Siddharta – Hermann Hesse – (M)Ein Lieblingsbuch

So schnell kam der letzte Tag des Septembers, dass ich nun schleunigst meinen ‚Liebu-Beitrag einstellen muss, um noch an der tollen Blogparade teilnehmen zu können. Diana von Lilienlicht hatte dazu aufgerufen. Geplant worden war die Parade zum Lieblingsbuch bereits auf den Heidelberger Literaturcamp. Bei der #Liebu-Blogparade sammelt Beiträge zu Lieblingsbüchern. Abstrakt nach dem Motto: Was ist ein Lieblingsbuch, oder eben konkret. Und heute soll es auch bei mir konkret werden.

(M)Ein Lieblingsbuch

Ich gestehe ja: Ich habe kein Lieblingsbuch. Ich habe viele! Mich festzulegen auf DAS Buch ist ein Ding der Unmöglichkeit. Da müsste ich eingrenzen in Genre oder Epochen, in Thema und Autor. Ich habe mich also wirklich lange damit auseinandergesetzt. Eine kleine Ausrede dafür, dass dieser Text erst am letzten Tag der Parade ins Internet kommt. Denn meine Entscheidung hat immer mal wieder geschwankt und viele Überlegungen haben eine Rolle gespielt.

Entschieden habe ich mich nun für ein Buch, das ich ursprünglich für die Schule gelesen habe. Und dann habe ich es wieder gelesen, und wieder gelesen, und wieder gelesen. Ein Buch, das ohne rot zu werden zu den Klassikern gezählt werden darf. Hermann Hesses Siddharta. Und damit auch ein Buch, dass von einem bekannten Autor ist und dennoch die wenigsten je gelesen haben. Absolut zu Unrecht!

In Siddharta wird eine fiktive Biografie Siddharta Gautamas, des Buddhas, erzählt. Hesse verzichtet dabei auf Elemente des Aberglaubens und mischt dafür überlieferte Geschehnisse aus dem Leben Buddhas mit neu erfundenen. Der obligatorische Baum der Erleuchtung beispielsweise ist natürlich auch Teil der Erzählung. Der junge Siddharta wird gegen den eigentlichen Willen seines Vaters Azteke. Diese Lebensweise genügt ihm aber nicht. Er fastet und findet dennoch keine Erleuchtung.

Also entscheidet er sich, den genauen Gegensatz zu wählen. Er sucht die Großstadt auf, wird Händler, wohlhabend, geizig, spielsüchtig. Er nimmt sich eine Kurtisane, die sogar schwanger von ihm wird. Doch eines Tages erkennt er, dass auch dieses Leben – voll von materiellen Gütern – ein leeres ist. Er verlässt die Stadt und sucht sich neue Wege. Bei einem Fährmann erkennt er einen wahrhaft Erleuchteten und sucht weiter. Er erkennt in diesem stark verzweigten Leben nicht nur, wie weit die Welt sein kann, sondern auch, wie viele Wege es zur Erleuchtung geben kann.

(M)Ein Weg

In Hesses Erzählung gibt es nicht DEN Weg (Unsplash / pixabay.de)
In Hesses Erzählung gibt es nicht DEN Weg (Foto: Unsplash / pixabay.de)

Hesse hat sich intensiv mit Indien und dem Buddhismus auseinandergesetzt. 1911 unternimmt er einen lange Indienreise. Die Kultur an sich, aber auch der Buddhismus faszinieren ihn. 1919 schreibt er: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen.“ Siddharta selbst erschien 1922 und zeigt ein tiefes Verständnis.

Der Untertitel „Eine indische Dichtung“ macht klar, dass Hesse keinesfalls eine Biografie geschrieben hat, sondern eine Erzählung, etwas Erfundenes. Dass er dabei so deutlich auf eine religiöse Figur verweist mag an der Faszination Indiens für Europa liegen. Ich glaube aber, dass hier bedeutend wird, dass es ohnehin viele „Erzählungen“ zu Siddharta gibt und die in ihren fantastischen Elementen keinesfalls glaubhafter wären, als Hesses Dichtung.

(M)Ein Lesen

Ich liebe an dem Buch, dass ich es immer wieder neu lesen kann. Mein sich veränderndes Leben bietet immer neue Referenzen dafür. Beispielsweise sehe ich den Vater, der Siddharta das harte Leben als Azteke verbieten will, nicht nur als Traditionalisten, der seinem Sohn keinen eigenen Weg gehen lässt. Vielmehr erkenne ich heute den besorgten Vater, der sich bewusst ist, seinen Sohn zu verlieren. Und noch dazu an ein hartes Leben. Interessant gerade hierzu ist auch Siddhartas eigene Vaterschaft und den Schmerz den er verspürt, als sein Sohn sich von ihm abwendet.

