Palast der Finsternis – Stefan Bachmann

Palast der Finsternis von Stefan Bachmann lag meiner ersten Lovelybox bei. 2017 in der Übersetzung von Stefanie Schäfer bei Diogenes mit 397 erschienen macht das Buch nicht nur wegen des Covers Furore. Auch der Inhalt kann sich sehen lassen.

Anouk reist ohne das Wissen ihrer Familie nach Paris, wo sie mit anderen Jugendlichen an einer besonderen Expedition teilnehmen soll. Doch bald zeigt sich, dass ihre Aufgabe nur Schwindel war. Sie sind in die Falle getappt und nun bleibt ihnen nur der Kampf ums Überleben und gegen eine Vergangenheit, mit der sie auf groteske Weise verbunden sind.

Damals und Heute

Der Roman besteht aus zwei Zeitebenen. Einmal die Haupthandlung von Anouk, einer Antiheldin mit Schuldkomplex. Darüber liegt ein Rahmen, der zu Aurélie führt, Tochter eines Adeligen, die 1789 vor der Französischen Revolution geflohen ist. Doch nicht etwa in ein anderes Land oder ein anderes Leben. Aurélie floh unter die Erde in den Palast ihres Vaters. Jenen Palast, den Anouk in der Gegenwart erkunden soll.

Bei der Vorstellung, dass eine Handvoll Jugendliche statt eines archäologischen Teams eine solche Entdeckung als erste untersuchen sollen, schrillen beim Leser die Alarmglocken. Dass die Figuren in ihrer jugendlichen Naivität darüber kaum und erst viel zu spät nachdenken, bleibt als verwirrender Punkt. Aber als Leser lässt man sich auf einen Roman ein, nimmt solche Anfangsprämissen an. Wenn man das nicht kann, wird das ganze Buch dem Leser zur Qual.

Durch die zwei Zeitebenen entwickeln sich mehrere Spannungsstränge, die erst immer wieder leicht und schließlich am Höhepunkt komplett einander bedingen. Der Trick ist gelungen, denn so geht es nicht nur darum, ob und wie Anouk aus ihrer tödlichen Falle entkommen kann, sondern auch wie nah die beiden Handlungen sich sind, welche Auswirkungen die Vergangenheit tatsächlich auf die Gegenwart hat und auch wie Aurélies eigene Geschichte endet. Diese Finesse hält die Spannung immer wieder oben und übt zusätzlich Faszination aus.

Stark und schwach

Während einige der Nebenfiguren flach bleiben, ist es gerade Anouk, die mich begeistert. Die Menschenfeindin ist eine erholsame weibliche Antiheldin. Etwas, worauf man selten trifft. Eine Figur, die alle hasst, weil sie sich selbst hasst. Die auch gar nicht aus ihrem Menschenhass heraus will. Unterhaltsam und sehr real war mir diese Figur, eine Wohltat zwischen all den weiblichen Figuren der Literatur, die eigentlich nur auf der Suche nach dem Glück sind. Anouk glaubt nicht an Glück. Sie hat eine angenehme „Ihr könnt mich alle mal“-Mentalität, die zwar auf die Probe gestellt, aber nicht von Regen in Sonnenschein verdreht wird. Sie bleibt stimmig und wird zu keinem Moment verkitscht. Von solchen „Heldinnen“ hätte ich gerne mehr.

Auch die anderen Jugendlichen werden psychologisiert, wenn auch nicht so stark wie Anouk. Hier hätte das Buch etwas tiefer gehen können. Mancher Charakter wirkt oberflächlich, ohne, dass es hinterfragt wird. Die Handlangerin von „Dorf“, dem Mann, der die Jugendlichen nach Frankreich lotst beispielsweise. Nein, keine wichtige Figur, dennoch wirkt sie konturlos. Gemeinsam mit den anderen Jugendlichen, die nur selten wirklich aus der Peripherie auftauchen, gewinnt der Roman was die Figuren angeht so an einer Oberflächlichkeit, die ich nur ungern zugebe.

Spannend, trotz kleiner Schwächen: Palast der Finsternis

Denn der Roman fesselt. Er machte mich vom ersten Moment an neugierig und Anouks Ablehnung aus Prinzip gefällt mir nach wie vor gut. Das Buch dominiert durch Spannung, Rätsel und die Aufmerksamkeit des Lesers, die permanent gefordert wird, damit er am Ball bleibt. Kein Buch für zwischendurch? Ich glaube doch, denn es liest sich schnell und mit viel Energie, so dass man als Leser seine Mühe hat, aufzuhören. Eine Eigenschaft, die definitiv zu einem guten Roman gehört.

Ich freu mich über eure Meinungen