Namenlos – Nika Sachs

Mit gerade mal 92 Seiten ist Nika Sachs Namenlos: Eine Frankfurter Novelle ein wunderbares Beispiel dafür, dass auch in der Literatur Qualität vor Quantität kommt. Denn in diesen 92, bei BoD 2016 veröffentlichten Seiten steckt verdammt viel.

Namenlos ist der Protagonist, ein schreibender Wirtschaftsmensch, der vor kurzem verlassen wurde. Es ist die Verzweiflung der Einsamkeit, mit der dieses Buch emotional einsteigt. Kein Wort ist Kitsch. Nah an der Figur, vielleicht gerade dadurch, dass kein Name genannt wird. Herr Namenlos trifft eine Frau, sehr klassisch, in einer Bar. Und das ist das einzige klassische daran. Denn die beiden lassen sich auf das Experiment ein, sich ohne Informationen wie Namen kennen zu lernen.

Sprechen Namen?

Was ist er eigentlich, dieser Name. Was bedeutet er. Der Erzähler mimt einen personalen, dass er auktorial ist, merkt der Leser, wenn auch die Frau, ihre Gefühle und Gedanken im Mittelpunkt stehen. Hauptfigur aber bleibt der männliche Part der Erzählung. Und der wünscht sich sehr schnell, den Namen der Frau zu wissen, mit der er sich trifft. Und mehr. Doch was ist es eigentlich, was wir wissen müssen, um jemanden zu kennen?

Name, Herkunft, Auto, Wohnort – Informationen, die wenig über unser Inneres aussagen und doch über unsere Prägung. Manche Dinge werden angesprochen, bekannt gegeben. Sehr langsam aber. Stattdessen diskutieren Herr und Frau Namenlos über eben solche sozialen Strukturen, über Philosophie, Musik, Kunst. Eine Argumentationskultur, die viel verrät, ohne sich an den Normen der Statussymbole (Namen, Auto, Wohnung) abzuarbeiten.

Ein interessantes Experiment, dass viel über die eigentliche Basis einer Beziehung aussagt. Frei von Herkunftsmerkmalen (dazu gehört auch der Name), geht es den beiden erst mal um sich. Eben um ihr innerstes. Die Gespräche sind intensiv, tief und voller Inhalte. Statt beschwörend den Namen des anderen zu Hauchen, wird wirklich gesprochen. Ganz ohne den Rest geht es aber doch nicht. Je mehr die beiden unternehmen, desto mehr tauchen sie auch in das Leben des jeweiligen anderen ein. Bis nur noch der Name fehlt, das letzte Rätsel.

Auch die Katze steht auf Nika Sachs Namenlos
Sprachkunst!

Mythologisch gesehen bietet der Name eine Macht über den anderen. Wer den wahren Namen kennt, kann Menschen, Dinge, Dämonen, besiegen. Heute bedeutet der Name auch die Möglichkeit, den anderen zu prüfen. Digital versteht sich. Wir glauben alles zu wissen, weil wir es nachlesen können. Bilder sehen, Kommentare, Lebensläufe. Doch das ist nur ein Abbild des Menschen, nicht der Mensch wirklich. Nika Sachs schafft es, diesen Umstand aufzugreifen.
Der Stil ist wunderbar. Zwischen sehr klaren Debatten wird es geradezu poetisch. Nicht durch Metaphern, sondern durch die Sprache selbst. Die ist hier nicht nur Kommunikationsmedium, sondern Kunstwerk. Darin gehe ich als Lesende auf, verliere mich, tauche ein. Und so werden auch die Argumentationen nicht einfach dahingestellt, sondern dem Leser als Angebot gemacht. Fast möchte ich mitdiskutieren, so nah waren mir diese Gespräche beim Lesen.

Ihre Geschichte ist schwer und tief. Sie fordert den Leser auf, nachzudenken. Über die Diskussionen der beiden Namenlosen, über das Sozialexperiment an sich. Und über Namen. Diese Anreden, die uns von den Eltern gegeben werden, nach denen wir uns richten. Wir werden benannt und nennen uns. Aber am Ende sind das doch Zuschreibungen. Ich bin mehr als mein Name. Und doch gehört er zu mir.

Namenlos ist eine wundervolle Liebesgeschichte, ohne Kitsch, ohne Schnulziges, ohne Übertreibungen. Bitte lesen!

Kommentare

  1. karin

    Huhu Eva-Maria,
    so eine typische Sache unsere heutigen eher anonymen Gesellschaft oder? Es redet sich leichter ohne wenn und aber .
    Aber auch gefährlich ….siehe zum Beispiel FB….Beschimpfungen ohne das man den Mensch überhaupt kennt….
    LG…Karin…

  2. Pingback: Schneepoet - Nika Sachs - ~Schreibtrieb~

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