Unheilsblick – Nicole Boyle Rødtnes

Als ich den zweiten Band der Töchter der Elfe Reihe von Nicole Boyle Rødtnes in den Händen hielt, habe ich mich sehr gefreut. Der erste Band hat mich durch eine ganz eigene Sprache fasziniert und mein Interesse geweckt. Bei Gulliver (Beltz und Gelberg) ist jetzt frisch Unheilsblick mit 295 Seiten erschienen.

Birke und Rose hausen in der alten Tanzhalle. Ihren Vater meiden sie, nachdem sie herausgefunden haben, was er mit ihrer jüngsten Schwester gemacht hat. Während Birke verzweifelt versucht, zur Normalität zurück zu kehren, testet Rose ihre Grenzen und es gibt ordentliche Spannungen. Malte gibt Birke halt, doch dann taucht ein anderer Elf auf, der helfen will und Birke weiß nicht mehr, was sie noch glauben soll. Dann wird Benjamins Leiche gefunden und wieder ändert sich alles.

Konsequent bleibt die Erzählung bei der personalen Sicht von Birke. Ihre Verwirrung ist deutlich erkennbar und so schlängelt sich der rote Faden von Wendung zu Erkenntnis zu Zweifel zu Glaube. Birke kann weder mit ihrem Vater brechen, noch Rose loslassen, geschweige denn Erle, die Schwester, von der sie dachte, sie sei tot. Auch Malte kann sie nicht loslasse. Und im Grunde werden alle diese Beziehungen von verschiedenen Seiten her in Frage gestellt.

So kann sich Birke, die sich immer als Schwester, als Tochter, als Freundin identifiziert hat, ihrer Selbst nicht mehr sicher sein. Auch ihr Hunger ist zurück und der elfische Teil der Mädchen gibt einige Rätsel auf, die nur der Fremde klären kann. Tatsächlich zeigt er Birke neue Möglichkeiten und Fähigkeiten, wirft damit aber neue Fragen und Zugehörigkeitsgefühle auf.

Der Stil ist dem ersten Band treu geblieben. Wenig überschäumende Gefühle, doch das Brodeln zwischen den Zeilen bewegt. Mit einem etwas kühlen Blick und einem staunenden Wesen führt Birke durch die Geschichte. Doch gerade die emotionalen Stellen verdeutlichen dafür ihren inneren Zwiespalt und ihre Gefühlslage. Im Gegensatz zu vielen übertrieben dauer-hochemotionalen Jugendromanen geradezu erfrischend.

Gerade vor dem Hintergrund des ersten Bandes bin ich gut in die Geschichte hineingekommen. Der eigene Stil der Reihe hat mir das Gefühl gegeben einfach weiterzulesen, trotz der Zeit die zwischen den Büchern lag. Etwas Schade fand ich, dass wegen der vielen Geschehnisse, relativ wenig Zeit bleibt, Birkes „Normalität“ zu zeigen, die sie so dringend bewahren will. Hier wird vieles nur sehr kurz angesprochen und droht damit zu versinken. Einzig Malte sticht heraus, dessen Gefühle für Birke – und ihre für ihn – dafür wesentlich deutlicher werden, als noch im ersten Band.

Dafür erhalten die Gefühle, die der fremde Elf in Birke wachruft, eine ganz andere Dimension und wirken auf mich weniger romantisch als animalisch. Interessant fand ich, wie der Kopfmensch Birke mit diesen Gefühlen versucht umzugehen – vielleicht eine unfreiwillige Komik, die mir aber gut gefallen hat und der Figur eine weitere Schicht verliehen hat. Auch Rose gewinnt hier an Tiefe und entwickelt sich in eine völlig neue Richtung.

Ihr seht, der zweite Band wirft vor allem neue Fragen auf und ist darum vor allem eins: Ein Bindeglied, eine Fortsetzung, die nach einer weiteren Fortsetzung schon allein deswegen schreit, weil sie selbst nichts zu Ende geführt hat. Der Leser dringt hier tiefer in Birkes Welt ein und lernt einiges dazu, bekommt aber noch keine Ergebnisse, sondern lediglich neue Anhaltspunkte und Geschehnisse serviert.

Kommentar

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