisen kommen in sehr unterschiedlicher Gestalt daher. Ein platter Reifen oder ein abgebrochener Fingernagel sind objektiv nicht in der gleichen Ebene zu finden wie beispielsweise der Tod eines nahen Menschen. Muss jede Krise gleich „gekillt“ werden?

Jens: Eine Krise ist ein länger andauernder, höchst unangenehmer Zustand gleitet von Erregung, Trauer oder Angst, der zwischen dem weniger dramatischen Stress und dem schwereren Trauma angesiedelt ist. Beim Stress haben wir weniger das Gefühl uns verändern zu müssen, wir machen dann häufig einfach so weiter wie bisher. Die Krise können wir selbst angehen, auch wenn ein Coach hilfreich ist. Bei Krisen müssen wir auf jeden Fall etwas verändern, sonst bleiben wir weiter in diesem stressigen Zustand. Krisen verlangen Veränderung – das kann eine andere Einstellung dazu sein oder eine Änderung im Verhalten. Beim Trauma ist ein Therapeut angesagt.

Schreibtrieb: Das klingt so, als könnte oft auch nur eine kleine Veränderung helfen. Auf der anderen Seite sollten wir unsere Krisen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Als ich in meiner Schulzeit parallel zur Scheidung meiner Eltern gemobbt wurde, rutschte ich in eine Depression. Wie merken wir, dass eine Krise mehr ist, als ein kurzer Tiefpunkt?

Jens: Wenn Sie Suizidgedanken haben, bei Drogenmissbrauch, bei Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, lang anhaltender geringer Motivation, bei Selbstaggression (ritzen, Schuldgefühle) oder wenn Sie aus einer Trauer nicht mehr herauskommen, sollten Sie einen Therapeuten hinzunehmen, denn dann ist es so schlimm, dass man schlecht allein da rauskommt. Ich achte auch immer auf meinen Körper. Jeder hat ein Organ, das sich meldet, wenn was nicht stimmt. Bei mir ist es der Magen. Wenn der sauer wird, dann weiß ich, dass ich nachdenken muss. In vielen Ländern wie z.B. den USA besuchen Menschen viel häufiger einen Coach, der Sie durch Krisen begleitet und von außen mit einem auf ein Problem schaut und die Lösung angeht. Man sollte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Ich jedenfalls nutze Coaching und Therapie für meine psychische Fitness.

Schreibtrieb: Coaching und vor allem Therapie sind Begriffe, die in unserer Gesellschaft negativ konnotiert sind. Das ist ein großes Problem, dass uns zu Verdrängern macht. Subjektiv wollen wir unsere Krisen oft nicht eingestehen, nach außen hin überspielen wir sie. Wie können unsere Mitmenschen erkennen, dass wir in einer Krise stecken, bevor es zu spät ist?

Jens: Perfekt kann man eine Krise schwer verheimlichen, d.h. Freunde sollten nachfragen, wenn sie Veränderungen bemerken. Insgesamt ist eine Kultur günstig und gesundheitsförderlich, in der man Gefühle zeigen kann. Daher sollte man sich von vornherein Freunde aussuchen, bei denen man sich so zeigen kann wie man ist, und man sollte üben, Gefühle zu zeigen. Wenn man merkt, dass jemand den Kontakt zu allen verliert, sollte man sich als Clique zusammentun und gemeinsam überlegen, wie man dem Freund helfen kann.

Schreibtrieb: In „Der kleine Krisenkiller“ stellst du zwölf Möglichkeiten vor, Krisen zu bewältigen. Manche davon lassen sich sehr gut im Alltag integrieren. Genuss, Achtsamkeit, Kunst, Ruhe. Entwickeln wir vielleicht instinktiv Strategien, uns zu schützen?

Jens: Ja, auf jeden Fall. Wir nennen das ‚Selbstregulation‘. Normalerweise reguliert sich unsere Psyche selbst und wir wählen unbewusst das richtige aus. Nur manchmal verlieren wir den Zugang zu uns selbst. Bei Überarbeitung ist das z.B. der Fall – da arbeiten wir gegen unsere gesunden Impulse an, schlafen zu wenig, sprechen zu wenig mit anderen, beruhigen uns durch Alkohol, etc.-

Schreibtrieb: Ich bin durch meine Krise als Jugendliche zum Schreiben gekommen. Heute bin ich sehr froh darüber – ich liebe Literatur – und sehe diese Zeit als Schritt, der mich zu der gemacht hat, die ich heute bin. Können denn Krisen auch im Nachhinein „gekillt“ werden?

