Shylock is my Name – Howard Jacobson

Lovelybooks hat eine Leserunde zu Howard Jacobsons neuem Roman Shylock is my name (erscheint auf Deutsch bei Knaus) gestartet. 288 Seiten hat das englische Original, erschiene bei Random House UK und der Reihe Hogwarth Shakespeare zugehörig, die Werke des Meisters modern adaptieren will. Dieser Hintergrund und meine Erfahrung mit Jacobsons J haben mich gleich neugierig gemacht.

Shylock Is My Name by Howard JacobsonShylock ist Witwer, seine Tochter ist verschwunden. Alles wissen das. Auch Simon Strulovitch, der Shylock auf dem Friedhof trifft und aus dem Stehgreif zu sich nach Hause einlädtShylock. Shylock sagt zu und eine ungewöhnliche Verbindung entsteht, die sich um die Zugehörigkeit zum Judentum dreht. Gleichzeitig wird Strulovitchs Tochter Beatrice als amouröser Zeitvertreib für einen Freund der reichen Plurabelle ausgesucht. Nichts, was Strulovitch erfreut, erst recht nicht, als Beatrice sich in den Christen verliebt.

Herrlich. Großartig. Spannend, bedenklich, kritisch und witzig. Eine unglaubliche Mischung, ein erstaunliches Buch. Im ersten Drittel dominiert der Fokus auf dem Judentum, seinen Besonderheiten, dem Widerspruch zwischen Fremd- und Selbstbild. So dogmatisch wie Shylock hier auftritt, so fragend bleibt Strulovitch, der säkularisiert ist und sowohl seine „Religionslosigkeit“ wie Shylocks Fanatik hinterfragt. Hier wird kein Absolutum gestellt, sondern subjektive Bilder geliefert. Ein ernstes Thema, ja, ohne Frage. Hier aber gut verwoben und auf einem Grad wandernd, der mich fasziniert hat.

Grandios sind die Irrungen und Wirrungen, die gerade im zweiten Teil aufkommen und zu einem parodistisch übertriebenen Höhepunkt hinführen. Wie bei Shakespeare selbst liegt der Grund dafür an mangelnder Kommunikation, dem Zufall und der tiefen Verbindungen zwischen den Figuren, die denen selbst erst (zu) spät auffällt. Hier wird es deutlich amüsanter, doch Jacobson schafft es sein Thema durchzuführen, ohne Spannung, Brisanz oder Ernsthaftigkeit zu verlieren. Fragen werden aufgeworfen, nach Menschlichkeit, Sein und Schein, und nach der Liebe.

Das Finale ist dann auch gewohnt Groß – oder eigentlich gerade das Gegenteil. Denn hier kommt die Auflösung, der Knall bleibt aber aus, der letzte Schritt wird nicht gegangen. Vorab im Buch diskutieren Shylock und Strulovitch über Abraham, der seinen Sohn Isaak auf Befehl Gottes opfern „will“ und im letzten Augenblick von Gott, der nur den Glauben an die höhere Macht prüfen wollte, aufgehalten wird. Für mich ist es eben diese Stelle die das Ende des Romans bestimmt. Eine Auflösung ohne Auflösung, die Spannung kommt zu einem Ergebnis, das nur nicht so erwartet war. Sehr gut.

Die Mischung, die Jacobson hier aus dem Original des Kaufmanns von Venedig, seinem eigenen Stil und Thema schafft, zeigt nicht nur, wie gelungen Klassiker in die Moderne überführt werden können, ohne dass Stil, Handlung oder Spannung leiden. Der Autor kreiert hier vielmehr eine Geschichte, die brisant und amüsant, durchweg kritisch und unterhaltsam ist. Aus meiner Sicht eine Pflichtlektüre.

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