Sense and Sensibility – Jane Austen

Für mein Jane-Austen Seminar an der Uni habe ich mich endlich einmal an diesen Klassiker der englischen Literatur gewagt, und dachte, die 373 Seiten der Penguin-Ausgabe könnten auch meinem Einmal durchs Regal Konto gut tun.

Die Handlung kennen viele bereits, ob aus dem Buch oder einer Verfilmung. Die Familie Dashwood kommt in finanzielle Schwierigkeiten und muss eine neue Bleibe finden. Noch bevor sie umzieht, verliebt sich Elinor Dashwood in den Bruder ihrer Schwägerin, Edward. Ihre Schwester Marianne verliebt sich im neuen Heim in John Willoughby. Gleichzeitig macht Colonel Brandon Marianne Avancen. Sowohl Elinor als auch Marianne müssen die Erfahrung machen, dass Liebe nicht immer erwidert wird. Elinor findet heraus, dass Edward bereits verlobt ist, Willoughby verschwindet und als Marianne ihn wiederfindet ist auch er beinahe schon verheiratet. Das glückliche Ende im Buch hat einen bitteren Nachgeschmack. Elinor bekommt zwar Edward, weil dessen Verlobte ihn verlässt (nicht etwa aus seinem eigenen Antrieb heraus) und Marianne „muss“ Colonel Brandon heiraten.

Das Lesen eines Klassikers erfordert immer ein bisschen Feingefühl. Ein solches Buch mit heutigen Maßstäben zu messen, ist schlicht unmöglich. Nicht nur die von Dialogen getragene, eher schwache Handlung oder der allwissende Erzähler sind heute Seltenheiten in beliebter Literatur, auch die Moral des Buches passt nicht mehr in unsere Zeit. Gerade darum aber bietet sich darin die Möglichkeit, die Welt einmal anders wahrzunehmen und sich gedanklich in eine Welt zur versetzen, in der Frauen eben nur die Wahl hatte, zu heiraten oder alte Jungfern zu werden, ohne Aussicht auf Karriere oder Selbstbestimmung.

Sense and Sensibility, Sinn und Sinnlichkeit, oder besser Verstand und Gefühl, sind hier konträre Richtungen. Sowohl Marianne als auch Elinor verfügen über beides, doch die jeweilige Dominanz ist entscheidend. Die vernünftige Elinor heiratet am Schluss aus Liebe, ohne dass sie oder Edward etwas dafür getan hätten. Beide sind passive, farblose Figuren. Nur weil Edwards Verlobte Lucy sich von ihm löst und stattdessen seinen Bruder heiratet, kommt Edward in eine Situation, in der er Elinor um ihre Hand bitten kann. Und nur, weil Elinor weiß, dass er nicht mehr gebunden ist, kann sie annehmen. Nie hätte Edward sich von Lucy einfach losgesagt, nie hätte Elinor ihm ihre Gefühle offenbart, wenn er noch verlobt gewesen wäre. Zu Jane Austens Zeit aber zeugte diese Geduld und Zurückhaltung der eigenen Gefühle von Reife und Gesellschaftsfähigkeit. Gerade ihre Zurückhaltung finden beide aneinander attraktiv, gerade sie ist es, die beide letztendlich zueinander führt.

Marianne aber muss leiden, weil sie emotional ist. Durch ihre Vorstellung von romantischer Liebe verliebt sie sich in Willoughby, geradezu hoffnungslos. Darum kann sie auch derart getroffen werden, als er sie sang und klanglos verlässt. Und darum erkrankt sie regelrecht an Liebeskummer, als sie erkennt, dass er eine andere nur wegen ihres Geldes heiratet, also berechnend ist und keineswegs so romantisch, wie sie geglaubt hatte. Ihre Reifung nach der Krankheit allerdings nähert sie Elinor an und macht es möglich, dass sie dem Werben des Colonels nachgibt, obgleich er eben kein romantischer Held sein kann. Die Behauptung, dass sie eines Tages ihn mit der gleichen Intensität lieben wird, wie eins Willoughby, ist heute sehr kritisch zu betrachten. Auch ihre Emotionalität macht Marianne aus heutiger Sicht nicht zur verkannten Heldin, sondern umso mehr zur Verliererin, die ihr ganzes Sein in eine Romanze legt. 1811 aber war es durchaus plausibel, diese Vorstellung in einem Roman zu verwenden.

Die Distanz, die der allwissende Erzähler zur Geschichte hat, zieht sich vor allem im ersten Teil des Buches. Als aber Elinor von Lucys Verlobung mit Edward erfährt und somit Elinors Gefühle zumindest in ihrem Inneren zu brodeln beginnen, kommt auch Leben in den Erzähler. Mariannes Liebschaft mit Willoughby ist dagegen geradezu sachlich und kalt erzählt. Erst durch Elinors Mitleid und ihr Verständnis für ihre Schwester kommt auch der Erzähler und damit der Leser Marianne näher.

1811 hat der Roman mit Sicherheit viele Leser(innen) angesprochen. Dass gerade die gesellschaftlich anerkannten Verhaltensweisen von Elinor zum Erfolg führen, wohingegen Mariannes lebhafter Geist zumindest teilweise gebrochen werden muss, ist ein Spiegel für die Stellung der Frau und die gesellschaftlichen Konventionen. Diskutabel bleibt dabei, ob Jane Austen als schreibende und damit durchaus Geld verdienende Frau, nicht auch Kritik an dieser Gesellschaft aufgezeigt hat. Zumindest der Faktor Geld ist sehr kritisch zu betrachten. Mariannes Misere wird ja dadurch ausgelöst, dass Willoughby Geld über Liebe stellt, so wie John und Fanny Geld über Versprechen und Familie stellen. Die Tatsache, dass Willoughby im Nachhinein erfährt, dass er sein Erbe auch mit Marianne hätte haben können, und eben auch er unglücklich wird, bestätigt diesen Verdacht. Nicht nur die Frauen, auch die Männer werden von diesen gesellschaftlichen Zwängen und der Macht des Geldes ihres Glücks beraubt. Dies zeigt sich auch in der Geschichte des Colonels, der seine Jugendliebe wegen dieser Konventionen und finanzieller Hintergründe verloren hat.

Gerade in diesen Überlegungen liegt der Reiz von Sense and Sensibility auch heute noch. Der Leser hat immer einen großen Anteil an der Rezeption eines Werkes. Und der Unterschied im Verständnis des Werkes damals und heute ist hoch interessant und darum lesenswert.

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