Jens: Ja, du hast 1) deiner Krise einen Sinn gegeben und 2) hast du aus der Scheiße Dünger für eine befriedigende Aktivität, das Schreiben, gemacht. Das spricht für eine sehr gute Selbstregulation, auch wenn sie im Nachhinein erfolgt ist. Mitten in einer Krise ist vielen von uns nicht klar, dass sie auch Chancen sind. Aber im Nachhinein sehen viele in Krisen Momente, wo sich etwas zum Positiven hin verändert hat: Eine Scheidung hat dazu geführt, dass man einen besseren Partner kennengelernt hat, der Tod eines Geliebten brachte einem dem Spirituellen näher, eine Entlassung hat einen motiviert, endlich die Fortbildung zu beginnen, die man schon immer mal machen wollte, aus Leiden entwickelt sich Leidenschaft.

Schreibtrieb: Beruhigend zu wissen, dass so eine Bewältigung auch im Nachhinein noch funktionieren kann. Viele Strategien, die du vorschlägst, sind eingängig und klingen für mich sehr logisch. Aber sie haben auch teilweise einen schlechten Ruf. Wandern, Lesen – Kunst allgemein –, Achtsamkeit, Ruhe, professionelle Hilfe, … Sind wir hier vielleicht einem gesellschaftlichen Problem auf der Spur? Uns wird immer eingetrichtert, wir müssten auf eine bestimmte Art funktionieren und Erfolg haben. Könnten nicht viele Krisen vermieden werden, wenn wir uns gegenseitig vielschichtiger betrachten würden?

Jens: Ja, das stimmt. Manchmal erlauben wir es uns nicht mehr, uns wohl zu fühlen, weil es nicht den sozialen Standards entspricht. Eine Studentin „beichtete“ mir einmal, dass sie zur Entspannung amerikanische Schundserien liebte. Ich bestärkte sie darin, das zuzulassen, denn ihr versüßte das Serienschauen schwierige Lernsituationen besser als „vernünftige“ Methoden, wie z.B. Sport. Wir sollten häufiger unser inneres Kind ausleben, d.h. das tun, was unserer Selbstregulation dient. Und das können widersprüchliche Dinge sein. Ich z.B. kann mich sehr gut bei Kafka erholen und genieße schwierige Arthouse-Filme, aber sehe auch gerne trash – in Krisen sollte man das machen, wozu man Lust hat. Und wenn es mir ganz schlecht geht, dann lasse ich meine ökologischen Nahrungsansprüche auch mal fahren und esse eine Currywurst. Auch Therapie klingt erstmal so, als wäre man verrückt- das ist Quatsch, denn ein guter Coach kann einem helfen, sich selbst wieder zu spüren und einen neuen Blick auf die Lage zu gewinnen.

Schreibtrieb: Ich habe das Gefühl, Krisen werden gerne mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht. Frauen, gerade junge Frauen, sind hysterisch, ungezähmt, irrational und übertreiben schnell. Männer dagegen sind Macher – was nicht passt wird passend gemacht. Können wir diese klischeehaften Denkmuster überhaupt aufbrechen?

Jens: Ja, es gibt tatsächlich Geschlechtsunterschiede. Männer verdrängen eher und reden weniger über sich. Das hat oft Nachteile und führt nicht selten zu ungesunden Verhaltensweisen wie Trinken und Drogenmissbrauch. Man entspannt sich halt schnell bei einer Flasche Rotwein – kurzfristig gesehen – die Rechnung kommt dann später. Allerdings merke ich immer, dass, wenn Männer sich dann irgendwann dazu entschließen, das Problem anzugehen, sie auch sehr lösungsorientiert sind. Die probieren dann schnell etwas aus, was ich mit ihnen anspreche – gehen wandern, treiben Sport, Handwerken, buchen eine Reise oder ein Training. Frauen reden eher über ihre Gefühle und haben einen besseren Zugang zu sich selbst, bleiben aber manchmal auch in ihren Problemen hängen, d.h. reden ohne etwas zu tun. Mit ihnen überlege ich mir dann gerne konkrete Aktionen, die sie angehen sollten, wie: „Ok, jetzt haben wir schon drei Wochen lang von einem Wanderwochenende mit Ihrer Freundin gesprochen – legen wir doch mal grad fest, welche Wochenende für Sie in Frage kommen, und was Sie von mir brauchen, um das auch umzusetzen.“ Wichtig ist aber, dass alle Menschen normalerweise Krisen überstehen können – Frauen und Männer nutzen nur unterschiedliche Strategien. Und verallgemeinern sollte man das, was ich jetzt gesagt habe, sowieso nicht. Jeder Jeck ist anders, so sagt man in Köln ganz richtig.

