Neunzehnter Dezember: Geschenkpapier

Seit einer Stunde saß sie im Arbeitszimmer, die Tür angelehnt, und versuchte die unzähligen Geschenke in das passende Papier zu wickeln. Im Nebenraum, dem Wohnzimmer, saß der Rest der Familie. Der Vater hatte sich einen Kaffee gemacht und war dann von der Tochter genötigt worden nunmehr zum dritten Mal das Katzenbilderbuch vorzulesen. Der Sohn hatte seine Nase in ein Comic vergraben und bekam nicht einmal mehr mit, wenn seine kleine Schwester „Nochmal“ rief oder die Mutter aus dem Arbeitszimmer teils zu sich selbst, teils zu allen anderen sprach.
„Haben wir noch Tesafilm?“
„Wo ist das grüne Papier hin, wir haben doch grünes Geschenkpapier gekauft, grün mit goldenen Tannenbäumen.“
„Merk dir mal, das mit dem roten Papier und dem gelben Band ist für deine Mutter, das mit dem blauen Band für meine.“

Das Licht im Arbeitszimmer ging an und strahlte durch die Ritze der angelehnten Tür, als der erste Schimmer der Dämmerung am Horizont zu sehen war. Irgendwann ging der Vater dazu über, den Fernseher einzuschalten und seiner trockenen Kehle etwas Pause zu gönnen. Der Sohn legte das Buch beiseite und während die Mutter weiter vor sich hin redete und mit Geschenkpapier raschelte, sahen sie sich zusammen einen Weihnachtsfilm. Ein Märchen, oder einen Trickfilm. Sie sahen, wie die Figuren sich im Film fanden und gemeinsam Weihnachten verbrachten. Die Geschenke packte niemand ein, die waren immer schon verpackt, wenn es denn überhaupt welche gab.

An diesem Abend gab es kein warmes Essen, nur belegte Brote, die schnell hinuntergeschluckt wurden, denn die Mutter war irgendwann aus dem Zimmer gekommen, hatte ein „Oh Gott, es ist ja schon gleich Schlafenszeit“ gerufen und alle von der Couch aufgewirbelt. Der Vater rieb sich die Augen, das Mädchen war schon zu müde zum Essen und der Junge vom Fernsehen aufgedreht. Viel zu spät lagen die Kinder im Bett. Die Mutter deckte sie zu und drückte ihnen einen schnellen Kuss auf die Stirn. Sie war noch nicht fertig.

Als ein paar Tage später der Mann keine Ahnung mehr hatte, welches Band zu welcher Mutter gehörte und welches Papier an wessen Geschenke gekommen war, sortierte die Frau die Päckchen wieder auseinander. Der Sohn aber drückte sich irgendwann heimlich an sie heran und flüsterte ihr zu: „Aber nächstes Jahr, Mama, musst du mein Geschenk nicht einpacken. Du kannst es einfach so hinlegen, oder so, dass ich es nicht gleich sehe. Das Geschenkpapier brauch ich nicht.“ Sie drückte ihn fest und versuchte, nicht zu seufzen. Neben ihnen zerriss das Mädchen fröhlich das Papier, die Großmütter knoteten die blauen und gelben Bänder auf, der Mann machte Kaffee.
„Na, vielleicht“, sagte die Mutter und drückte noch einmal ihren Jungen. „Vielleicht kannst du mir nächstes Jahr einfach helfen. Dann bin ich viel schneller fertig.“ Der Junge nickte ernst. „Und dann machen wir es uns gemütlich, ja?“ Da lachte die Mutter und zog ihn abermals an sich heran. „Oder wir machen es uns jetzt gleich gemütlich.“ Und das taten sie dann auch.

© Eva-Maria Obermann

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Kommentare

  1. Rose

    Hallo Eva,
    eine wunderschöne Geschichte mit dem Einpacken der Geschenke. Ja so ist das, wenn man keine kleinen Anhänger bastelt für die Namen und dann an die Päckchen hängt.
    Meinem MAnn würde es genau so gehen wie dem Vater in der Geschichte.
    Danke dir, dass du uns diese hier aufgeschrieben hast.
    LG Rose

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