Papa kann auch stillen – Stefanie Lohaus und Tobias Scholz

Bei Goldmann frisch erschienen mit 224 Seiten ist Papa kann auch stillen von Stefanie Lohaus und Tobias Scholz, die mit ihrem Sohn in Berlin wohnen und beide alles wollen. Geld, Arbeit, Kind und Freizeit.
50/50 heißt das einfach Prinzip, dass Stefanie und Tobias in ihrem Leben anwenden wollen. Vor dem Baby ist das noch relativ einfach. Doch auch mit Kind wollen beide alles teilen, bestehende Normen überschreiten, sich nicht von der Gesellschaft in Ecken drängen lassen und eigentlich nur beide glücklich sein. Stefanie will zurück in den Beruf, möglichst bald und Tobias freut sich auf Elternzeit. Klappt für beide wunderbar und trifft doch immer wieder den wunden Punkt in unserer Gesellschaft.
Ich bin sehr beeindruck von dem Buch. Mit alltäglichen Beispielen und sehr persönlichen Anekdoten erzählt das Paar in jeweils eigenen Anteilen, warum und wie sie diesen Weg bestritten haben. Oft wird dabei der gleiche Punkt aus beiden Blickwinkelnd beleuchtet – ein rundes Bild entsteht. Dabei sind beide so ehrlich, wie ich das aus der Ferne der Leserin beurteilen kann. Streit hat in dem Buch Platz, er wird nicht wegretuschiert oder überspielt. Nein, er wird als wichtig angesehen und als Grund für eine Aussprache. Und nur mit genügend Kommunikation kann das Prinzip 50/50 erfolgreich sein.
Ein Ratgeber ist das Buch dabei so wenig wie ein Lehrbuch. Kein „Ihr sollt“, „ihr müsst“, „nur so ist es richtig“. Dafür aber gespickt mit anderen Meinungen, Beispielen, Statistiken und Untersuchungen. Im Mittelpunkt steht dabei gar nicht so sehr der eigentlich persönliche Weg, der für die beiden Autoren logisch und weniger „großes Abenteuer“ war, sondern stattdessen der Gesellschaftliche Blick auf Mütter und Väter, der die gleichberechtigte Partnerschaft im Moment der Elternschaft einfach oft ausblendet. Paare können gleichberechtigt sein, Eltern nicht.
Natürlich finde ich das im Hinblick auf meine Doktorarbeit zum Thema der Mutterfigur in der deutschen Gegenwartsliteratur (und Gesellschaft) hochinteressant, doch auch in meiner Funktion als Mutter und im Hinblick auf meinen Mann als Vater meiner Kinder bin ich wirklich gefesselt. Ich nicke, denke nach, lese meinem Mann Passagen vor. Den niedrigen Sozialbalken der Sims auf sich selbst projiziert – das kennen wir nur zu gut. Die Erfahrung, wie wichtig Absprachen sind, Gemeinsame Zeit und Gleichwertigkeit. Kein neuer Mann ist hier beschrieben, keine neue Mutter, nein – eine neue Familie, eine richtige Familie, in der nicht jeder „seinen“ Teil beiträgt, sondern alle ein bisschen von allem.
Dass beide Erfahrung im Schreiben haben, ist schnell gemerkt. Passende Momente sind treffend herausgearbeitet, Erfahrungsbericht trifft Kolumne. Journalistisch angehaucht mit dem nötigen ernst durch Zahlen, die wir doch so gerne vor uns haben. Schön ist, dass auch hier kein „nur das ist richtig“ aufkommt, sondern immer mehrere Seiten aufgezeigt werden. Viele Wege führen nach Rom. Interessant fand ich vor allem das Kapitel über die Hausarbeit, die ja doch oft zum Hauptdiskussionspunkt wird. „Wann ist die beste Zeit fürs Putzen? Nie natürlich.“, so die Zwischenüberschrift in einem der Kapitel und die trockene Erkenntnis, dass es auch bei 50/50 um Kompromisse gehen kann, um ein für und wider, eine gemeinsame Mitte.
Wichtig ist auch: 50/50 heißt nicht etwa, dass alles mit der Strichliste geteilt wird, streng abgestimmt und kompromisslos geregelt ist. Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit, Augenhöhe – solche Worte fallen oft. Gemeint ist einfach ein großes Wir in allen Bereichen. Die Selbstverständlichkeit, die unsere Gesellschaft erst noch lernen muss, wenn ein Vater Zeit mit dem Kind verbringt und Mama im Büro sitzt. Die Selbstverständlichkeit, dass weder Kindererziehung noch Vollzeitarbeit geschlechtsspezifisch ist, dass Teilzeit für beide tatsächlich eine gute Idee ist und dass dabei wirklich alle profitieren, gemeinsam und auf Augenhöhe.

Kommentare

  1. Hallo Eva-Maria,
    ich habe deine Rezension zu dem Buch „Papa kann auch stillen“ im Blogger Portal von Random House gelesen. Aktuell arbeite ich mich auch durch dieses Buch und schreibe eine Rezension für meinen Blog. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich von deiner Rezension sehr angetan bin. Auf was du alles eingehst und wie du die verschiedenen Punkte beleuchtest, finde ich sehr gelungen. Ich hoffe, dass ich mit etwas mehr Übung vielleicht auch mal ansatzweise so gut durchdachte Rezensionen verfassen kann. 🙂
    Liebe Grüße
    Suzu

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