Schreibtrieb: Umso schwieriger die individuelle richtige Strategie zu finden. In der Literatur werden immer wieder Krisen behandelt. Ein Plot ohne Krise funktioniert eigentlich nicht. Da ist keine Spannung, kein Grund für die Figuren, sie zu regen. Im Film ist das nicht anders. Werden uns Krisen vielleicht auch ein bisschen anerzogen?

Jens: Interessante Perspektive: es stimmt, Drehbuchschulen lehren ja, dass Filme nach dem Prinzip der Odyssee funktionieren: Erschaffe einen Helden, lasse ihn zuerst strahlen, und dann muss er leiden, leiden, leiden. Und wenn der Zuschauer denkt, er habe es geschafft, haue noch mal drauf. Erst dann ist er geläutert, ein besserer Mensch, erst dann ist er ein wahrer Held. Fast alle blockbuster funktionieren so. Vielleicht sollten wir diese Idee vom Leidensmann einmal dekonstruieren. Denn es ist ja auch falsch, wenn man sagt: NUR durch die Krise lernt man. Man lernt durch Krisen, ja, aber man lernt auch aus guten Erfahrungen und aus der Liebe.

Schreibtrieb: Liebe und Leiden. Irgendwie dreht sich doch alles immer wieder darum. Goethe sagte: „Schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.“ Auch er liebte, litt, schreib. Sollten wir unsere Krisen aber immer gleich „vom Halse schaffen“ oder haben sie auch ihren guten Kern?

Jens: Nun ja, Schreiben ist tatsächlich für viele eine Art, Krisen zu bewältigen. Mein Kollege Pennebaker konnte den positiven Einfluss des Tagebuchschreibens immer wieder zeigen. Ich schreibe jeden Morgen drei Morgenseiten, d.h. schreibe freie Assoziationen und werfe sie dann weg. Erst dann starte ich in den Tag – eine Super-Übung um writers’ blocks zu bekämpfen. Aber zu der Frage: chronisch schlechte Stimmung schreit nach Veränderung. Kein Tier, das sich bewegen kann, würde sich eine dysfunktionale Beziehung oder Gruppe gefallen lassen, oder in einer unsicheren, kalten, ätzenden Umgebung verharren. Und wir sind ja im Prinzip dazu fähig, uns selbst zu regulieren. Wir brauchen nur manchmal einen Ruck – ein Coach kann helfen.

Schreibtrieb: Ein kleiner Schubser in die richtige Richtung also. Das kann auch ein Buch wie ‚Der kleine Krisenkiller‘ sein. Welches Buch hast du eigentlich zuletzt gelesen und wie fandest du es?

Jens: Paul Austers Biografie. Ich bin eigentlich nicht der Super-Fan seiner Bücher, aber ich fand den Satz gut: „Man muss liebenswert sterben“. Das treibt mich momentan um: Nicht nur gut zu sterben und ohne Schmerzen, sondern liebenswert. Was für ein Anspruch! Gerade lese ich aber auch wieder Knausgard und muss viel lachen ob all der männlichen Qual.Paul Auster: Winterjournal

Schreibtrieb: Lieber Jens, das war ein tolles Interview und ich möchte mich herzlich für deine Antworten bedanken, die mir Vieles noch einmal klargemacht haben. Als kleinen Abschluss noch ein paar Assoziationsfragen. Bitte ohne groß Nachzudenken beantworten:

a. Film oder Buch: Buch – aber ohne Film will ich auch nicht leben
b. Berg oder Meer: werde ich mich nie zwischen entscheiden können
c. Hund oder Katze: Hund
d. Couch oder Bett: Stuhl und Stehpult (wegen Rücken)
e. Herz oder Kopf: Herz

Kommentare

  1. Hallo Eva,

    mit Interesse habe ich dieses tolle Interview gelesen! Es ist ein guter Punkt, um sich mal wieder vor Augen zu führen und zu überlegen, wie geht es mir? Kann, muss ich was ändern, damit es mir besser geht oder damit ich mich besser fühle? Traurig aber wahr, dass immer noch viele Menschen meinen, sich helfen lassen ist eine große Schwäche, dabei ist es umgekehrt! Wer nach Hilfe fragt hat großen Mut bewiesen und hat den ersten Schritt zu einer möglichen Verbesserung gemacht.
    Danke auch an deinen Interviewpartner Jens, der so schöne Antworten gegeben hat!

    Ich schicke euch sonnige Grüße,
    das Monerl

Ich freu mich über eure Meinungen