Besonders gut gefällt mir aber immer wieder, dass es nicht DEN Weg gibt, sondern viele. Siddharta ist ein Buch für Individualisten. Das sich hier logische Annehmen der Welt, wie sie ist, fasziniert mich immer wieder. Siddharta versucht nicht, zu erklären, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, weil er die Anmaßung dieser Vorgabe erkennt. Kann es denn nicht der eigene Weg sein, jemand anderem zu folgen?

Außerdem liebe ich an dem Buch, dass es nicht verklärt. Es stellt Siddharta nicht als Übermensch da, sondern zeigt viel mehr, dass auch er Fehler und Schwächen hatte, einiges lernen musste und keinesfalls der alleinige Erleuchtete ist. Gerade dieser Aspekt ist beruhigend und durchaus für einen Autor, der Buddha selbst verehrt hat, erstaunlich. Hesse propagiert hier nicht den Buddhismus. Vielmehr ist Siddharta ein Buch über die Suche nach dem Sinn im Leben.

(M)Eine Meinung

Fiktion und Realität (Foto: stux / pixabay.de)
Fiktion und Realität (Foto: stux / pixabay.de)

Und gerade das macht es zu einem meiner Lieblingsbücher, denn wahrscheinlich ist doch die Suche nach dem Sinn des Lebens der Sinn des Lebens. Genau das sehe ich in Siddharta. Der schon fast verzweifelte Weg, einen Sinn zu finden. Mit viel(en) Überzeugung(en) und ganz unterschiedlichen Richtungen, so dass die Summe der Welt, des Lebens und des Seins erstaunlich leicht zu begreifen wird und doch unmöglich im Ganzen zu erfahren.

Ja, natürlich macht dieser Eindruck Siddharta zu einem spirituellen Buch, aber es ist viel mehr. Es ist eine außergewöhnliche Bildungsgeschichte, die eben nicht mit der Adoleszenz endet. Die unerschöpfliche Möglichkeit zu lernen liegt darin und auch, dass die Erkenntnis der Erleuchtung am Ende oft eine ganz simple sein kann. Umso Vielseitiger und beeindruckender ist dieser Roman. Und die Lehre, die ich immer wieder auf so unterschiedliche Arten in so unterschiedlichen Momenten meines Lebens darin erkannt habe ist ebenso simpel. Vielseitig soll auch das Leben sein. Wer sich nur auf einen Weg konzentriert, sieht die anderen nicht mehr und vergisst, wo sein Ziel ist. Er stumpft ab, wie es auch Siddharta im Buch passiert, verliert sich und muss sich immer wieder neu finden.

Hesses Siddharta hat seinen festen Platz auf der Liste meiner Lieblingsbücher – und zwar ganz weit oben. Das Buch liest sich herrlich leicht, ist voller Entwicklung, so wie ich es liebe. Hesse schafft es der Erzählung durch Stilmittel und Satzstellung einen Hauch von Exotik zu verleihen, der zum Thema passt. Vor allem aber bleibt er dabei so realistisch, wie es einem Buch nur möglich ist. Fast schon klassizistisch ist die Weisheit des Romans, dass es weder das eine noch das andere Extrem ist, das zur Erleuchtung führt, sondern die Mischung, das voller Erleben und mit jedem Schritt der eigene Weg.

Kommentare

  1. Liebe Eva-Maria,

    eine sehr gute Rezension – sie hat mir sehr gefallen.

    Hesse zählt schon seit langem zu meinen Lieblingsschriftstellern. Seine Romane „Steppenwolf“ und „Unterm Rad“ sind meine Favoriten. Direkt danach folgen „Siddharta“ und „Das Glasperlenspiel“.

    Ich stimme mit dir absolut überein: „Siddharta“ ist ein Buch für Individualisten. Kein Roman verkörpert meines Erachtens Hesses Lebensphilosophie besser als dieses Werk.

    Wie schön, dass du es als Lieblingsbuch gewählt hast! Es darf nämlich auf keinen Fall in Vergessenheit geraten – dafür ist es zu lebensklug und weise.

    Liebe Grüße

    Rosa

Ich freu mich über eure Meinungen